merken
PLUS

Lenzer Pfarrhaus ist einsturzgefährdet

Die Fachwerkkonstruktion mit ihren Andreaskreuzen ist einmalig im Landkreis. Deshalb muss schnell gehandelt werden.

Von Catharina Karlshaus

Die Fassade auf der Dresdner Straße strahlt in der Juni-Sonne. Beinah wie frisch gemalert leuchtet das kräftige Ocker. Dazwischen dunkelbraunes Fachwerkholz, das Lenzer Pfarrhaus präsentiert sich schmuck wie eh und je. Allerdings: Der Schein trügt, und zwar gewaltig. „Wir mussten vor ein paar Wochen leider feststellen, dass der Giebel des Hauses zur Straßenseite einsturzgefährdet ist“, bringt es Manfred Richter gleich auf den Punkt. Wie der Baupfleger der Landeskirche Sachsen erzählt, sei bereits seit einiger Zeit immer mal ein Stück der Holzkonstruktion abgefallen und mit einzelnen sichtbaren Brettern ausgebessert worden. Um Schlimmeres zu verhindern, habe man sich entschieden, ein Gerüst zu stellen und die Fassade näher unter die Lupe zu nehmen. Mit zweifelhaftem Erfolg. Während sich die Fassade im oberen Bereich geradezu nach vorn aufbläht, fehlen umliegend einzelne Balken, die jedoch dringend zur Beibehaltung der Statik gebraucht werden. „Wir haben uns dann mal die Mühe gemacht und einzelne gebrannte Ziegel aus dem Mauerwerk entfernt. Dahinter ist alles kaputt“, bedauert Manfred Richter. Zwar ist es nicht so, dass zu befürchten sei, das Haus breche sofort zusammen. Aber schnell gehandelt werden müsse jetzt, betont der Fachmann.

Bauen und Wohnen
Wohnen Sie noch oder bauen Sie schon?
Wohnen Sie noch oder bauen Sie schon?

Hier finden Sie alles, was Sie fürs Sanieren, Renovieren oder Bauen Ihrer eigenen vier Wände brauchen.

Ursprünglich im Jahre 1793 aus Lehm erbaut, war das Gebäude letztmalig in den 1990er Jahre in Eigeninitiative der Gemeindemitglieder in Teilen ausgebessert worden. Das ursprüngliche Baumaterial Lehm wurde hier und da mit Ziegelsteinen ersetzt und sicherlich darauf gehofft, dass das Pfarrhaus alsbald ohnehin einmal grundlegend saniert wird. Jedoch vergeblich. „Wir waren ja froh, dass wir den Turm der benachbarten Kirche fertig sanieren konnten. Das Geld für das völlig marode Dach wurde uns dann leider für dieses Jahr nicht bewilligt und für das Pfarrhaus reichten die Fördermittel erst recht nicht.“

Ein Pfarrhaus, das zu den Schönsten im Landkreis Meißen zählt. Besonderer Blickfang des Gebäudes sind dabei die geschwungenen Zeichen – Andreaskreuze genannt – am Fachwerkgiebel. Eine Konstruktion, die durchaus als einmalig in der Region betrachtet werden darf. 1556 erbaut, war das Pfarrgut durch einen Brand über einhundert Jahre später zerstört worden. Schon bald wurde es auf seinen Grundmauern neu errichtet, in feuchten Lehm unterm Dach ritzten die Bauleute von einst die Jahreszahl 1665. Wenig später, 1700 bis 1710, bekamen die Lenzer dann auch ihre Kirche. Das Pfarrgelände indes ist ein original erhaltener Dreiseithof mit Scheune, Haupthaus – dem heutigen Pfarrgebäude – und einem Stallhaus. Eingefriedet wird das Ensemble durch eine Mauer mit bogenförmiger Tordurchfahrt. Über dieser prangt gut leserlich die Jahreszahl 1807. Vierzehn Jahre früher war schon einmal das Haupthaus umgebaut worden, wie der Schlussstein über der Haustüre belegt.

Aller einhundert Jahre ließen die Lenzer also ihr Pfarrhaus verändern. Auch 1998 packten sie wieder tatkräftig mit an. Der Gemeinderaum im Pfarrhaus hatte sich damals in einem sehr schlechten Zustand befunden und die Kirchgemeinde beschloss deshalb die Sanierung und Restaurierung. Ein Jahr nach Beginn der Arbeiten machten die ehrenamtlichen Kräfte eine erstaunliche Entdeckung: Über der durch Lehmhaken abgehängten Decke kam die ursprüngliche Holzbalkendecke zum Vorschein. Aus der Entstehungszeit des Gebäudes stammend, wurde sie daraufhin freigelegt und fachgerecht restauriert.

Auf eine solch versierte Behandlung wartet nun auch die bröckelnde Fassade. Übermorgen, so Manfred Richter, treffe er sich noch einmal mit der beauftragten Architektin. Erst dann würden Kostenschätzungen vorgenommen und festgelegt werden können, wann es mit der Sanierung losgeht. „Nach jetzigem Stand der Dinge werden wir von innen eine neue Tragkonstruktion errichten. Auf diese Weise kann die Dachlast gesichert und das prägende Fachwerk draußen erhalten werden.“

Dass es sich dabei um eine Notsicherung – mangels finanzieller Mittel – handelt, gibt Manfred Richter unumwunden zu. Schon diese werde nicht billig und müsse erst einmal aus Geldern der Landeskirche, des Landkreises Meißen und der Kirchgemeinde selbst bestritten werden. „Natürlich haben wir damit nicht gerechnet. Es ist wie mit einer Vorsorgeuntersuchung beim Arzt, wo es unerwartet plötzlich einen Befund gibt“, sagt Pfarrer Dietmar Pohl. Dennoch müsse man nun das Beste daraus machen und froh sein, dass der Schaden noch rechtzeitig entdeckt worden ist.

Unter dem Titel „Unsere Pfarrhäuser“ stellt die SZ in den nächsten Wochen Ensembles der Region vor.