merken
PLUS

Tausende Lehrer fordern mehr Geld

Viele Pädagogen streiken heute vor dem Finanzministerium in Dresden. Einer von ihnen ist Gerd Apelt. Er liebt seinen Beruf. Doch es gibt Dinge, die er ungerecht findet.

Lehrer demonstrieren am Dresdner Carolaplatz.
Lehrer demonstrieren am Dresdner Carolaplatz. © Robert Michael

Gerd Apelt ist Lehrer mit Leib und Seele. Wenn im Sommer eines jeden Schuljahres zum ersten Mal die Schulanfänger durch die Gänge hüpfen, weiß er: Ich habe den richtigen Beruf. Er wollte immer mit Kindern arbeiten und ist deshalb Pädagoge geworden. Apelt ist Grundschullehrer an der 139. Grundschule in Gorbitz, in diesem Jahr feiert er sein 30-jähriges Dienstjubiläum. Doch so sehr er seinen Beruf liebt: Es gibt ein paar Dinge, die er als ungerecht empfindet. Deshalb ist er am Donnerstag gemeinsam mit seinen Kollegen auf die Straße gegangen.

Am Vormittag fand die zentrale Kundgebung der Pädagogen und anderer Landesbeschäftigen des öffentlichen Dienstes, wie Polizisten, vor dem Finanzministerium am Carolaplatz statt. Aufgerufen zum Warnstreik hatten die Gewerkschaften Verdi und die GEW, für die sich Apelt seit vielen Jahren engagiert.

Alles zum Berufsstart

Deine Ausbildung finden, die Lehre finanzieren, den Beruf fortführen - Hier bekommst Du Stellenangebote und Tipps in der Themenwelt Arbeit und Bildung.

Der Grundschullehrer ist an diesem Donnerstag nicht allein: Mit ihm versammelten sich seit dem Morgen Tausende Kollegen, um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen. Sie waren zufrieden mit der Streik-Beteiligung und dem Wetter. Die GEW sprach von mehr als 5.000 Lehrern aus den Regionen Bautzen und Dresden. Die Gewerkschaften fordern unter anderem sechs Prozent mehr Geld, mindestens aber 200 Euro mehr im Monat. Für Pflegebeschäftigte soll es 300 Euro mehr geben, für Azubis mindestens 100 Euro. Eine Rednerin auf der Bühne war Uschi Kruse, die Vorsitzende der GEW Sachsen, die neben Forderungen auch eine Stellungnahme zu Vorwürfen parat hatte. „Immer wieder hören wir, wegen des Streiks gebe es Unterrichtausfall. Doch nicht wegen uns fällt viel aus, sondern aufgrund der verfehlten Personalplanung des Freistaates“, so Kruse.

Außerdem geht es beim Arbeitskampf um die stufengleiche Höhergruppierung. Werden Pädagogen in eine höhere Gehaltsklasse befördert, fallen aber viele eine Erfahrungsstufe zurück. Diese richtet sich nach der Dauer der Beschäftigung. „Das ist ungerecht, die Erfahrung bleibt ja“, so Gerd Apelt, der als Grundschullehrer Deutsch, Mathematik und Werken unterrichtet. Zumal sich viele erfahrene Pädagoge ohnehin ungerecht behandelt fühlen, da die Verbeamtung der Lehrer in Sachsen nach neuem Beschluss nur bis zum Alter von 42 Jahren geht. Das bestätigt auch Rica Gottwald, Lehrerin an der 30. Oberschule und Linken-Stadträtin, die auch am Streik teilnahm. „Es geht eine Spaltung durch das Lehrerzimmer, zwischen den jungen verbeamteten Kollegen und den Älteren.“

Apelt selbst ist auch nicht verbeamtet, konnte daher am Donnerstag mit streiken. Ein Recht, das für Beamte nicht gilt. Sie dürfen nicht mit auf die Straße. Ihm geht es nicht nur um das Geld, sondern um mehr Anerkennung des Berufs und bessere Arbeitsbedingungen. „Es hat sich in den 30 Jahren, in denen ich den Beruf mache, viel verändert: Heute müssen Lehrer nicht nur Lehrer, sondern vor allem auch Sozialpädagoge sein“, sagt er.

Nicht nur in sozialen Brennpunkten wie in Gorbitz, wo er arbeitet, sondern auch in den meisten anderen Schulen. Konflikte mit den Eltern, Gewalt, Sucht, Mobbing untereinander – all das bekommen die Lehrer beinahe täglich mit. Zeit zum Zuhören sei oft knapp, sagt Apelt. „Die Personaldecke ist an allen Schulen dünn. Es fehlen überall Lehrer“, sagt er.

Mitten unter Tausenden Streikenden: Gerd Apelt 
Mitten unter Tausenden Streikenden: Gerd Apelt  © Sven Ellger

Wenn dann noch Kollegen wegen Krankheit ausfallen, kommen alle an ihre Belastungsgrenzen. „Seit Jahren kämpfen wir auch um eine Klassenleiterstunde, die fest eingeplant ist, um mit den Kindern mal in Ruhe sprechen zu können.“ Er selbst unterrichtet gerade hauptsächlich Werken und hat keine eigene Klasse, da er für seine Arbeit im Personalrat teilweise freigestellt ist. Doch er kennt die Sorgen der Kollegen. Drastisch verändert habe sich auch der Wissensstand, mit dem die Erstklässler eingeschult werden. „Da gibt es Kinder, die mit Vorlesen aufwachsen und gut sprechen, und solche, bei denen der Fernseher der Babysitter ist und die große Probleme haben“, erzählt Apelt. Viele der Lehrer seien dann beschäftigt, die Klasse auf einen Stand zu bringen.

Insgesamt beteiligten sich nach Angaben des Landesamtes für Schule und Bildung 2.200 Lehrer aus Dresden an dem Ausstand. Dabei gab es Schulen, wie die 4. Grundschule, die sich komplett beteiligten. Andere, wie die 46. Oberschule, hatten fast normalen Schulbetrieb mit wenig Vertretungen. Schulleiter Jens Reichel vom Gymnasium Bürgerwiese sprach am Donnerstagmorgen von „einigen wenigen Pädagogen, die sich beteiligten.“ Ausfall habe es keinen gegeben, der Unterricht fände nach Vertretungsplan statt. So lief es auch am Gymnasium in Klotzsche.

Weiterführende Artikel

Symbolbild verwandter Artikel

Ein Streik muss wehtun

Eltern sollten sich trotz aller Umstände auf die Seite der Lehrer stellen, findet SZ-Redakteurin Julia Vollmer. 

Symbolbild verwandter Artikel

Warum die Lehrer streiken und auf die Straße gehen

Auch heute und morgen gibt es wieder Warnstreiks. Die SZ erklärt, was die Lehrer damit erreichen wollen – und ob die Schulen geschlossen werden.

Wie es nun weitergeht, bleibt allerdings offen. Ende des Monats gibt es wieder Verhandlungen. Bleiben diese ohne Ergebnis, kündigen die Gewerkschaften neue Streiks im März an. Auch Gerd Apelt wird dann wieder mit dabei sein. (mit SZ/mja)  

Gerd Apelt ist seit vielen Jahren in der GEW. 
Gerd Apelt ist seit vielen Jahren in der GEW.  © René Meinig