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Forscher: Viel mehr Neandertaler-Gene in uns

Leipziger Wissenschaftler finden heraus, was diese Gene mit uns tun: Es geht um Schmerzen, Corona-Erkrankungen und ums Kinderkriegen.

In unseren Genen leben die seit Zehntausenden Jahren ausgestorbenen Neandertaler fort. Im Museum Mettmann gibt es dazu noch die Begegnung der ganz besonderen Art.
In unseren Genen leben die seit Zehntausenden Jahren ausgestorbenen Neandertaler fort. Im Museum Mettmann gibt es dazu noch die Begegnung der ganz besonderen Art. © Neanderthal Museum

Leipzig. Menschen empfinden Schmerz unterschiedlich stark. Ein ganz bestimmter Gen-Baustein kann dafür die Ursache sein, dass einige mehr als andere leiden. Diese Gen-Variante stammt vom Neandertaler, das haben jetzt Leipziger Wissenschaftler vom Max-Planck-Institut Eva herausgefunden. Dessen Institutsdirektor Svante Pääbo und sein Kollege Hugo Zeberg vom Karolinska Institut in Schweden konnten durch den Vergleich mit genetischen Bevölkerungsstudien die Wirkung dieses veränderten Gens bestimmen.

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„Wie viel Schmerzen Menschen empfinden, ist vor allem von ihrem Alter abhängig“, sagt Hugo Zeberg, der zur Zeit in Leipzig forscht. „Menschen, die die Neandertaler-Variante haben, empfinden mehr Schmerzen – in etwa so, als wären sie acht Jahre älter.“ Die elektrischen Impulse in den Nervenzellen sind heftiger.

Ob Neandertaler wirklich mehr Schmerzen empfunden hatten als wir Neumenschen, sei unklar, sagt Svante Pääbo. Möglicherweise habe das Gehirn die starken Schmerzsignale der Neandertaler anders, eben nur abgeschwächt verarbeitet. 

Heute jedoch, bei gleicher Signalverarbeitung im menschlichen Gehirn, wird der stärkere Schmerzimpuls auch als stärkerer Schmerz empfunden. Dieses Neandertaler-Gen macht Menschen damit empfindlicher. Andere uralte Gene wiederum helfen den Menschen heute. Zum Beispiel bei Nachkommen.

Das Gen fürs Kinderkriegen

Vor zwei Monaten erst hatten dieselben Leipziger Forscher herausgefunden, dass ein Neandertaler-Gen bei heutigen Frauen die Fruchtbarkeit erhöht. Sie bekommen weniger Blutungen zu Beginn der Schwangerschaft und haben weniger Fehlgeburten. Jede dritte Frau in Europa hat dieses Gen in sich. 

„Der Anteil der Frauen, die dieses Gen geerbt haben, ist damit etwa zehnmal so hoch wie bei den meisten anderen Neandertaler-Genvarianten“, sagt Hugo Zeberg.Diese Neandertaler-Variante habe sich offenbar günstig auf die Fruchtbarkeit auswirkt und sei daher bei den gemeinsamen Nachkommen über Zehntausende Jahren erhalten geblieben.

Welchen Vorteil eine andere Genvariante indes gebracht hat, ist offen. Es gibt zwei Genregionen, die schwere Krankheitsverläufe bei Covid-19 hervorrufen. Eine dieser beiden genetischen Varianten stammt ebenfalls vom Neandertaler. Das geht aus einer neuen, bisher noch nicht offiziell publizierten Studie der Leipziger Forscher hervor. Dabei handelt es sich gleich um sechs Gene mit 50.000 Bausteinen, die die Leipziger genauso in einem Neandertaler gefunden haben, der vor 50.000 Jahren in Kroatien gelebt hatte. 

Diesen Genabschnitt, der für schwere Corona-Verläufe mitverantwortlich sein soll, haben heute acht Prozent aller Europäer. Bei den Amerikanern sind es vier Prozent. In Südostasien haben sogar 30 Prozent der Menschen diese Genvarianten.

So oder so ähnlich soll er ausgesehen haben, der Neandertaler. Eine Rekonstruktion im Museum Mettmann.
So oder so ähnlich soll er ausgesehen haben, der Neandertaler. Eine Rekonstruktion im Museum Mettmann. © SZ/Stephan Schön

Die Nachkommen mehrerer Menschenarten

 Geerbt haben wir als Neumenschen diese Gene vor 67.000 bis etwa 40.000 Jahren. Als die Neumenschen aus Afrika auswanderten begegneten sie in Europa und Asien den längst dort lebenden Neandertalern. Sie trafen sich, sie bekämpften sich auch, aber die beiden Menschenarten hatten auch Sex miteinander. 

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Sie bekamen gemeinsame Nachkommen. So oft, dass bis heute 40 Prozent der Neandertaler-Gene in der Menschheit insgesamt noch vorhanden sind, obwohl der Neandertaler dann vor etwa 40.000 Jahren ausgestorben ist. Ganz unterschiedliche Gene haben sich dabei bei jedem Einzelnen erhalten. Der Anteil der Neandertaler-Gene an der Erbsubstanz der heute lebenden Menschen beträgt zwischen einem und zwei Prozent. Nur in Afrika finden sich solche Genvarianten nicht. Da war der Neandertaler nie gewesen, und von dort ist der Neumensch ja ausgewandert.

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