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Feuilleton

Können diese Augen täuschen?

Bis heute ist nicht geklärt, wen Leonardos berühmte "Mona Lisa" zeigt. Auch sonst steckt das Leben des Mannes aus Vinci, der vor 500 Jahren starb, voller Rätsel.

Bis heute ein Rätsel, wen man hier sieht: Die Seidenhändler-Gattin Lisa? Oder die Geliebte eines Medici?
Bis heute ein Rätsel, wen man hier sieht: Die Seidenhändler-Gattin Lisa? Oder die Geliebte eines Medici? © AKG

Von Jens-Uwe Sommerschuh

Es war einmal ein Toskaner. Der stammte aus einem Dorf namens Vinci und verdankte sein Leben dem Fehltritt einer Magd mit einem Notar. Deshalb galt er als Bastard, was kein guter Start war. Aber dann … Man taufte ihn auf den Namen Lionardo. Einen Nachnamen hatte er, wie damals die meisten, zunächst nicht. Obwohl er nie eine höhere Schule besuchte, sollte er später viele seiner Zeitgenossen überragen, als Künstler und Denker, als Schöpfer und Visionär. Er war für Kaufleute, Ordensbrüder, Fürsten und einen König tätig, ersann und begann vieles, vollendete aber nur wenig. Die Rede ist von jenem Mann, der vor 500 Jahren in Clos Lucé starb, „M.r Lyonard florentin paintre“, wie ein Dokument verrät. Als Gast des Königs von Frankreich hatte er die letzten seiner 67 bewegten Lebensjahre in Amboise an der Loire verbracht.

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Viele identifizieren ihn heute mit dem majestätischen Alten, gottgleich mit langen Haaren, wallendem Bart und mokantem Ausdruck um Augen und Mund, den er 1512 zeichnete. Dabei ist gar nicht erwiesen, dass dies ein Selbstbildnis war. Zudem soll er mild und freundlich gewesen sein, ein sonniger Typ. Einer seiner Schüler nannte in einem Brief nach Florenz den 2. Mai 1519 als Todestag. Im April war der letzte Wille des „Messer leonardo de Vince pictore del Re“ aufgesetzt worden. Brief und Testament existieren nur in Abschriften. Die hier verwendete, eher seltene Schreibweise „Leonardo“ setzte sich im deutschen und englischen Sprachraum später durch. Das einzige erhaltene Originaldokument zum Tod des Meisters stammt vom 12. August 1519 und vermeldet, dass im Kreuzgang des Klosters Saint-Florentin in Amboise „Lionard de Vincy“ beigesetzt wurde, „Maler und Ingenieur und Architekt des Königs“.

Leonardo da Vinci ist noch immer weltberühmt und füllt Ausstellungshallen. Hier betrachten Besucher einer multimedialen Leonardo-Ausstellung sein Gemälde "Dame mit Hermelin".
Leonardo da Vinci ist noch immer weltberühmt und füllt Ausstellungshallen. Hier betrachten Besucher einer multimedialen Leonardo-Ausstellung sein Gemälde "Dame mit Hermelin". ©  dpa

Erst die Nachwelt erkor ihn zum Ausnahmewesen: Goethe bewunderte seine Bilder, Freud analysierte seine Träume, Kunsthistoriker priesen seine Meisterschaft. Im Italien der 1920er-Jahre wurde er, wohl vor allem auf Betreiben des Diktators Mussolini, der das Potenzial der facettenreichen Gestalt fürs Nationalbewusstsein erkannte, zum „italienischen Universalgenie“ erhoben. Damals waren Dokumente wiederentdeckt worden, die zeigten, dass Leonardo sich in unzähligen Skizzen und Traktaten auch mit technischen Problemen des Fliegens, Tauchens und der Kriegsführung befasst hatte. Man folgerte, er habe Erfindungen der Moderne vorweggenommen. Es wurde gar ein U-Boot nach ihm benannt, das letztlich siebzehn Handelsschiffe versenkte, bis die Briten „Leonardo da Vinci“ 1943 mit Mann und Maus auf den Meeresgrund schickten.

