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Synagoge: Davidstern ist Zeichen für Toleranz

In der Debatte um die Rekonstruktion der Görlitzer Synagoge plädiert Künstler Alex Jacobowitz für den Stern. Und fordert ein Sicherheitskonzept.

Görlitzer Synagoge mit Davidstern
Görlitzer Synagoge mit Davidstern © Ratsarchiv Görlitz

Von Alex Jacobowitz

Nach dem hebräischen Kalender begehen Juden heute, am neunten des jüdischen Monats Av, das jährliche Gedenken an die Zerstörung des Tempels in Jerusalem durch die Römer im Jahr 70 BCE. Um die eigenen Traditionen des Gebets und Gottesdienstes im Exil fortzusetzen, begannen Juden auf der ganzen Welt, die Tradition des Synagogenbaus, "Batei Kneset" (Häuser der Versammlung) genannt, einzuführen.

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Das galt auch für die Juden von Görlitz, die ihre wunderbare Synagoge in der Otto-Müller-Straße zwischen 1909 und 1911 erbaut hatten. Nur 27 Jahre später wurde die Synagoge in Brand gesteckt — wie die meisten Synagogen im Deutschen Reich — und der stattliche Davidstern auf der Spitze der Synagoge wurde demontiert und zerstört.

Doch obwohl die Synagoge beschädigt war, überlebte sie die Kristallnacht. Sie überlebte die Brände der Nazis, überlebte die Jahrzehnte fast gänzlicher Vernachlässigung samt Wasserschäden unter den Kommunisten und überlebte die allgemeine Verwirrung nach der Wende. Die Frage, was mit der Synagoge nun zu tun sei, beschäftigt bis heute das Denken und Fühlen der Einwohner Görlitz’ und seines Stadtrates.

Noch kein Sicherheitskonzept - Wie kann das sein?

Dank der langjährigen Zusammenarbeit von Bund, Land und Stadt wird die Synagoge hoffentlich, und zu guter Letzt, noch vor Ende des Jahres 2020 in ihrer alten Schönheit und Erhabenheit wiedereröffnet werden. Dieses Vorhaben kann man nur loben und bejubeln. Ein wunderbares Zeugnis einer fruchtbaren Zusammenarbeit!

Jedoch las ich diesen Monat auch mit großer Bestürzung, dass in die Synagoge eingebrochen und erheblicher Besitz entwendet wurde. Mit noch größerer Bestürzung musste ich auch entdecken, dass die Stadt noch immer kein angemessenes Sicherheitskonzept für den Schutz der Synagoge entwickelt hat. Wie kann das sein? Mit den Millionen an Steuergeldern, nicht nur jenen der Görlitzer, die in die Synagoge einfließen, stellt sich die Frage: Wer bewahrt diesen einzigartigen Schatz vor möglichen Schäden?

Ich erinnere mich noch lebhaft daran, bei einer meiner Synagogen-Führungen vor mehreren Jahren, ein Hakenkreuz entdecken zu müssen, das in die große hölzerne Eingangstür geritzt worden war. Kurze Zeit danach wurde ein gelbes Hakenkreuz auf die Außenfassade gesprüht. Die Stadt musste damals einen hohen Preis zahlen, um diese Schäden beseitigen zu lassen. Wie wird man das Gebäude in Zukunft schützen? Wer wird es schützen? Und wenn nicht jetzt, wann dann?

Anschlag von Halle scheint hier vergessen

Vielleicht gehört es in Görlitz nicht zum gängigen Allgemeinwissen, dass Synagogen auf der ganzen Welt, aber eben auch in Deutschland, in den meisten Fällen ein zusätzliches Sicherheitskonzept benötigen. Dies kann vielfältig umgesetzt werden: Polizeipatrouillen, private Sicherheitsdienste, unterschiedliche Bewegungssensor-Alarmsysteme, Überwachungskameras, kugelsicheres Glas. All dessen ist man sich in Görlitz nicht bewusst? Hat man bereits vergessen, dass erst letztes Jahr an Jom Kippur in Halle ein Mann versuchte, in eine Synagoge einzubrechen, mit der Absicht, so viele Juden wie möglich zu töten? Wurde über den tragischen Mord an zwei Nichtjuden in Görlitz damals nicht berichtet?

Seit kurzem läuft nun eine Diskussion um die Frage der Wiederanbringung des Davidsterns auf der Spitze der Synagogen-Kuppel. Einige sind dafür — aufgrund seiner Symbolik sowie der historisch-architektonischen Authentizität. Andere sind dagegen — da für sie die Synagoge keine Synagoge mehr ist. Die meisten Menschen wissen anscheinend nicht, dass die kleine Synagoge innerhalb der Synagoge (die sogenannte Wochentags-Synagoge für circa fünfzig Gläubige, speziell für den jüdischen Gottesdienst eingerichtet) Ende des Jahres ebenfalls wiedereröffnet wird.

Frage der architektonischen Ehrlichkeit

Ja, ich denke, der Davidstern sollte wieder angebracht werden — als Symbol des Friedens und der Toleranz, die die Stadt Görlitz in der gesamten Region verbreiten will. Der Davidstern sollte wieder angebracht werden, weil es eine Frage der architektonischen Ehrlichkeit ist (es gibt noch einige sehr kleine Davidsterne an den Eingangstüren, die weder von den Nazis noch den Kommunisten entfernt wurden). Aber der wichtigste Aspekt ist, dass die Synagoge zumindest teilweise wieder eine Synagoge ist. Und das sollte die Stadt Görlitz und all seine Einwohner mit Stolz erfüllen.

Im Judentum erklärt der Talmud, dass die Rettung menschlichen Lebens oberste Priorität hat. Deshalb, auf jeden Fall sollte sich das Symbol des jüdischen Sterns wieder auf der Spitze dieses atemberaubenden Gebäudes erheben, diesem Haus des Gebets. Im Alten Testament nennt Gott den Tempel ein Haus des Gebets für alle Völker. Doch bevor wir uns daran wieder erfreuen dürfen, soll diesem Haus Gottes in Görlitz – so bald als möglich – der Schutz und die Sicherheit zukommen, die ihm zusteht, um Leib und Leben aller zu schützen. Und danach das des Symbols.

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Unser Gastautor: Alex Jacobowitz ist ein Künstler, der schon häufig in Görlitz aufgetreten ist, und sich eine Zeit lang auch für den Aufbau einer Jüdischen Gemeinde in Görlitz engagierte.

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