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Leben, um zu malen

Lutz Jungrichter nennt sich selbst Autodidakt. Auch mit 75 geht der Bautzener Künstler noch täglich in sein Atelier.

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© Uwe Soeder

Miriam Schönbach

Bautzen. Selbstverständlich hat Lutz Jungrichter seine Kamera dabei. „Ich nutze die Bilder als Erinnerung an den Moment“, sagt der Maler. Die letzten Fotos stammen vom Krankenhausaufenthalt. Aus der obersten Etage gab es einen wunderbaren Blick auf die Altstadt, in der abends der „Reichenturm gelb wie eine Banane leuchtete und die Wolken bizarre Zeichen an den Himmel malten“. Langsam will er diese Impressionen nun mit Acryl festhalten. Mit 75 Jahren geht der Künstler noch täglich in sein Atelier in Rabitz.

Anlässlich seines Geburtstags ist in der Galerie Budissin noch bis 16. Juli eine Ausstellung zu sehen. Lutz Jungrichter schaut sich um. An den Wänden hängen Werke aus den Jahren 2014 bis 2016. „Fischer im Hafen“ erzählen von einer wunderbaren Auszeit auf Rügen. Daneben gibt es Eindrücke aus der Oberlausitz mit Umgebindehaus, Hexenfeuer, einen knorrigen Apfelbaum im Herbst und dunkle Wolken über einem Gewächshaus genauso wie gemalte Eindrücke seiner letzten Venedig-Reise. Ein Besucher durchbricht die Stille. Interessiert schaut er sich um. Irgendwann bekommt er mit, dass der Künstler da ist. Er sagt: „Ihre Bilder wirken auf mich bedrohlich.“ Der Maler antwortet: „Ja, manchmal ist das Leben auch bedrohlich.“

Altmetall gegen Farben

Diesen zerbrechlichen Ernst lernt Lutz Jungrichter schon mit vier Jahren kennen. Nur durch Zufall entgehen er, seine Schwester und Mutter der Februarbombennacht 1945 in Dresden. Dort ist er geboren, seine Großmutter lebt in Bautzen. Die Familie ist zu Besuch, als die Leute in der Stadt auf einmal gen Westen zeigen und sagen: „Da brennt Dresden.“ Am Horizont ist ein roter Schimmer zu sehen und von der Ammonstraße, wo die Familie wohnt, bleibt fast kein Haus stehen. In einer Ein-Raum-Wohnung an der Spree finden sie Unterschlupf.

Mit dem Ende der Kämpfe beginnt für den Jungen eine Abenteuerzeit. Mit dem Schlüssel um den Hals räubert er durch Ruinen und stellt sich schweigend hinter die Maler, die das zerstörte Bautzen auf ihrer Leinwand festhalten. Bei seinen Streifzügen durch die kaputte Stadt trifft er unter anderem so bekannte Künstler wie Friedrich Krause-Osten und Alfred Herzog. Die Maler sitzen an der Michaeliskirche. „Es beeindruckte mich, was dort auf dem Papier entstand“, sagt Lutz Jungrichter rückblickend. In der Schule entdeckt ein Lehrer sein Talent und fördert ihn.

Das Geld für seine ersten Ölfarben verdient sich Lutz Jungrichter durch Einsammeln alter Bleileitungen aus den Trümmern. Nur gegen die Abgabe des Metalls gibt es für ihn im Papierwarenladen in der Reichenstraße neue Tuben mit der wichtigen Maler-Zutat. Da es für ihn unvorstellbar ist, von der Kunst zu leben, beginnt er 1955 eine Ausbildung zum Gebrauchswerber.Er lernt, sozialistische Aufrufe in kerzengerader Schrift zu schreiben und Waschmittelpakete und Konservendosen in Fenster zu stapeln.

Eine Nische gesucht

Die Kreativität bleibt während der Lehre auf der Strecke. Stattdessen sucht sich Lutz Jungrichter eine Nische. Er belegt Kurse am Kunstkabinett, unter anderem bei Harald Metzkes. Nach einem Jahr kündigt Jungrichter 1959 seine feste Anstellung und geht eigene Wege. Sein Freund Horst Bachmann, ebenfalls Maler, holt ihn nach Rabitz. Sie bauen ein Haus. Um Geld zu verdienen, arbeiten sie als selbstständige Gutachter für Sturmschäden der staatlichen Versicherung der DDR.

Nebenher besuchen sie noch Carl Lohse, Marianne Britze und andere bekannte Maler. Sie leben, um zu malen. Mit Ölbildern beginnt er seine Leidenschaft. Von der Kohle wechselt Lutz Jungrichter dann zu den Pastellen. Inzwischen hat er die Acrylmalerei für sich entdeckt. Zudem wird der Künstler ab Mitte der 1970er-Jahre mithelfender Ehemann in der Schmuck-Werkstatt seiner Frau Ferun Jungrichter-Funkat.

Doch mit der Wende schließen die Kunsthandwerksgeschäfte. Um die Familie über Wasser zu halten, nimmt der Mitinitiator des Bautzener Kunstvereins eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme an. Auf den Friedhöfen dokumentiert er die historischen Grabsteine. „Ich habe nie mit meinem Leben gehadert“, sagt er rückblickend und schaut viel lieber nach vorn – wie auf die ersten Striche des neuen Bildes im Atelier. Dieser Augenblick muss aber noch ein bisschen warten. Statt an der Staffelei zu stehen, macht er an diesem Nachmittag Aufsicht in der Galerie. „Ein Bild ist eine Menge von dem, was man in sich hat. Es gab schon Momente bei meinen Italienbildern, da spürte ich beim Malen den Sand unter den Füßen“, sagt Lutz Jungrichter.

Ausstellung in der Galerie Budissin bis 16. Juli, geöffnet Dienstag bis Sonnabend 14 bis 18 Uhr