Unkonventionell, genial und ziemlich faul

Der Geniekult blieb. Bis heute finden Fachleute kaum Gehör, wenn sie nachweisen, dass nicht eine von Leonardos rund achtzig „Erfindungen“ diese Bezeichnung verdient. Er hat Ideen der Antike und des Mittelalters ausgegraben und weitergesponnen, seiner Fantasie freien Lauf gelassen, nicht mehr und nicht weniger. Doch das 20. Jahrhundert erhob ihn zum gottgleichen Alleswisser. Reißerische Thriller, in denen wie in Dan Browns „The Da Vinci Code“ der Unsinn mit der Mystik Ringelreihen tanzt, wurden Bestseller. Spätestens seit die geheimnisvoll lächelnde „Mona Lisa“ 1911 aus dem Louvre gestohlen und 1913 wiedergefunden worden war, was ihr, ehe sie wieder nach Paris gelangte, eine Triumph-Tournee durch Florenz, Rom und Mailand bescherte, wurde ihm auch als Maler mehr Beachtung geschenkt als seinen Zeitgenossen. Da so wenige Bilder von ihm bekannt waren, entzündete sich der Eifer an echten oder vermeintlichen Neuentdeckungen. Das Jesus-Bild „Salvator Mundi“, das ihm zugeschrieben wurde und 2017 in New York für umgerechnet mehr als 380 Millionen Euro bei Christie’s unter den Hammer kam, war damit das teuerste je verkaufte Gemälde der Welt.

Studie zum Kopf des Johannesknaben der Felsengottenmadonna
Studie zum Kopf des Johannesknaben der Felsengottenmadonna © AKG

Doch was sagen Preise? Jene Meisterstücke, die wir als „Mona Lisa“, „Anna Selbdritt“ oder „Felsgrottenmadonna“ kennen und die erwiesenermaßen von ihm gemalt wurden, sind von unermesslichem Wert. Den Schöpfer dieser erlesenen Kompositionen und feinsinnigen, nuancenreichen Gesichter als einen der größten Renaissance-Maler zu feiern, wäre nicht übertrieben. Doch das reicht heute vielen nicht mehr, und sein Nimbus überstrahlt bei Weitem die Werke und Spuren, die er wirklich hinterlassen hat. Bei genauer Betrachtung erweist sich vieles, was ihm angedichtet wird, als Übertreibung oder Projektion. Längst ist er eine Marke, die sich exzellent verkauft. Zweifel an Details würden nur stören. Schauen wir dennoch hinter die Verklärung und Überhöhung, entdecken wir einen interessanten Menschen, der talentiert war, unkonventionell und unbeständig, bisweilen genial und oft ziemlich faul. Es war einmal …

Lehre in der "Rechenschule"

Die erste Notiz verdankte er seinem Opa Antonio, der den Taufeintrag für den „nipote figliuolo“ vornehmen ließ, den Enkelsohn, und jener Antonio nannte seinen Sohn Piero als Vater des Neugeborenen. Der war am späten Abend des 15. April zur Welt gekommen – in Vinci, einer aus vielen Weilern und Höfen bestehenden Gemeinde westlich von Florenz. Vermutlich wuchs der Kleine zunächst bei der ledigen Mutter auf. Doch als besagter Großvater 1457 seine Steuererklärung abgab, was für die Bürger der Republik Florenz seit dreißig Jahren Pflicht war, führte er, der Freibeträge wegen, die gesamte Familie auf – auch den fünfjährigen „Lionardo“ als „nicht legitim geborenen“ Sprössling von Piero und Caterina, inzwischen Gattin des „Achattabriga di Piero del Vaccha da Vinci“. Was wie ein Adelsname klingen mag, ist auf Italienisch banal. Achattabriga bedeutet „Streithammel“, der Mann dieses Spitznamens, vermutlich Ziegelbrenner, stammte aus dem heute nicht mehr auffindbaren Vinci-Ortsteil Vaccha. Das bedeutet Kuh, womit vielleicht ein Gehöft mit Kuhstall gemeint war. 

