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Die Corona-Kämpfer der Laufszene und ihr Aha-Effekt

Rennen ist das, was sie am liebsten tun. Doch vor der Corona-Krise weglaufen? Ist für die kreativen Dresdner keine Lösung.

Nicht nur die Laufszene wird immer größer, auch die gleichnamige Laufsport-Agentur in Dresden um Mitgeschäftsführer André Egger (obere Reihe rechts).
Nicht nur die Laufszene wird immer größer, auch die gleichnamige Laufsport-Agentur in Dresden um Mitgeschäftsführer André Egger (obere Reihe rechts). © PR Laufszene

Dresden. Wenn es einen sportlichen Gewinner der Corona-Krise geben muss, dann die Laufszene. Wie hätten sich die Leute inmitten des Lockdowns im Frühjahr denn anders betätigen sollen? Sportplätze, Turn- und Schwimmhallen – alles geschlossen, Fitnessstudios ebenfalls, überhaupt sämtliche Freizeiteinrichtungen. Einziger und irgendwie naheliegender Ausweg: Jogginghose an (die ja nicht grundlos ihren Namen hat), ein paar Turnschuhe und los. Raus in den Park nebenan, um den Häuserblock, zum nächsten Wald oder einfach nur die Straße rauf und runter.

Laufen geht immer, erst recht im Großraum Dresden, der inzwischen als Running Hotspot gilt. Früher hätte man Läuferhochburg gesagt. André Egger, Geschäftsführer der in Dresden ansässigen Agentur Laufszene Events GmbH, bezeichnet Dresden sogar als Deutschlands Laufhauptstadt. So viele Leute wie zuletzt im März, April und Mai sind allerdings selbst hier selten unterwegs. Oft waren es ganze Familien. Kitas und Schulen hatten ja schließlich auch zu.

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Seine Laufszene deshalb als Krisen-Gewinner zu titulieren – geht gar nicht, sagt Egger. „Wir leben im Drei-Wochen-Rhythmus, hangeln uns von der einen Corona-Verordnung zur nächsten. Das schaffst du kein zweites Jahr“, sagt der 40-Jährige, der die kleine Firma 2008 mit zwei Mitstreitern gegründet hat, mittlerweile 13 Laufveranstaltungen organisiert und sieben Angestellte beschäftigt – die sich teilweise weiter in Kurzarbeit befinden. Der Azubi konnte, anders als geplant, nicht übernommen werden. „Die Corona-Auswirkungen haben auch uns kalt erwischt“, betont Egger.

Mit dem Citylauf startet Dresden normalerweise in die Saison, in diesem Jahr nicht.
Mit dem Citylauf startet Dresden normalerweise in die Saison, in diesem Jahr nicht. © Ronald Bonß

Drei Tage vor dem 30-jährigen Jubiläum des Citylaufs, der am 15. März stattfinden sollte, kam die Absage. „Alles ist vorbereitet gewesen. Zäune und Verkehrschilder waren aufgestellt, rund 4.000 Teilnehmer startklar. Doch plötzlich wird dir von jetzt auf gleich der Stecker gezogen. Und wenig später ist uns klar geworden, dass uns hier gerade mindestens das erste Halbjahr um die Ohren fliegt“, erzählt Egger.

Die Nachtläufe in Chemnitz und Leipzig, vor allem aber die Rewe Team Challenge, mit 25.000 Teilnehmern nicht nur der größte Firmenlauf im Osten, sondern auch ein wesentliches Standbein der Laufsport-Agentur – alles abgesagt. Gewinnen ist was anderes, meint Egger. „Die Härte ist unvorstellbar. Da muss man schlaflose Nächte haben.“ Nächte, in denen neue Ideen entstanden sind, das Denken in Alternativen. Dass die großen Stadtmarathons ausfallen müssen, ist das eine und sicherlich auch vernünftig. Das dürfe aber nicht für die gesamte Sportart gelten, sagt Egger. „Wir sind keine Absage-Agentur, sondern wollen stattfinden, Dinge umsetzen und mit unserer Szene in Kontakt bleiben. Den bis dahin rund 22.300 für die Team Challenge angemeldeten Teilnehmern konnten wir doch nicht einfach sagen, dass dieses Jahr gar nichts läuft“, argumentiert er.

