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Lehrlinge gesucht

Seltene Handwerksberufe werden beliebter. In Niesky und Weißwasser suchen Unternehmen dennoch dringend Azubis.

© André Schulze

Von Susanne Sodan

Wie geht's Brüder

Eine Reportagereise durch Osteuropa 30 Jahre nach dem Umbruch auf Sächsische.de

Bloß nicht das Gleichgewicht verlieren. Und immer die vereisten Stellen meiden. Jeden Tag ist Erik Trapp auf den Dächern von Niesky, Kodersdorf, Särichen bis nach Diehsa unterwegs. Und zwar noch ganz traditionell im Kehranzug. Arbeitsbeginn früh um sieben, Kälte, Schnee, Sturm – das sind die harten Seiten am Beruf des Schornsteinfegers. „Wir lassen auch nicht einfach nur den Besen in den Schornstein fallen und fertig“, erzählt Schornsteinfeger-Geselle Kai Smieszek. „Da gehört mehr dazu.“ Erik Trapp hat sich trotzdem für eine Ausbildung in dem seltenen Beruf entschieden. Wer will nicht gerne als Glücksbringer gelten?

Laut der Zahlen der Handwerkskammer Dresden steht er nicht alleine da. Insgesamt verzeichnet das Handwerk einen Sprung nach oben bei den Lehrlingszahlen – immerhin um acht Prozent im Vergleich zu 2013, teilt Anke Richter, Pressereferentin der Handwerkskammer Dresden mit. Auch bei seltenen Berufen wie Böttcher, Buchbinder, Goldschmied und Maßschneider wachse das Interesse. Ist die große Nachwuchsflaute im Handwerk vorbei?

„Es bleibt schwierig, einen Lehrling zu finden. Da muss man viel Initiative reinstecken“, erzählt Boris Schröder, Schornsteinfeger-Meister und Erik Trapps Chef. „Die Zeit, in der im Jahr sieben, acht Bewerbungen eingegangen sind, ist vorbei.“ Viele Menschen kennenlernen, viel draußen sein, viel herumkommen in der Region – das sind die Gründe, warum sich Erik Trapp für das Schornsteinfegerhandwerk entschieden hat. „Ich wollte keinen Büro-Job“, erzählt er. „Ich habe aber den Eindruck, genau das ist der Wunsch vieler junger Menschen“, sagt Boris Schröder. Wer will sich noch gerne richtig schmutzig machen? Glücksbringer hin oder her. Auch für dieses Jahr sucht er wieder Nachwuchs. Im Bekanntenkreis hat er das gestreut, an einer Kampagne der Handwerkskammer nimmt er teil, beim Arbeitsamt ist die Lehrstelle eingeschrieben. Und die drei Schornsteinfeger sind zuversichtlich. „Die Perspektiven für die Azubis sind gerade gut“, sagt Kai Smieszek. „Viele Meister hören wegen Altergründen auf.“

Von einem deutlichen Bewerberzuwachs ist aber kaum etwas zu spüren. Auch bei David Petrick, Geschäftsführer von VSP-Event in Schleife nicht. Schon lange sucht er nach einem Azubi in einem eigentlich sehr beliebten Beruf: Veranstaltungstechniker. „Mancher Bewerber geht tatsächlich davon aus, dass man mit diesem Beruf jedes Wochenende Party machen kann.“ Die Realität sieht anders aus: Wochenendarbeit, 24 Stunden auf den Beinen. Dass das Berufsbild nicht zum Traumbild passt, ist ein Grund, warum Petrick keinen Azubi findet. Das Hauptproblem aber ist ein anderes: Es bewirbt sich schlichtweg von vornherein kaum jemand.

Vom Lehrlings-Plus bekommt der Landkreis Görlitz tatsächlich am wenigsten ab. Während in Dresden vergangenes Jahr knapp 600 und im Landkreis Bautzen 430 Lehrverträge geschlossen wurden, sind es im Landkreis Görlitz nur 240. Mit dem Problem kämpft auch Kathrin Wuttig von der Elektro-Technik Niesky. Ausbildungen zum Fachverkäufer und zum Elektroinstallateur werden angboten. „Wir hatten ganz wenige Bewerber. Und bei denen stimmten oft die Leistungen einfach nicht.“ Handwerklich sind diese Leute vielleicht trotzdem begabt, „wenn sie aber in der Schule nicht mithalten können, bringt das am Ende auch nichts.“

Um das Interesse zu wecken, bieten viele Unternehmen Praktika an. Beim Waggonbau Niesky gibt es zum Beispiel Praxisunterricht, auch das Emmaus-Krankenhaus arbeitet eng mit den Schulen zusammen. Und auch bei Berufsmessen wie dem Insider in Löbau ist das Unternehmen vertreten. Das alles helfe aber nicht gegen ein grundsätzliches Problem: den demographischen Wandel.

Der zeigt sich zum Beispiel an der Nieskyer Oberschule. Waren es 2006 noch 106 Haupt- und Realschüler, die ihren Abschluss gemacht haben, werden es dieses Jahr voraussichtlich 43 sein. „Wir bemühen uns sehr, unsere Schüler mit regionalen Unternehmen bekannt zu machen“, erklärt Schulleiterin Winnie Scholz-Kunitz. Schon lange hängt zum Beispiel das Poster für die Messe Karriere-Start in Dresden an den Wänden. Für die Insider-Messe wird bald wieder Infomaterial ausgegeben, regelmäßig stehen für die Jugendlichen Praktika an. Und trotzdem zieht es viele weg aus der Oberlausitz. „Das kann man den Schülern aber nicht zum Vorwurf machen“, sagt Winnie Scholz-Kunitz. „Wer 16 Jahre in einer Kleinstadt oder auf dem Land gelebt hat, will auch mal etwas anderes sehen.“ Auf ein Wort

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