Die Mona Lisa (ital. La Gioconda) ist Leonardos berühmtestes Gemälde. Es entstand anfang des 16. Jahrhunderts.
Die Mona Lisa (ital. La Gioconda) ist Leonardos berühmtestes Gemälde. Es entstand anfang des 16. Jahrhunderts. © AKG

Manche Biografen behaupten, Großvater Antonio habe sich um die Verheiratung der von seinem Sohn geschwängerten Caterina gekümmert, die wohl Tochter eines armen Bauern war. Die attraktive These, sie sei orientalische Sklavin gewesen, ist nicht belegt. Als sicher gilt, dass der Opa den Kleinen zu sich nahm. Piero hatte sein Notar-Büro im Zentrum von Florenz und auch eine Mietwohnung in einem Zunfthaus. Noch 1469, Antonio war inzwischen gestorben, wurde das Anwesen in Vinci als eigentlicher Wohnsitz Pieros aufgeführt, der seinen „natürlichen Sohn Lionardo“ zum angesehenen Florentiner Meister Andrea del Verrocchio in die Lehre gab. Der war vor allem als Bildhauer und Baumeister bekannt. Er setzte dem Dom die tonnenschwere vergoldete Kugel auf die Kuppel, aber er malte auch. Leonardo hatte nur die „Rechenschule“ besucht, die „scuola d’abaco“, mit deren Abschluss man allenfalls Handwerker oder Kaufmann werden konnte. Die gehobene „scuola di lettere“, die Zugang zum Studium und zur Wissenschaft ermöglicht hätte, blieb ihm versperrt. Vielleicht war er darum so wissbegierig.

Nur wenige vollendete Gemälde

Viele Details stammen aus den „Künstlerviten“, die Giorgio Vasari ab 1550 herausgab. Der war freilich erst sieben, als Leonardo im fernen Frankreich starb, und ist ihm nie begegnet. Wie auch zu anderen Meistern der Epoche sammelte der umtriebige Chronist aus Arezzo, der selbst ebenfalls Maler war, Informationen und Anekdoten aus zweiter und dritter Hand. Mangels anderer Quellen wurden diese Splitter aus Erzähltem und Vermutetem bald wie Fakten behandelt, obwohl vieles infrage steht. Je bildhafter die Formulierung, umso glaubhafter schien sie: So soll der junge Leonardo „außergewöhnlich schön von Angesicht“ gewesen sein. Und „er trug stets ein rosafarbenes Gewand, bis zum Knie … Sein schönes Haar fiel in Locken und bedeckte zur Hälfte die Brust.“ Falls er manchmal auch Blau trug, wissen wir es nicht. In Verrocchios Werkstatt, wo Leonardo auch Botticelli und Lorenzo di Credi traf, lernte er schnell. Zu Werken seines Meisters, die heute in London, München und Florenz hängen, steuerte er Details bei, Landschaften, Pflanzen, Felsen, Hund und Fisch und schließlich einen kompletten Engel. Diese Zuschreibungen verdanken wir Skizzen, die nachweislich von ihm stammen.

Ab 1472 war „Lyonardo di ser piero da vinci“ Mitglied der Gilde San Luca, freier Künstler also, jobbte aber zunächst weiter bei Verrocchio. In jene Zeit fällt dies: Laut Gerichtsakte von 1476 wurde ein „Iacopo Saltarelli, ungefähr siebzehn“ anonym beschuldigt, er habe sich von „Dutzenden Personen sodomitieren“ lassen. Vier sind namentlich aufgeführt, darunter „Lionardo di ser piero dauinci“, der bei „deluerrocchio“ arbeite. Die Sache wurde aber, wie am Rande auf Latein zu lesen steht, fallen gelassen. Gleichwohl gilt seine homosexuelle Neigung den Biografen als sicher, woraus manche folgern, dass seine Mutter Caterina die einzige wichtige Frau in seinem Leben war.

