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Mutmacher in Corona-Zeiten

Menschen, die nicht mehr weiterwissen, suchen in diesen Tagen Hilfe bei Lebensberater Michael Hillmann aus Großröhrsdorf. Was er ihnen rät.

Gerade in Krisenzeiten hat Lebens- und Firmenberater Michael Hillmann aus Großröhrsdorf ein offenes Ohr für seine Klienten - zurzeit allerdings nur per Video von seinem Dresdner Büro aus.
Gerade in Krisenzeiten hat Lebens- und Firmenberater Michael Hillmann aus Großröhrsdorf ein offenes Ohr für seine Klienten - zurzeit allerdings nur per Video von seinem Dresdner Büro aus. © René Plaul

Großröhrsdorf. Eine Couch gibt es in seinem Büro nicht, sondern einen Tisch und drei Stühle. Bilder von Dampfern an der Wand. Normalerweise sitzt der Großröhrsdorfer Michael Hillmann seinen Klienten von Angesicht zu Angesicht gegenüber. Doch normal ist derzeit ja nichts. In diesen Tagen kann der Lebensberater seinen Gesprächspartnern nur durch den Bildschirm des Laptops in die Augen schauen. Die Stühle um den Tisch sind leer. Aber gerade in Krisentagen wird Rat gebraucht. Dann eben via Internet.

Wobei der 47-Jährige gebürtige Hoyerswerdaer erst auf Umwegen zu diesem Beruf - oder besser der Berufung kam. Ebenso in seine neue Heimat, das Rödertal. Dorthin verschlug ihn die Liebe, inzwischen sei er hier zu Hause, sagt er. Der Beruf als studierter Wirtschaftsingenieur brachte ihn aber erst einmal ins Brandenburgische. Zuletzt als Geschäftsführer des dortigen Landesfußballverbandes. Er habe erst in einem zweiten Studium zum „Personal und Business Coach“ umgesattelt und viel über Psychologie gelernt.

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Viele persönliche Krisen durchlebt

Persönliche Gründe gaben den Ausschlag für das Studium. Beruflich wie privat habe er  viele Krisen bewältigt, nun wollte er den Erfahrungsschatz unbedingt an andere Menschen weitergeben. So habe er nach dem ersten Studium 180 Bewerbungen geschrieben: „In dieser Zeit schien ich manchmal der Verzweiflung nah. Was war meine Ausbildung wert, mein Fleiß, meine Zielstrebigkeit?“ Nicht aufgeben, sich immer wieder auf sich selbst besinnen, war die Konsequenz.

Familiäre Ausnahmesituationen seien besonders prägend gewesen. Die schwerste Zeit durchlebte Hillmann, als er seine krebskranke Mutter begleitete: „Aus dem Tod meiner Mutter habe ich sehr viele Erfahrungen gewonnen, die mir heute helfen, Menschen in diesen Stunden als Trauerbegleiter und Redner einfühlsam zu unterstützen.“ 

Er begleite außerdem Existenzgründer auf dem Weg in die Selbstständigkeit. Allein im Raum Kamenz-Rödertal waren es vier kleine Unternehmen in den vergangenen anderthalb Jahren: Dazu gehörten ein Kamenzer Spediteur, eine Pension, eine Frau, die hochwertige Babysachen in Handarbeit kreiert, und eine Physiotherapie in Großröhrsdorf. Lysann Kaschel eröffnete ihre Praxis vor einem reichlichen Jahr. Sie sei dem Großröhrsdorfer noch heute für die Hilfe bei der Praxisgründung dankbar, lässt sie wissen.

Menschen mit großen Ängsten

Online sei die Beratung leider nicht so persönlich wie gewohnt, räumt Michael Hillmann ein. „Ich möchte, dass sich meine Klienten in einen geschützten Raum begeben, in dem sie sich öffnen können: Um darüber zu reden, was sie in ihrem Leben verändern möchten und wie das zu schaffen ist. Um versteckte Seiten in sich selbst zu entdecken, Potenziale zu entwickeln."

Immerhin gehe es um Menschen, die sich oft an einem Scheideweg befinden. Wie an diesem Vormittag die Frau vor ihm auf dem Bildschirm. Sie möchte ihre eigene Firma gründen – eine Beratungsfirma. Doch ihr Firmenstart fällt in eine Zeit großer Unsicherheiten. Gibt es Zweifel?

„Nein. Sie geht sehr bewusst ihren Weg und ich bestärke sie darin, ihrem Herzenswunsch zu folgen“, sagt Hillmann. „Derzeit kommen immer mehr Menschen zu mir, die einfach nicht mehr wissen, wie es mit ihnen oder ihrem Unternehmen weitergeht.“ Deshalb müsse er gerade jetzt fit sein in den ganzen Förderprogrammen. "Wir können dann gemeinsam nach dem passenden Programmen schauen und Hilfe beantragen." Gerade kleine Firmen hätten es jetzt schwer zu überleben.

Andere hätten Probleme, in dem Dschungel von Einschränkungen zurecht zu kommen: „Welchen Service darf ich überhaupt noch anbieten und in welchem Umfang? Wann bekomme ich mein gewohntes Leben wieder zurück? Es sind große Ängste, der Verlust der Firma, des Jobs durch die Epidemie und die Angst, sich selbst anzustecken.“ Da komme es auf die richtigen Worte an.

Epidemie mit Nebeneffekten?

Auch Michael Hillmann kann nicht sagen, wann diese Krise vorbei ist. Er ist Berater, kein Hellseher: „Wichtig ist es, gerade in dieser Krise, kleine Dinge zu schätzen, die das Leben schön machen.“ Spaziergänge allein oder zu zweit seien wichtig. Er zeige Wege auf, nicht zu verzweifeln, sondern die Situation anzunehmen und Hoffnung zu haben: „Rücken Sie in der Familie zusammen, stützen Sie sich gegenseitig, sprechen sie über persönliche Gefühle.“ Frauen öffnen sich leichter als Männer, ist die Erfahrung des Großröhrsdorfers. Christen kann auch der Glaube helfen.

Aufgabe des Beraters sei es, verschüttete Fähigkeiten wieder ins Bewusstsein zu holen. Manchmal helfe es schon, einfach zu reden: „Wir leben in einer wettbewerbsorientierten Gesellschaft. Menschen denken, sie werden verurteilt oder ausgelacht. Sie verlernen,  offen zu sein. Jeder will stark sein und durchhalten. Ich höre zu, nehme die Sorgen und Gefühle ernst." Er wolle Menschen helfen, besser durch die Krise zu kommen.

Mit der Existenzgründerin hat Michael Hillmann fünf Stunden lang am Geschäftsplan gearbeitet. Vielleicht, so hofft er, habe diese furchtbare Epidemie ja auch positive Nebeneffekte: „Ich sehe die Chance für ein besseres Miteinander, mehr Solidarität füreinander. Wenn das bleibt, wäre viel gewonnen.“ Er wolle gern dazu beitragen - hoffentlich bald wieder von Angesicht zu Angesicht.

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