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Leckermäulchen-Erfinder tingelt übers Land

Dr. Jürgen Clauß aus Dresden kam per Rad zum Seniorenclub. Der Käse-Professor erzählt spannende Geschichten.

© kairospress

Von Kathrin Krüger-Mlaouhia

Er war schon in Großenhain, Wildenhain, Staucha oder Schönfeld. Und nun erzählt er auch vor den Kalkreuther Senioren über Milch und Quark – der Käseprofessor Dr. Jürgen Clauß aus Dresden. Eigentlich könnte er übers Leckermäulchen referieren, das er vor 36 Jahren erfunden hat.

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Doch nur noch ungern spricht er über die Idee, die ihm bei einem Ausflug an die Pleiße 1977 kam. An der Bleilochtalsperre habe er sich mit einem Kommilitonen getroffen. „Ich hatte eine schöne lockere Zitronencremetorte mit. Mein Kommilitone war begeistert und meinte, so etwas Lockeres müsse doch auch als Quarkspeise zu machen sein“, so Clauß. Als Lebensmittel-Technologe am Institut für Milchwirtschaft in Oranienburg entwickelte er daraufhin die Rezeptur und technische Variante zur Herstellung in der Großproduktion: Eines der erfolgreichsten Ostprodukte war geboren. Überall in der DDR liebte man den aufgeschäumten Milchquark, der in Bechern für eine Ostmark bis 1989 verkauft wurde. „In 18 Produktionsstätten wurde Leckermäulchen hergestellt, auch in der Molkerei Großenhain“, lässt sich Clauß entlocken.

Noch mit 70 auf dem Fahrrad

Doch Jürgen Clauß war wirtschaftlich nicht weitsichtig genug, um sich auch den Namen und das Logo dafür schützen zu lassen. Den finanziellen Erfolg heimsen heute andere ein: die Firma Frischli in Weißenfels. Deshalb möchte der 70-Jährige am liebsten gar nicht mehr darüber reden. „Bitte kein Wehklagen wegen Leckermäulchen und so. Ich habe trotzdem ein erfülltes und schönes Leben und kann noch nützlich sein“, so der rüstige Dresdner. Trotz seiner Multimedia-Ausrüstung kam er nun per Fahrrad nach Kalkreuth. 143 Mal hielt er solche Vorträge im Vorjahr. „Das ist doch nicht schlecht, oder?“, fragt er in die Runde. Er hält sich für einen „nicht ganz Alten, der sich für die Älteren nützlich machen kann“. Zum Beispiel mit computergestützten Vorträgen. Recht einfach-unterhaltsam mit Animationen, Geräuschen, Musik und Videosequenzen. Die Kalkreuther Senioren von der Volkssolidaritäts-Ortsgruppe lauschen mehr oder weniger aufmerksam.

Hat nicht aber auf dem Dorf jeder Ältere irgendwie Ahnung von Milch und Käse? „Schon, aber so in dieser Form hört man es nicht alle Tage“, sagt eine Zuhörerin. Schon der Vortrag von Jürgen Clauß im Vorjahr zu Kaffee und Schokolade gefiel den Senioren gut. Immerhin plaudert der Lebensmittel-Technologe aus langjähriger Erfahrung. Er weiß, warum man einst mit Joghurt schon Könige geheilt hat. Und wer es war, der erstmalig Joghurt im Beutel am Gürtel trug: die Thraker. Laut Tacitus waren es zudem die Römer, die den Käse nach Germanien brachten.

Jürgen Clauß bringt seine Weisheiten mit herkömmlichem Witz und wohlfeiler Unterhaltung an den Mann. Nicht zu Unrecht nennt man den promovierten Lebensmittel-Technologen mit 40-jähriger Berufserfahrung den „verrückten Käse-Professor“. Denn seine Reime sind manchmal etwas schräg. Doch seine populärwissenschaftlichen Ausflüge in die Milchwirtschaft von Ost und West kommen offenbar beim Publikum an. Der Mann aus Dresden-Coschütz könnte indes noch ganz andere Storys erzählen: dass er vor sechs Jahren im Verbraucherschutz-Ministerium des Bundes 100 Tage bei einem Staatssekretär Praktikum machen konnte. Und dabei einen Informationsdienst über die Milchwirtschaft eingerichtet hat. Damals war Schröder noch Kanzler, und Clauß schnupperte auch in den Landwirtschaftsausschuss. Er könnte auch erzählen, dass er vor einigen Jahren in Riesa auf der Freitaler Straße wohnte und noch seinen Garten in der Elbestadt hat. Natürlich fährt er mit dem Rad dahin.