Leonardo hat in fast fünf Schaffensjahrzehnten nur wenige Gemälde vollendet. Sein frühestes eigenständiges Tafelbild könnte die Verkündigungsszene sein, die heute in den Uffizien in Florenz hängt. Auch die „Madonna Benois“ und das „Bildnis der Ginevra Benci“, ebenfalls aus den 1470ern, werden ihm zugeschrieben. Verbürgt ist ein Auftrag 1478 für ein Altarbild in einer Kapelle des Palazzo Vecchio. Leonardo kassierte Honorar und zeichnete erste Figurenstudien. Gemalt hat das Bild am Ende aber ein anderer. In dieser Phase entstanden frühe technische Studien, die er zeitlebens ausweiten sollte. Im Bestreben, seine Halbbildung zu überwinden, versuchte er später, Latein zu lernen und wälzte Bücher von Aristoteles, der sich etwa 330 v. Chr. eine Taucherglocke vorstellte, oder von Guido da Vigevano, der um 1340 über ein Unterwasserboot nachdachte.

Kanonen statt Reiter

Er war zudem ein exzellenter Beobachter, was nicht nur der Malerei zugutekam. Jahrzehntelang füllte er Kladden mit Skizzen und Überlegungen, die er linkshändig in Spiegelschrift notierte, zum Vogelflug, zur Bewegung des Wassers, zur menschlichen Anatomie, über das Tauchen, Fallen, Fliegen, Kämpfen. Sein Schüler Francesco Melzi erbte 1519 geschätzt 20 000 Seiten mit Kritzeleien, Aphorismen und Traktaten, die nach dessen Tod allerdings verhökert und so über die halbe Welt verstreut wurden.

Eine der technischen Skizzen Leonardos – hier eine Art Fallschirm. Leonardo schrieb seine Gedanken dazu immer in Spiegelschrift.
Eine der technischen Skizzen Leonardos – hier eine Art Fallschirm. Leonardo schrieb seine Gedanken dazu immer in Spiegelschrift. © AKG

Nachdem Leonardo in Florenz dem Lorenzo de‘ Medici gedient hatte, ging er 1482 nach Mailand zu Ludovico Sforza, den er der Legende nach zunächst durch sein Lyraspiel begeisterte. Denn er galt als talentierter Musiker, der auf der Streichlaute, die er selbst gebaut haben soll, „trefflich zu improvisieren“ verstand. Spektakulär ist die als Abschrift oder Entwurf überlieferte Bewerbung, mit der er sich dem Regenten andiente – und zwar in erster Linie als Militärtechniker. In den ersten neun Punkten, mit denen er sein Können anpreist, ist von Bombarden, Mörsern und Steinwerfern die Rede, von Belagerungsgerät, Verteidigungsgräben und Tunneln, um die Gegner rücklings zu überraschen. Auch wenn sich Leonardo in seinen tausend Notizen hier und da pazifistisch gab, diese Liste strotzte von todbringenden Raffinessen. Erst im abschließenden Punkt 10 erklärte er, „in Friedenszeiten“ erste Wahl auch in puncto Baukunst zu sein, um dann in einem Nachsatz fast beiläufig zu erwähnen, dass er zudem in der Bildhauerei und Malerei „alles leisten“ und „den Vergleich mit jedem anderen, wer es auch sei, aushalten“ könne. Konkret erbot er sich, für das in Gedenken an Ludovicos Vater geplante riesige Reiterdenkmal tätig zu werden, er wolle „an dem Bronzepferd arbeiten“. In den Notizen der Jahre, die Leonardo am Sforza-Hof verbrachte, finden sich zwar jede Menge Skizzen zu militärischen und anderen technischen Zwecken. Der Herrscher betraute ihn aber, abgesehen von der Reparatur höfischer Badezimmerheizungen, vor allem mit künstlerischen Aufgaben. Er ließ ihn ein riesiges Tonmodell für das Reiterstandbild konstruieren, sieben Meter hoch, und es wäre wohl auch in Bronze gegossen worden, hätte der Herzog das Metall dann nicht doch für Kanonen gebraucht.

