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Leicht, spritsparend und leise

Mit geflochtenen Carbonfelgen macht Thyssenkrupp Carbon Components aus Kesselsdorf Furore.

Jens Werner, Geschäftsführer von TKCC, (r.) und Wirtschaftsminister Martin Dulig betrachten die neuartigen Felgen.
Jens Werner, Geschäftsführer von TKCC, (r.) und Wirtschaftsminister Martin Dulig betrachten die neuartigen Felgen. © Matthias Rietschel

Von Maik Brückner

Recht unscheinbar sieht der Firmensitz des Kesselsdorfer Unternehmens Thyssenkrupp Carbon Components (TKCC) aus. Doch im Inneren arbeitet mehrfach patentierte Spitzentechnik „Made in Saxony“.

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Mit der stellt das Unternehmen Auto- und Motorradfelgen aus Carbon her, die unter anderem an Porsche und BMW geliefert werden. Diese Felgen sind nach Unternehmensangaben um 50 Prozent leichter als herkömmliche Aluminiumräder, helfen beim Spritsparen und besitzen eine bessere Bodenhaftung. Und sie dämpfen die Rollgeräusche um den Faktor 1.000. Gerade bei schwereren und lauteren Elektrofahrzeugen ein Plus.

Nur ausgewählte Besucher werden durch die Anlage geführt. Einer davon ist Sachsens Wirtschaftsminister Martin Dulig (SPD), der dem Unternehmen in dieser Woche zum zweiten Platz beim Innovationspreis Top 100 gratuliert hat. Geschäftsführer Jens Werner (41) freute sich über diese Anerkennung: „Innovationen sind unser Kerngeschäft.“ Den Preis gab es für die patentierte Produktion, deren Grundlagen Werner während seiner Zeit an der TU Dresden selbst entwickelt hat.

Größte Radialflechtanlage der Welt

„Wir sind weltweite die einzige Firma, die Carbonräder mit Straßenzulassung herstellen kann“, sagt er. Diese entstehen – vereinfacht gesagt – in einem textiltechnischen Prozess, der ähnlich von statten geht wie die Herstellung von Kleidung. Zum Einsatz kommt dabei die weltweit größte Radialflechtanlage, die es dem Unternehmen ermöglicht, eine größere Menge des Werkstoffs Carbon zu verarbeiten als bisher üblich. „Mit der Anlage werden Vorformen hergestellt, die mit einem speziellen Kunststoff getränkt werden“, erklärt Werner. Dadurch entsteht das Carbonbauteil.

Das Unternehmen wurde 2012 als Joint-Venture des Leichtbau-Zentrums Sachsen, einem Start-up der Technischen Universität, und dem Konzern Thyssenkrupp in Dresden gegründet. 2013 zog es nach Kesselsdorf. „Wir sind mit einer Vision gestartet, haben hier eine leere Halle vorgefunden“, sagt Geschäftsführer Werner. „Wir haben jede Maschine, jeden Prozess, jedes Produkt komplett vom Blatt Papier neu entwickelt“. Und patentiert.

Die Firma hält derzeit weltweit knapp 300 Patente in über 25 Patentfamilien. „Diese Patente sichern uns unseren weltweiten Erfolg. Es gibt nicht wenige, die uns gern imitieren würden.“ Doch durch den Patentschutz kann das Unternehmen seine Technologie in den nächsten zehn, 15 Jahren ungestört weiter nutzen.

Deshalb setzt das Unternehmen, das mit zwei Mitarbeitern gestartet wurde, auf Wachstum. Inzwischen beschäftigt die Firma 100 Mitarbeiter – vom ungelernten Hilfsarbeiter bis hin zu gut ausgebildeten Ingenieuren mit Doktortitel.

Neue Aufträge in der Krise

Werner kann sich vorstellen, dass die Belegschaft in absehbarer Zeit auf bis zu 1.000 Mitarbeiter anwächst. Das Firmengelände bietet Platz für die nächste Erweiterung. „Ab einem gewissen Zeitpunkt wird es notwendig, in neue Standorte zu gehen.“ Er sollte sich in der Nähe befinden, denn von der Nähe zur universitären Forschung und zur Landeshauptstadt mit dem Potenzial an Fachkräften möchte das Unternehmen gern weiter profitieren.

Doch auch Thyssenkrupp Carbon Components hat mit den Auswirkungen der Corona-Pandemie zu kämpfen. „Bei uns haben sich Projekte und damit Zahlungen verzögert.“ Die Folge: Kurzarbeit für zwei Monate. „In der Zeit haben wir aber auch zwei neue große Projekte gewinnen können. Von daher hatte die Krise durchaus auch positive Effekte und ist für uns recht positiv ausgegangen“, so Werner.

Das Unternehmen will sich nun weitere Standbeine schaffen und arbeitet an der Entwicklung von Federn und Stabilisatoren für die Automobilbranche und an Teilen für die Herstellung von E-Bikes. Auch im Baugewerbe sollen bald Produkte der Kesselsdorfer Firma zum Einsatz kommen. Werners Ingenieure haben Bewehrungsstäbe für Carbonbeton entwickelt, die zurzeit in einem Pilotprojekt in Dresden getestet und eingbaut werden. „Auch im Baugewerbe zeichnen sich Vorteile ab“, erklärt Werner. So im Brückenbau. Herkömmlicher Stahlbeton müsse nach 30 Jahren erneuert werden, Schwerlastbrücken aus Carbon hielten bis zu hundert Jahre. 

Minister Dulig zeigte sich von der Entwicklung des Unternehmens beeindruckt. Die Firma knüpfe an die lange Tradition der Werkstoffentwicklung im Freistaat an und sei als Carbonspezialist ein Beispiel für die Innovationskraft dieser Hightech-Branche. „Ich bin megastolz“, sagte er. TKCC ist nicht nur in der Forschung erfolgreich, sondern wende die Ergebnisse auch an. „Ich sehe eine Riesenchance, dass aus dem Unternehmen noch etwas Größeres wird.“

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