Es gehe auch jetzt immer noch in erster Linie darum, die Leute aufzuklären, mitzunehmen, eben auch Angebote zu schaffen, beispielsweise die Virtual Runs anstelle der ausgefallenen Nachtläufe, bei denen im Mai nun jeder allein fünf oder zehn Kilometer lief, auf Wunsch sogar mit original Startnummer. Die Finishermedaille kam dann mit der Post. Statt je rund 1.000 Teilnehmer bei den Nachtläufen in Chemnitz und Leipzig haben insgesamt knapp 4.000 Läufer in ganz Sachsen mitgemacht. Und gut 13.000 waren es bei dem zur Virtual Challenge umfunktionierten Firmenlauf. „Das ersetzt die Events nicht, aus wirtschaftlicher Sicht schon gar nicht. Doch es gibt uns einen gewissen Halt.“

Die Rewe Team Challenge endet normalerweise im Rudolf-Harbig-Stadion, virtuell natürlich nicht.
Die Rewe Team Challenge endet normalerweise im Rudolf-Harbig-Stadion, virtuell natürlich nicht. © Robert Michael

Laufen geht eben wirklich immer. Nur mit der dauerhaften Motivation ist das so eine Sache, wie die Laufszene-Macher festgestellt haben, als sie dann mit dem sogenannten Re-Start-Run im Juni so etwas wie den Neubeginn feiern wollten – endlich wieder ein echter Lauf, der erste in Dresden seit Oktober 2019, endlich wieder mit anderen unterwegs sein.

Sechs Startwellen haben sie organisiert, um die gültigen Corona-Regeln maximal auszuschöpfen. Das Ergebnis war einigermaßen ernüchternd. 1.800 Teilnehmer hätten es sein können. Knapp 500 standen an der Startlinie. „Wir hatten mehr erwartet, klar. Trotzdem war es auch für uns echt emotional. Wir haben Start- und Zielbereich aufgebaut, die Strecke kilometriert – ein Neubeginn. Wir waren wieder da. Die Rückmeldung der Läufer war toll. Wir haben viel Lob erhalten. Das hat gut getan“, sagt Egger, der die Eigenschaft besitzt, die Leute auf der Gefühlsebene mitzureißen, obwohl es Sachthemen zu besprechen gibt.

Das hilft im Leben, vor allem aber in seinem Beruf als Laufveranstaltungsmanager. Der Mensch lebt schließlich von Begeisterung. Nur muss diese jetzt neu entfacht werden. Denn die Leute haben angesichts der anhaltenden Pandemie nicht etwa Besseres vor, aber andere Dinge im Kopf. „Sie brauchen Ziele, einen Wettkampf, auf den sie sich vorbereiten können. Sonst gehen doch die wenigsten regelmäßig laufen“, meint Egger.

Der nächste Nachtlauf findet mit neuem Termin am 3. Oktober in Dresden statt.
Der nächste Nachtlauf findet mit neuem Termin am 3. Oktober in Dresden statt. © SZ/Thomas Lehmann

Dass überhaupt wieder Laufveranstaltungen stattfinden dürfen, ist vonseiten der Politik und der Behörden inzwischen längst genehmigt, für manche aber immer noch überraschend. „Wir müssen zu einer Laufsportnormalität zurückfinden, zu einer mit dem Coronavirus und auch mit Zuversicht. Dass die Gesundheit der Läufer immer oberste Priorität hat, steht dabei außer Frage.“

Das bei Läufern weit verbreitete Halsschlauchtuch als Maske am Start, überhaupt ein großzügiger Startbereich statt der eigentlich üblichen engen Startgasse, dazu die Abschaffung der Bruttozeit und der Verzicht auf Siegerehrung verbunden mit dem dezenten Hinweis, nach Zieleinlauf und kurzer Verschnaufpause den Heimweg anzutreten – die Dresdner Laufszene hat auf sieben Din-A4-Seiten ein Hygienekonzept entwickelt, das funktioniert und vor allem akzeptiert wird, vom Gesundheitsamt ebenso wie von den Läufern.

Jetzt kommt der Re-Start-Run 2

Ein Beweis dafür ist der Sachsentrail am letzten Juni-Wochenende mit rund 1.400 Teilnehmern auf vier verschiedenen Distanzen. „Ein echter Erfolg. Im Vorjahr waren es nur unwesentlich mehr“, betont Egger. Am 23. August folgt nun der Re-Start-Run 2 in Dresden. Vom Ballhaus Watzke geht es über 7,2 oder zehn Kilometer bis ins Heinz-Steyer-Stadion. „Schwung holen für die zweite Jahreshälfte“, sagt Egger und verweist auf den Frauenlauf sowie den Dresdner Nachtlauf, der mit neuem Termin am 3. Oktober stattfindet.

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„Wie können wir draußen wieder tätig werden? Nur darum geht es jetzt für uns“, betont Egger. Und noch etwas hat er festgestellt: „Wie kreativ wir sein können! Not schweißt zusammen. Das war für uns der größte Aha-Effekt.“ Krisen-Gewinner sehen tatsächlich anders aus. Heimlicher Sieger trifft es vielleicht besser.

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