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Digitale Abstandshalter gegen Corona

Die börsennotierte Software AG hat einen kleinen Warn-Anstecker für den Arbeitsplatz entwickelt. Getestet wird er in einer Familienbäckerei in Sachsen.

Mit diesen Geräten kann der coronabedingte Abstand unter den Mitarbeitern besser eingehalten werden.
Mit diesen Geräten kann der coronabedingte Abstand unter den Mitarbeitern besser eingehalten werden. © Peter Endig

Von Sven Heitkamp, Leipzig

Wenn nachts um zwei in Göbeckes Backstube die Öfen angeheizt werden, kann es auf den schmalen Gängen zwischen Regalwagen und Brötchenpressen schon mal etwas eng werden. Bis vor Kurzem fühlte sich kaum einer der gut 20 Bäcker, Konditoren und Verkäuferinnen davon gestört. Anders in Corona-Zeiten, wo Abstandhalten mehr ist als eine Frage des guten Geschmacks. Seit einem Monat tragen die Beschäftigten in der Leipziger Bäckerei und Konditorei einen weißen Anstecker am Revers, kleiner als eine Streichholzschachtel.

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Sobald sich zwei Kollegen 15 Sekunden lang näherkommen als anderthalb Meter, gibt der Piepser eine Weile einen zarten, pfeifenden Warnton von sich. „Es ist eine freundliche Erinnerung“, sagt Christine Göbecke, die die Familienbäckerei mit ihrem Bruder Matthias in vierter Generation führt. „Der Ton soll ja keine Arbeitsabläufe stören oder negative Stimmungen erzeugen.“ Zugleich leuchtet ein roter Punkt auf, der den Menschen gegenüber ebenfalls warnt.

Ein kleiner Stecker mahnt Abstand

Die digitalen Abstandshalter mit Bluetooth-Sendern mussten Göbeckes nicht einmal anschaffen: Sie stehen mit ihrem Team zurzeit als Testpersonen für ein viel größeres Unternehmen bereit. Die Software AG aus Darmstadt – ein Dax-Konzern mit 4.800 Beschäftigten und 866 Millionen Jahresumsatz in 70 Ländern rund um die Welt – probiert die Geräte in ihrem Unternehmen aus. Die Experten haben die Software für die sogenannten „Beacons“ geschrieben, um trotz Corona mehr Sicherheit am Arbeitsplatz zu bieten. Da einer der Software-Entwickler am Leipziger Standort arbeitet und sich für Firmenanlässe Caterings oder Torten von Göbeckes liefern lässt, kamen sie in Bezug auf den Test in engeren Kontakt. Im Juni war deutschlandweite Premiere in Leipzig.

Christine Göbecke neben einem Mitarbeiter, der eines der Distanzmessegeräte trägt.
Christine Göbecke neben einem Mitarbeiter, der eines der Distanzmessegeräte trägt. © Peter Endig

Bei uns sind sich viele Mitarbeiter persönlich nah und die räumlichen Voraussetzungen nicht ideal“, sagt Christine Göbecke. „Da ist es besonders wichtig, an die Regeln erinnert zu werden.“ Die 43-jährige gelernte Konditorin und studierte Betriebswirtin trägt Mitverantwortung für 22 Mitarbeiter und ihre Familie. „Ich möchte, dass die Mitarbeiter bei uns gesund und die Arbeitsplätze erhalten bleiben“, sagte sie. „Und ich möchte mir nicht irgendwann vorwerfen müssen, dass wir nicht alles für die Sicherheit und Gesundheit unserer Mitarbeiter versucht haben.“ An die Geräte am Revers hätten sich alle Kolleginnen und Kollegen schnell gewöhnt.

Die Bäckerei in Sachsen hat es schwer getroffen

Die Geräte können dabei mehr als piepsen. Sie registrieren alle Annäherungsversuche unter 1,50 Meter und übertragen sie über einen Controller an eine digitale Plattform. Wann, wo und mit wem solche Begegnungen passieren, lässt sich dann grafisch auf einem Tablet aufrufen. Auch wenn die Geräte anonymisiert sind, im Bedarfsfall können die Namen ausgelesen und ihre Nutzer gebeten werden, im Umgang vorsichtiger zu sein.

Demnächst soll es bereits eine zweite Generation der „Beacons“ geben, die nicht mehr ständig eine Verbindung zum Controller halten müssen, sondern Abläufe speichern und Daten später automatisch versenden. So werden auch andere Arbeitsbereiche oder ein Ausfall des Netzwerks abgedeckt. „Die Daten bleiben zwei Wochen gespeichert, um bei einer Corona-Infektion die Kontakte zurückverfolgen zu können. Danach werden sie gelöscht“, betont Christine Göbecke. 

Auch sie tragen die Messgeräte: Bäckermeister Fabian Walther (l.) und Bäcker Ralph Köhler
Auch sie tragen die Messgeräte: Bäckermeister Fabian Walther (l.) und Bäcker Ralph Köhler © Peter Endig

Bisher seien alle Kollegen gesund geblieben. Getroffen hat Corona die Bäckerei trotzdem schwer: Auch wenn der Betrieb während der Krise weiter geöffnet bleiben durfte, sei der Umsatz deutlich eingebrochen, vor allem durch den Wegfall der Lieferungen an Hotels, Restaurants und Veranstaltungen. Bis heute sind die Mitarbeiter in Kurzarbeit. „Berührungspunkte in den Schichten sind daher aktuell weniger geworden“, sagt Christine Göbecke.

Auch in der Darmstädter Zentrale der Software AG halten die „Beacons“ Einzug. Bisher ist zwar nur etwa jeder Fünfte der rund 600 Mitarbeiter auf freiwilliger Basis aus dem Homeoffice ins Büro zurückgekehrt. Nach den Sommerferien aber werden weitere Rückkehrer erwartet, die die Anstecker dann als Schutz nutzen können. „Der Einsatz ist aber freiwillig“, betont Bernd Groß, Technologie-Chef des Konzerns, der das Gerät selbst tragen will. Ziel sei es, nicht nur mögliche Infektionsketten im Nachhinein zurückzuverfolgen wie mit der Corona-App, sondern im Vorfeld das Verhalten der Beschäftigten positiv zu beeinflussen. „Die Gesundheit ist ja zurzeit eine der großen Herausforderungen für sehr viele Arbeitgeber“, sagt Groß.

Weltweite Projekte

Da jedoch Handys und Corona-Apps nicht überall eingesetzt werden könnten, habe das Unternehmen über Alternativen nachgedacht und zeitgleich ähnliche Anfragen von Kunden erhalten. Letztlich sei man auf das kleine Gerät eines Partnerunternehmens gekommen. Es könne überall getragen werden, arbeite auf etwa zehn Zentimeter genau und koste lediglich etwa 20 bis 30 Euro. Eine bereits vorhandene IT-Plattform musste dafür lediglich auf die neue Corona-Anwendung angepasst werden. 

Inzwischen arbeite der Konzern an mehr als 20 Projekten bei verschiedenen Unternehmen weltweit. „Wir wollen nicht nur Firmen helfen, sondern sehen in dem Angebot auch ein Marktpotenzial“, sagt Groß. Riesigen Profit erwartet der Dax-Konzern allerdings nicht. „Wir rechnen damit“, so Groß, „dass der Bedarf Mitte nächsten Jahres wieder zurückgeht.“ Auch in Göbeckes Backstube soll bis dahin wieder mehr Normalität einkehren.

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