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Brauchen wir die Maske noch?

Aufbehalten oder runter: Der Streit um die Maskenpflicht wird lauter. Das ist gut so. Denn es geht um grundsätzliche Werte unserer Gesellschaft.

Sollten wir die Maske ablegen?
Sollten wir die Maske ablegen? © Hauke-Christian Dittrich/dpa

Natürlich nervt er. Das Atmen wird dadurch nicht leichter, ständig beschlägt meine Brille, und immer wieder vergesse ich meinen Mund-Nasen-Schutz, muss draußen bleiben, beim Bäcker, an der Tanke. Ich könnte herzlich gerne auf ihn verzichten. Aber – würde ich das auch wollen, sollte die Maskenpflicht fallen?

Seit dem Regierungsbeschluss, die Pflicht beizubehalten, hat der Streit darüber an Intensität zugelegt. Dabei geht es schon lange nicht nur um die Maske. Sondern auch darum, was sie symbolisiert. Für die Befürworter ist sie ein Zeichen für gelebte Solidarität und eigenverantwortliche Rücksichtnahme gegenüber den Mitmenschen. Denn das Tragen schützt nicht den Träger vor der Infektion durch andere. Sondern alle anderen, die durch ihn infiziert werden könnten.

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Obrigkeitshöriges, panisches, blindes Schaf

Für viele ihrer Gegner symbolisiert die Maske den Entzug bürgerlicher Freiheitsrechte. Was zur nächsten Streitfrage führt: Was soll man von einem Verständnis von Freiheit halten, das staatliche Notmaßnahmen generell für Freiheitsentzug hält? Und außer Acht lässt, dass erst die Einschränkung des Rechts auf Maskenlosigkeit uns überhaupt die Freiheit ermöglicht hat, trotz Krise wieder die Oma zu besuchen, Freunde zu treffen, „live“ einzukaufen, kurz: ein halbwegs normales Leben weiterzuführen.

Es ist auch hier leicht und spottbillig, den Andersdenkenden zu diskriminieren. Als obrigkeitshöriges, panisches, blindes Schaf. Oder eben als dumpfbackigen und egoistischen Corona-Leugner. Ja, es gibt Fanatiker, die sich am liebsten in Ganzkörperkondome hüllen würden und jedes Hinterfragen der Schutzmaßnahmen als geistiges Verbrechen werten. 

Ja, es gibt andererseits ideologische Extremisten, die diese Maßnahmen als Offenbarungseid einer Schein-Demokratie betrachten. Und etwa mit Reichskriegsflaggen an der B 96 offenbaren, dass in Wahrheit sie es sind, die eine Diktatur herbeisehnen.

Die Proteste an der B96.
Die Proteste an der B96. © SZ/David Berndt

Aber diese wenigen Radikalen sollten unsere Blicke darauf nicht verstellen: Beide Seiten, die Befürworter der Maskenpflicht wie ihre Gegner, haben ernst zu nehmende Argumente anzubieten.

Ohne Zweifel, die Neuinfektionszahlen sind regional verschieden, teils sehr gering, stellenweise stehen sie auf null. Zudem leidet die Wirtschaft, stöhnt der Handel, shoppen viele Deutsche lieber entweder ohne oder eben weniger bis gar nicht, anstatt sich für ein paar Minuten eine Maske umzubinden. Psychologisch ist es eh verständlich, dass viele krisenmüde sind und sich dringend ein Ende der Einschränkungen wünschen. Zugleich signalisieren die Einzelhandelszahlen vom Mai, also vor der Mehrwertsteuersenkung: Es hat bereits eine Erholung der Branche eingesetzt, trotz Maskenpflicht.

Der Grat bleibt schmal

Allerdings könnte die überall beginnende Ferien- und Reisesaison das Ansteckungsrisiko in Europa bald wieder verschärfen. Folglich warnt der Großteil der Politiker und Wissenschaftler vor Entscheidungen wie in Israel, wo vorschnelles Lockern die Zahlen wieder anschwellen ließen und dem Land einen zweiten Lockdown bescherten.

Letztlich stehen wir bis auf Weiteres vor der Gretchenfrage: Brauchen wir keine Vorsichtsmaßnahmen wie die Maskenpflicht mehr, weil die Pandemie hier nicht so schlimm gewütet hat? Oder hat sie nur deshalb nicht so schlimm gewütet, weil es diese Maßnahmen gab und wir sie daher weiterhin ergreifen sollten?

Noch grundsätzlicher gretchengefragt: Bleiben wir angesichts der anhaltenden Ungewissheiten im Zweifel lieber vorsichtig oder gehen wir das israelische Risiko ein, obwohl selbst lokal begrenzte Hotspots ganze Regionen schnell wieder lahmlegen und weitere Menschenleben kosten können? Der Grat zwischen verlangten und erhofften Lockerungen und der Gefahr einer zweiten Infektionswelle bleibt jedenfalls schmal.

"Ich habe keinen überzeugenden Ausweg"

Klar ist indes: Obwohl sich an der Bedrohung durch das Virus auf lange Zeit nichts ändern wird, muss es auch bei der Maskenpflicht irgendwann Lockerungen geben. Die Frage wird dann bloß lauten, welche. Wie es scheint, können sich mehr und mehr Menschen mit der Idee einer schrittweisen Aufhebung der Pflicht anfreunden, wenn das Maskentragen weiterhin dringend empfohlen bleibt. Damit würden wir unser Verständnis von Freiheit, Eigenverantwortung und Solidarität wirklich auf den Prüfstand stellen.

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Zugegeben, ich finde für mich keinen wirklich überzeugenden Ausweg aus dem Dilemma. Aber ich habe mich entschieden: Ich würde die Maske auch ohne Pflicht weiternutzen, beim Bäcker, an der Tanke. Und kein Geschäft betreten, in dem zu viele Leute oben ohne rumlaufen.

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