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Die Marathon-Legende feiert 70. Geburtstag

Waldemar Cierpinski rennt gegen einen Bus und gewinnt zweimal Olympia-Gold. Doch weltbekannt machen ihn drei Sätze des Reporters Heinz Florian Oertel.

Waldemar ist da. Cierpinski gewinnt 1980 in Moskau.
Waldemar ist da. Cierpinski gewinnt 1980 in Moskau. © dpa/Frank Leonhardt

Von Ralf Jarkowski

Halle an der Saale. Die berühmtesten drei Sätze seiner langen Reporterkarriere schickte Heinz Florian Oertel dem Jubilar als Geburtstagsgruß von Berlin nach Halle - und wünschte Waldemar Cierpinski dann noch "alles Gute, Gesundheit und Wohlergehen". Der 92-Jährige kann nicht zur Feier des zweifachen Marathon-Olympiasiegers in die Saalestadt kommen. Doch er denkt am Montag an seinen Freund, der seinen 70. feiert. "Und ich würde es noch mal sagen: Liebe junge Väter oder angehende: Haben Sie Mut! Nennen Sie Ihre Neuankömmlinge des heutigen Tages Waldemar! Waldemar ist da!"

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Ganz klar: Oertel muss beim Stichwort Waldemar gleich an seine Kultstatus-Reportage der Sommerspiele in Moskau denken. Mit drei prägnanten Sätzen in neun Sekunden setzte er Cierpinski und sich am 1. August 1980 ein kleines Denkmal. Auch das erste Goldrennen des drahtigen Dauerläufers, 1976 in Montreal, kommentierte Oertel. "So zwei bis drei", sagt der betagte Pensionär, gehe es ihm heute.

"O weh, dachte ich - schon 70?", schreibt Cierpinski im Vorwort seines Buchs "Nennt Eure Söhne Waldemar". Auf 64 reich bebilderten Seiten schildert er seine Goldläufe und die Treffen mit 19 Wegbegleitern, DDR-Olympioniken der Sommer- und Winterspiele 1976 und 1980. Eine Widmung kommt von Äthiopiens Wunderläufer Haile Gebrselassie.

"Diese Begegnungen haben mich sehr berührt", sagt Cierpinski über seine Tour durch den Osten der Republik, die ihn bis auf die Insel Rügen zu Bob-Olympiasieger Meinhard Nehmer führt. "Da hat sich gezeigt, dass Menschen, die im Sport groß geworden sind, auch heute noch ihren Mann oder ihre Frau stehen."

Die geplante Party mit etwa 150 Gästen in der Kulturinsel muss wegen Corona ausfallen. Jetzt erst recht, dachte Cierpinski wohl - und feiert dreifach: am Montagmorgen in seinem Sportgeschäft mit Bekannten und Geschäftsfreunden, abends im erweiterten Familienkreis und am Mittwochabend mit seiner Fußballtruppe. "Das wird gemütlich mit 20 Leuten. Ich gebe auch einen aus, aber erst nach dem Training", sagt der Marathon-Mann, der seit 40 Jahren "zwei- bis dreimal in der Woche" Fußball spielt.

Der Unternehmer: Waldemar Cierpinski betreibt mit seinem Sohn Falk ein Sportgeschäft in der City.
Der Unternehmer: Waldemar Cierpinski betreibt mit seinem Sohn Falk ein Sportgeschäft in der City. © dpa/Hendrik Schmidt

Nach der Tour von Erfurt bis zum Kap Arkona rechnet Cierpinski noch mal nach. "Mit diesem Lauf hat mein Tacho jetzt die 250.000 gelaufenen Kilometer überschritten. Und auch diesmal fielen mir nicht alle leicht", schreibt er in seinem Buch. Mehr als 250.000 Kilometer. Das sind 6.000 Marathons, sechsmal um die Welt und die Taschen voller Geld?

Nein. Das ist für Cierpinski, der gespart und ein Haus hat und dem es gut geht, auch nicht so wichtig. Glücklich und stolz spricht er von seinen drei großen Söhnen und den drei Enkeln, die alle in Halle leben. "Das ist schön und macht Spaß."

Mit 1.000 D-Mark starten Vater Waldemar Cierpinski und Sohn Falk 1990 als mutige Selfmade-Unternehmer. Der Junior ist Geschäftsführer. Er steuert das Sportgeschäft in der Innenstadt, so gut es geht, durch die Corona-Krise.

"Ich kriege jetzt 430 Euro Rente. An Sozialabgaben zahle ich 490 Euro", erzählt Cierpinski ohne Groll. "Die Lebensversicherung musste ich in den allerschlechtesten Zeiten, als mein Laden fast krachen ging, auflösen und in mein Geschäft reinstecken. Doch darüber heule ich auch nicht. Ich komme klar, und alles andere ist nicht so wichtig."

Wie fing eigentlich alles an? Cierpinski muss lachen. "Als Kind habe ich geboxt, geturnt und war leidenschaftlicher Angler. Ich konnte aber auch schnell laufen", erzählt er. "Dann sagte mein Vater: Jetzt ist Schluss mit lustig. Entscheide dich für eins!" Der Junge wählt das Laufen, die Leichtathletik, der stille Startschuss für seine erfolgreiche Sportkarriere.

Der Hallenser: Waldemar Cierpinski posiert immer wieder gern auf dem Marktplatz seiner Heimatstadt.
Der Hallenser: Waldemar Cierpinski posiert immer wieder gern auf dem Marktplatz seiner Heimatstadt. © dpa/Hendrik Schmidt

Schon mit 14 Jahren feiert Cierpinski seine ersten Erfolge: im Drei-Kilometer-Ehrgeizrennen gegen den Schulbus. "Ich war meist vor ihm zu Hause!" Auch viele 500-Meter-Läufe zum Eismann, der am Ende des Dorfes lautstark läutet, gewinnt er damals. Der süße Lohn: eine Kugel Eis.

Bis heute ist der Ostblock-Boykott von 1984 das Negativ-Erlebnis seines Sportlerlebens. "Ich wollte zum dritten Mal nach den Sternen greifen", verrät Cierpinski, der in seiner Wettkampfkarriere "27 oder 28" Marathons über 42,195 Kilometer absolviert, den ersten 1974 und letzten 1985 im slowakischen Kosice. Unglaublich: Mit seinen 2:09:55 Stunden von Montreal belegt er immer noch den sechsten Platz in der deutschen Bestenliste.

Ehefrau Maritta überredete ihren Mann einst zum Wechsel von der Hindernis- auf die Marathonstrecke. Seit 47 Jahren sind beide nun schon ein Paar. Stolz ist der Vater auch auf Sohn Falk, der ein Spitzen-Marathonläufer und guter Triathlet war. "Wir halten immer noch den inoffiziellen Familien-Weltrekord im Marathon", erzählt Cierpinski Senior. Ihre Bestzeiten addiert: 4:23:25 Stunden.

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"Positiv war, dass man gerade auch nach der Wende beweisen konnte, dass ein Sportler nicht nur laufen kann, sondern dass man auch ein paar ordentliche Dinge aufbauen konnte wie den Mitteldeutschen Marathon und mein Geschäft natürlich", schildert er. "Und dass ich nach wie vor eine Unmenge von sympathischen Fans und Freunden habe. Und das ist vielleicht wichtiger, als eine hohe Rente zu kriegen." (dpa)

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