Das Gesicht des Bösewichts

Das Modell wurde bald darauf von französischen Invasoren zerschossen. Ansonsten sollte Leonardo vor allem malen: Ludovicos Geliebte Cecilia Gallerani, die als „Dame mit Hermelin“ überdauerte. Dann ein Altarbild für die Franziskanerkirche, als erste Fassung der „Felsgrottenmadonna“ heute im Louvre zu bewundern. Schließlich ein Fresko für das Kloster Santa Maria della Grazie, das fast neun Meter breite legendäre „Abendmahl“, über das Goethe 1788 aufgeregt nach Weimar schrieb: „Es ist in seiner Art ein einzig Bild und man kann es mit nichts vergleichen.“

Das Abendmahl (italienisch: Il Cenacolo bzw. L’Ultima Cena) wurde 1497 von Leonardo vollendet.
Das Abendmahl (italienisch: Il Cenacolo bzw. L’Ultima Cena) wurde 1497 von Leonardo vollendet. © AKG

Das Madonnenbild, das Maria mit den Kindern Jesus und Johannes sowie einem berückend schönen Engel vor einer Grotte zeigt, ging dann aber an Ludovico, der es dem Kaiser Maximilian schenkte. Letztlich landete es als Hochzeitspräsent für dessen Nichte am französischen Hof und hängt nun im Louvre. Die Franziskaner hatten nämlich wegen einiger Details gemosert und bei der Bezahlung geknausert. Sie erhielten später eine wohl von Leonardos Mitarbeitern vollendete zweite Fassung, die heute in London zu bewundern ist.

Für das „Abendmahl“ ließ sich Leonardo viel Zeit, blieb dem Kloster oft monatelang fern. Eine Anekdote besagt, dass er, als Ludovico ihn ungehalten zur Rede stellte, trotzig erklärte, er sei „seit einem Jahr und vielleicht länger jeden Tag, abends und morgens“ unterwegs, dort „wo gemeines und niedriges Volk wohnt, zum großen Teil abgefeimte Schurken“, um ein Gesicht zu finden, „das geeignet wäre, das Bild jenes Bösewichts auszuführen“: Judas. Schon hatte er seine Ruhe. Die Szene, in der Jesus, ohne Namen zu nennen, den Verrat kundtut, atmet seit ihrer Vollendung 1498 enorme dramatische Spannung. Der Ausdruck der Gesichter ist vielschichtig und beredt. Leonardos Judas, dunkelhäutig, hakennasig und verschlagen, befeuerte freilich gängige antisemitische Klischees. Bei aller Genialität: Leonardo stand in festen Diensten. Nachdem sein Mailänder Dienstherr entmachtet worden war, diente er dem kriegerischen Herzog Cesare Borgia, war in Mantua, Venedig und Rom zugange und überhaupt viel unterwegs, dann aber wieder einige Zeit in Florenz. Hier soll er den Auftrag zu einem Porträt erhalten haben, das heute als berühmtestes Gemälde der Welt gilt – falls es nicht schlichtweg verwechselt wird.

Wer ist die Mona Lisa?

Zwei Quellen deuten an, dass Leonardo um 1503 für den Seidenhändler und Geldverleiher Giocondo dessen Frau Lisa malte. „Mona“ oder, gebräuchlicher, „Monna“ ist übrigens kein Name, sondern die gängige Abkürzung für „Madonna“ und bezeichnete, wie das französische „Madame“, die verheiratete Frau. Lisa Gherardini war Tochter eines einfachen Handwerkers, der eine Wollwerkstatt hatte und nie ein eigenes Haus besaß. Ihr Gatte galt als „darroso“, als ein Aufschneider und Emporkömmling, der schnelles Geld gemacht hatte. Leonardos Vater soll ihn gekannt haben. Der Verbleib jenes Bildes, das in den Quellen als unfertig beschrieben wird, ist ungewiss. Es tauchte weder im Nachlass Giocondos auf noch anderswo in Florenz. Jahre später aber erwähnte Antonio de Beatis, Sekretär des Kardinals d’Aragon, in seinem Tagebuch einen langen Besuch seines Herrn am 10. Oktober 1517 bei Leonardo in Amboise, wo der Meister, der nun Hofmaler des französischen Königs war, ihnen drei Bilder zeigte, darunter das „Porträt einer Florentinerin“, das er „im Auftrag von Giuliano de‘ Medici“ gemalt habe, dem Bruder des Papstes Leo X.

