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Leben und Stil

"Lehrer, haltet Kontakt zu Euren Schülern“

Sachsens Landesschulpsychologin Ina Donath erklärt, was überforderten Kindern zu Hause hilft und wie sie durchhalten.

Schon seit zwei Wochen findet in Sachsen kein regulärer Unterricht mehr statt.
Schon seit zwei Wochen findet in Sachsen kein regulärer Unterricht mehr statt. © Symbolbild/Kay Nietfeld/dpa

Woche drei des Lernens zu Hause. Für viele Schüler ist das Pensum, das die Lehrer aufgeben, nicht zu schaffen. Andere sind unterfordert. Elternvertreter fordern eine bessere Kommunikation. Wie die aussehen sollte, erklärt Ina Donath, Landesbeauftragte der Sektion Schulpsychologie beim Bund Deutscher Psychologen, im SZ-Interview.

Frau Donath, wie schätzen Sie die aktuelle Situation ein?

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Die Schulen arbeiten sehr unterschiedlich, manche geben nur Aufgaben heraus. Andere sind sehr nah dran an ihren Schülern. Das begrüßen wir. Andererseits denken wir, dass jetzt nicht die Zeit ist, in der extremer Wissenserwerb erfolgt. Man kann das eher als verlängerte Hausaufgaben bezeichnen. Trotzdem klagen viele über zu viel Lernstoff. Kinder und Eltern wissen oft nicht, wie sie das anstellen sollen.

Was ist aus Ihrer Sicht jetzt wichtig?

Vielen Schülern fehlt die persönliche Rückmeldung. Für Kinder ist es nach einer gewissen Lernzeit allein mit den Eltern nötig, einmal von ihrem Auftraggeber zu hören, wo sie stehen. Daher ist meine Bitte an die Lehrer, es irgendwie zu versuchen, persönlichen Kontakt mit den Schülern zu halten.

In welchem Rahmen stellen Sie sich das vor? Nicht jeder Fachlehrer kann jeden Schüler kontaktieren.

Nein, das geht natürlich nicht. Ich denke da eher an die Klassenlehrer. Sie könnten einen Kontakt anbieten, die Schüler anrufen. Die Situation ist für alle neu, keiner hat Vorerfahrungen. Aber die Lehrer kennen ihre Schüler. Sie wissen, wem es schwerer fällt, wer mehr Hilfe braucht. Sie können einschätzen, wer die Aufgaben nicht bewältigen wird, wenn sie per Mail oder Post verschickt werden. Da sollte der Lehrer nachfragen, wie der Schüler lernt, wo es hängt, wo der Lehrer helfen kann. Das erfordert Kreativität, weil ja nicht überall die gleichen technischen Voraussetzungen bestehen. Manche Schulen bieten per App eine Videokonferenz an, andere haben E-Mail-Kontakt. Manche Lehrer berichten von Mentorenschülern, über die sie alle Klassenkameraden erreichen. Bei Grundschulen muss das über die Eltern laufen, bei älteren Schülern nach persönlicher Vereinbarung. Darüber hinaus sollte es immer eine Möglichkeit geben, dass Schüler auch Kontakt zu ihren Fachlehrern herstellen.

Wo sehen Sie als Schulpsychologin das größte Problem?

Das Hauptproblem ist die Motivation. Gerade bei Schülern, denen es ohnehin schwerfällt. Wenn sie jetzt nur vor einen Aufgabenblock gesetzt werden – das wird nichts. Die Eltern können das nicht immer kompensieren. Dann verlieren die Kinder immer weiter Lerngrund, und es wird wirklich schwierig. Diese Schüler müssen die Lehrer erreichen, um sie müssen sie sich kümmern. Zum Beispiel, indem sie auch mit den Eltern Rücksprache halten, Hilfe anbieten, Tipps geben, mit welchem Mitschüler sich das Kind gut versteht und mit wem es eine Lerngruppe bilden könnte.

Bauen solche Kinder jetzt schon Versagensängste auf?

Für die meisten liegt der Tag, an dem die Schule wieder beginnt, in weiter Ferne. Jetzt ist es noch eine knappe Woche bis zum Beginn der Osterpause, dann kommen die Ferien. Und ob es danach wirklich wieder losgeht, kann momentan keiner sagen. Erst einmal ist das für viele Kinder eine totale Entlastung. Viele freuen sich, den sozialen Druck nicht zu haben, und sind offener fürs Lernen. Die Leistungsängste sind erst einmal weg. Andere schieben das alles weg, und ruhen sich darauf aus, dass sie es nicht allein hinbekommen. Sie haben besonderen Aufmerksamkeitsbedarf von ihren Lehrern, auch jetzt.

Die meisten Familien haben eine Lern-Routine für zu Hause entwickelt. Aber je länger der Zustand dauert, umso schwerer fällt es. Wie hält man durch?

Man muss sehr viel Disziplin haben. Wenn auch andere Familienmitglieder zu Hause arbeiten müssen, ihre Ruhe, Freiaum, W-LAN brauchen, kommt es zu Konflikten. Die Fluchtmöglichkeiten sind geringer, man ist schneller gereizt. Alles andere wäre eine Illusion. Da sollten vor allem die Eltern Toleranz haben, darüber stehen. Manchmal klappt es nicht, dann explodiert es. Na und? Dann geht es aber auch weiter.

Inzwischen sind viele Kinder niedergeschlagen. Woran erkenne ich, ob mein Kind depressiv wird?

Wenn es sich immer weiter zurückzieht und nicht mehr ansprechbar ist auf normale Dinge, die ihm vorher immer Freude gemacht haben. Dass es ruhig ist, schweigt, sich in sein Zimmer verkrümelt, eine lapidare Abwehrhaltung gegenüber den Eltern zeigt: „Was wollt ihr denn schon wieder? Lasst mich in Ruhe, ich mache das schon.“

Wie kann ich meinem Kind helfen?

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Hartnäckig dran bleiben. Raus holen aus dem Loch, es hilft ja alles nichts. Sagen: „Nein, komme jetzt raus aus deinem Zimmer, hilf mir beim Essen kochen.“ Und immer nachfragen, was los ist. Dazu kommt, dass wir ja nicht unter Quarantäne stehen. Jagen sie ihr Kind eine Stunde an die Luft, dann sind Geist und Körper frischer, und dann lassen sich die Aufgaben besser bearbeiten. Und seien sie großzügig beim Umgang mit dem Handy. Für ihre Kinder ist es das Fenster zur Welt. Hilft das alles nicht, nutzen Sie Hilfsangebote.

Das Gespräch führte Susanne Plecher.

Hier gibt es anonym und kostenfrei Rat:

  • Telefonseelsorge: 0800 1110111 oder 0800 1110222

  • Elterntelefon: 0800 1110550

  • Nummer gegen Kummer für Kinder und Jugendliche: 116111

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