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Lebende Fackeln und Plüschtomaten

Die Mahnung schallt von oben herab: „Achtet auf Euren Schmuck, Eure Ketten und Ohrringe! In dieser Gegend treibt eine Räuberbande ihr Unwesen!“ Auf hohen Stelzen schreitet Hagen Kellner über den Hof der Bautzener Ortenburg.

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Von Christoph Scharf

Die Mahnung schallt von oben herab: „Achtet auf Euren Schmuck, Eure Ketten und Ohrringe! In dieser Gegend treibt eine Räuberbande ihr Unwesen!“ Auf hohen Stelzen schreitet Hagen Kellner über den Hof der Bautzener Ortenburg. Seine Aufgaben ist es, die Zuschauer auf den „Schrecken der Oberlausitz“ vorzubereiten. Im schwarzen, mit Glöckchen behängtem Umhang sorgt er gemeinsam mit Jongleuren und Akrobaten für die richtige Stimmung vor der Karasek-Vorstellung.

Der 42-Jährige ist Chef des Bautzener Artistenstudios, das seit zehn Jahren den Theatersommer begleitet. Mit neun Jahren hat er in einer AG im Waggonbau damit angefangen, später tourte er als Jongleur und Einradfahrer durch die ganze DDR. Doch abseits der Bühnen und Dorffeste ist Kellner ganz bodenständig. Der gelernte Tischlermeister hat sich mit einer Kfz-Pflege und einer Autovermietung selbstständig gemacht. Für sein Hobby braucht er jedoch viel Zeit. Zwei Mal pro Woche übt er mit den Artisten zwei Stunden lang, fast jedes Wochenende geht es zu Auftritten bei allen möglichen Festen. Zum Glück spielt die Familie mit: Kellners Tochter Judith macht mit acht Jahren ihre ersten Hula-Hop-Darbietungen.

Gauklerin aus Kautschuk

Nur wenig älter ist Christin Huff. Die Zwölfjährige beeindruckt mit „Kautschukdarbietungen“ das Publikum des Theatersommers. Auf einem Tisch verlangt sie ihrem Körper einiges ab, vom Spagat bis zum „Knoten“ reicht ihre Palette. „Zur Premiere war ich ein bisschen aufgeregt“, erzählt die Schlungwitzerin, „sonst aber nicht“. Immerhin ist sie schon seit der ersten Klasse im Geschäft. Die dritte bei der Gauklertruppe ist Peggy Trinkler. Sie ist Meisterin im Jonglieren. Fünf Ringe gleichzeitig lässt die Bautzenerin durch die Luft wirbeln, im Dunklen auch mal Fackeln. Im richtigen Leben jongliert sie eher mit Tabletten und Spritzen. Die 29-Jährige ist Krankenschwester am Bautzener Klinikum. Sie ist ihrer Chefin sehr dankbar. „Sie hat mir vier Wochen lang nur Frühschichten verschafft, sonst würde der Karasek ohne mich steigen.“ Oder sie müsste sich bei manchen Veranstaltungen doubeln lassen.

Das kann sich jedoch nur ein Hauptdarsteller leisten. So jemand wie Hauptmann Palme. Von der acht Meter hohen Leiter muss sich nicht Peter Stahl höchstselbst stürzen, sondern sein Double. Seit dreißig Jahren fällt Bernhard Schirmer berufsmäßig herunter. „Mein erster Auftritt war 1975 im Defa-Streifen ‚Till Eulenspiegel‘“, erzählt der 55-Jährige. Sein Alter sieht man dem drahtigem Stuntman nicht an, in seinem Beruf heißt es fit bleiben. Danach klingen auch Schirmers Hobbys: Klettern, Reiten, Laufen und tägliche Besuche im Fitnessstudio. „Als Stuntman muss man vielseitig sein“, weiß der gebürtige Mühlhausener. „Ich muss aus großen Höhen springen, kämpfen und fechten können, aber auch Motorräder, Autos und Pferde beherrschen.“ Letzteres liegt ihm besonders. In Moritzburg hat er eine Lehre als Facharbeiter für Pferdezucht gemacht, aber Stuntman wollte er schon immer sein. Lampenfieber, nein das kennt er nach dreißig Jahren nicht mehr. „Aber man sollte seine Aufgaben nie zu leicht nehmen, sonst passieren Unfälle.“ Beim Theatersommer ist bis jetzt alles gut gegangen. Hier ist alles ordentlich vorbereitet. „Schließlich ist Theater live, alles muss beim ersten Versuch funktionieren.“ Auch seine Rolle als lebende Fackel will trotz aller Routine gut präpariert sein, denn „wenn es wehtut, ist es schon zu spät.“ Eine Familie hat der Stuntman nicht. „Das bringt der Beruf so mit sich.“ Meist ist Schirmer unterwegs und seine Wohnung in Babelsberg bleibt leer.

Die Darstellerin Katharina Klinger hat eine ganz besondere Beziehung zur Räuberbande des Karasek. Zwar tritt sie nur bei zwei Szenen auf die Bühne, beim Gierschdurfer Schießen und gegen Ende, wo sie Karasek mit Plüschtomaten bewerfen darf. „Der Räuber Klinger ist der Ururgroßvater meines Vaters“, sagt die Görlitzerin bescheiden. Die 27-Jährige strebt wie ihr Urahn einen eher alternativem Broterwerb an: Im Oktober beginnt sie ein Studium der Puppenspielkunst an der Berliner Hochschule „Ernst Busch“. Nebenbei macht sie Karate. „Dabei lerne ich, meinen Körper zu beherrschen. Eine gute Vorbereitung für das Studium.“ Zum Schauspiel wollte Katharina Klinger immer schon, das Theater lässt sie nicht los. „Die Figuren, die ich spiele, bleiben immer in meinem Hinterkopf. Ich kann sie nicht einfach nach der Probe ablegen.“ Und selbst bei der allerkleinsten Rolle plagt Katharina Klinger das Lampenfieber. In die Maske muss sie immer schon anderthalb Stunden vor der Aufführung. Mit ihrem langen orangen Kleid und einem schwarzen Dreispitz verkauft sie Lose auf der Ortenburg. Dabei ist auch Simone Marwitz mit von der Partie. Die 20-Jährige ist über Umwege zu ihrer Rolle gelangt. Eigentlich wollte sie ein Marketing-Praktikum am Volkstheater machen, aber dann wurde beim „Zerbrochenen Krug“ die Souffleuse krank. Sie sprang ein und zeigte Talent. „Mittlerweile spielt sich mein ganzes Leben am Theater ab.“ Geplant hat das die junge Frau nicht. Auch wenn sie ab nächstem Jahr Theaterwissenschaften studieren will, ist sie vor jedem Auftritt nervös: „Ich sterbe dabei jedesmal und brauche jemanden, der mich beruhigt.“ Beim Karasek hat sie drei Auftritte. „Bei einem klaut mir die Räuberbande die Klamotten.“ Ihre Eltern saßen im Publikum und wussten das vorher nicht. „Sie haben sehr komisch geschaut, als ich halb bekleidet auf der Bühne stand.“