Es besteht kein Zweifel, dass die von dem Sekretär erwähnten Bilder jene sind, die wenige Jahre später in die Hände des Königs gelangten und heute im Louvre zu sehen sind, neben der „Mona Lisa“ alias „Gioconda“ auch „Johannes der Täufer“ und die als „Anna Selbdritt“ bezeichnete Figurengruppe mit Maria, ihrer Mutter Anna und dem Jesuskind mit Lämmchen. Heute kursieren viele Thesen, wer die Florentinerin sein könnte, deren Bildnis wir heute im Louvre sehen können und die wohl nicht die Lisa del Giocondo sein dürfte. Isabella d’Este? Caterina Sforza? Isabella d’Aragon? Oder Pacifica Brandani, die an der Geburt eines Sohns starb, den Giuliano de‘ Medici mit ihr gezeugt hatte?

Die Spektralanalyse zeigt, dass unter der Mona Lisa ursprünglich ein anderes Bild steckte.
Die Spektralanalyse zeigt, dass unter der Mona Lisa ursprünglich ein anderes Bild steckte. © AKG/Pascal Cotte

Das Für und Wider füllt Bücherregale, und auch die Idee, Leonardo habe, ausgehend von einem Porträt, ein Idealbildnis schaffen wollen, ist nicht widerlegt. 2015 ist aber unter dem bekannten Antlitz durch Multispektralanalysen ein früheres Bild entdeckt und sichtbar gemacht worden, das in wesentlichen Details abweicht. Die Wangen sind schmaler, der Mund ist kleiner, zeigt aber ebenfalls die Andeutung eines Lächelns. Die Pupillen blicken in eine andere Richtung, und die kunstvollere Frisur bietet Details, wie Experten bekunden, die auf die Mode in Florenz kurz nach 1500 hindeuten.

Ist das die Lisa? Und wie sollen wir das Bildnis nennen, das Leonardo später darüber malte, das Werk, das er seinem Schüler Gian Giacomo Caprotti alias Salaj vererbte, aus dessen Besitz es wohl an den König von Frankreich ging? Es ist vielleicht gar nicht wichtig, das zu wissen. Denn das Bild kündet, wie andere aus Leonardos Spätwerk, von der großen Kunst eines einzigartigen Meisters, der gewiss noch viel mehr wollte, aber vor allem eines auf geniale Weise verstand: die Regungen der Seele abzubilden, das Menschliche im Antlitz zu zeigen, ohne das letzte Geheimnis zu lüften. Es war einmal ein Toskaner …

Literaturtipps zu Leonardo da Vinci

Marianne Schneider, Das große Leonardo Buch, Schirmer/Mosel 2019, 39,80 €.

Die Herausgeberin und Übersetzerin der üppigen Leonardo-Edition des Verlags kommentiert Dokumente.

Klaus-Rüdiger Mai, Leonardos Geheimnis, Evangelische Verlagsanstalt 2019, 25 €.

Gängiger biografischer Versuch nicht ohne Fehler und Schwächen, Leonardo als Universalgenie zu feiern.

Roberto Zapperi, Abschied von Mona Lisa, Verlag C.H. Beck 2010, 19,95 €.

Kühnes Quellenstudium zur Geschichte des bekanntesten Gemäldes der Welt, mit gewagten Thesen.

Matthias Eckoldt, Leonardos Erbe, Verlag Penguin 2019, 10 €.

Intelligente Demontage von Erfinder-Mythos und Geniekult: Übrig bleibt ein großer Maler mit unruhigem Geist.

Pietro C. Marani, Leonardo, Verlag Schirmer/Mosel 2005, 16 €.

Fundierte Analyse des gesicherten malerischen Werks, Anhang mit wesentlichen Dokumenten im originalen Wortlaut.

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