merken
PLUS Hoyerswerda

Lessing-Gymnasium – TU Dresden – Harvard

Ein junger Mann aus Hoyerswerda hat jetzt einen Abschluss an der US-Elite-Universität gemacht.

Rick Wolthusen hat 2009 sein Abitur am Lessing-Gymnasium abgelegt. Inzwischen ist er Mediziner, beginnt jetzt die Facharztausbildung zum Psychiater.
Rick Wolthusen hat 2009 sein Abitur am Lessing-Gymnasium abgelegt. Inzwischen ist er Mediziner, beginnt jetzt die Facharztausbildung zum Psychiater. © Foto: Maximilian Klein

Hoyerswerda/USA. Empathie, Einfühlungsvermögen ist für einen Arzt nicht die schlechteste Grundvoraussetzung. Rick Wolthusen sagt, vermittelt bekommen habe er sie in Hoyerswerda: „In meiner Familie, im Lessing-Gymnasium und im Seenland-Klinikum.“ Zu sehen ist nur sein Gesicht. Der Mediziner mit Hoyerswerdaer Wurzeln sitzt in Mexiko-Stadt vor einem Laptop, gibt dem Tageblatt Auskunft via Skype. Er hat die Reise in die mexikanische Hauptstadt unternommen, weil er sein Visum für die USA verlängern will. Normalerweise wäre er dazu nach Deutschland gekommen. Covid-19 machte eine Änderung dieses Plans nötig.

Abiturabschluss mit 1,0

Anzeige
Wer hilft, wenn zuhause etwas passiert?
Wer hilft, wenn zuhause etwas passiert?

Es dauert nur eine Sekunde und schon ist es passiert: Ein Sturz, ein Schnitt, eine Verbrennung. Wie der Hausnotruf im Notfall schnelle Hilfe sichert.

Wolthusen ist zwischen zwei Lebensstationen. Dieser Tage beginnt seine Facharztausbildung zum Psychiater an der Duke University in Durham im US-Bundesstaat North Carolina. Dabei ist ein anderer, recht prestigeträchtiger universitärer Abschluss gerade kurze Zeit her. „Ich habe es noch gar nicht richtig verarbeitet“, sagt der Arzt. Er darf sich jetzt Harvard-Absolvent nennen. Der Name der Uni in Cambridge, einem Vorort von Boston, hat Klang nicht nur in akademischen Kreisen. Er ist auf John Harvard zurückzuführen, einen Pfarrer aus dem 17. Jahrhundert, der sein Vermögen dem College von Cambridge vermachte. Daraus wurde laut dem World University Ranking des Bildungsdienstleisters QS Quacquarelli die momentane Nummer drei der weltweiten Spitzen-Universitäten, nach dem MIT und Stanford, die eher technisch ausgerichtet sind. Die erste deutsche Uni unter den 800 aufgeführten, die TU München, findet sich auf Platz 55.

Rick Wolthusen hat eigentlich nie Zeit verloren. Kaum hatte er 2009 am Lessing-Gymnasium sein Abitur mit 1,0 abgeschlossen, schon war er zum Pflegepraktikum im Seenland-Klinikum. Kurz darauf begann er an der TU Dresden sein Medizin-Studium, das er 2017 mit dem Staatsexamen abschloss. Eingeschlossen war ein Forschungsaufenthalt in Harvard – sowie das Entstehen von „On The Move e.V.“. Ziel des Vereins, den der Student gemeinsam mit einer Kommilitonin gründete, ist die verbesserte Betreuung von Menschen mit psychischen Krankheiten vor allem in Afrika. „Psychiatrie ist nach meiner Meinung nur zu 50 Prozent Medizin“, sagt Wolthusen. Eine große Rolle spielten auch sozio-ökonomische sowie vor allem kulturelle Aspekte.

Vor diesem Hintergrund begann 2018 mit Unterstützung der Studienstiftung des deutschen Volkes die Ausbildung an der Harvard Kennedy School, die Politik- und Staatswissenschaft, Politische Ökonomie sowie Public Policy zum Lehrinhalt hat. Letzteres wird mit „Staatstätigkeit“ übersetzt. Rick Wolthusen darf sich jetzt Master of Public Policy nennen. Aus seiner Sicht hatte das Studium an der US-Ostküste drei große Pluspunkte, die miteinander zusammenhängen. „Intellektuelle Überstimulation“ sei mit Händen zu greifen. Harvard ist nicht die einzige Uni im Großraum Boston. Da wären auch noch das erwähnte MIT, die Boston University, die Northeastern University, die University of Massachusetts oder das Wellesley College. Unter anderem. Man kann also viele ambitionierte junge Leute aus aller Welt treffen. Dies wiederum, sagt Wolthusen, sorge für ein offenes und liberales Klima. Und drittens ziehe es viele Menschen an, die in ihren Fachgebieten führende Experten sind.

Bei Samamtha Power gelernt

Es sei also möglich, Leute aus der Wissenschaftsgemeinschaft, die man anderenfalls vielleicht per Mail um eine fachliche Einschätzung gebeten hätte, persönlich zu treffen. Unter Rick Wolthusens Dozenten war zum Beispiel Samantha Power, von 2013 bis 2017 unter Präsident Barack Obama die Botschafterin der USA bei den Vereinten Nationen und Autorin des gerade vielbeachteten Buches „Education of an Idealist“. Ihr Kurs in Staats- und Geopolitik befasste sich mit der „Zukunft der Menschenrechte“. Eine profiliertere Lehrerin auf diesem Gebiet lässt sich wohl nur sehr schwer finden. Andererseits, sagt ihr Student aus Hoyerswerda, werde auch in Harvard nur mit Wasser gekocht: „Die Furcht, sich dort zu bewerben, ist bei Vielen sicherlich viel größer als nötig.“ Insofern habe er nichts dagegen, als Vorbild gesehen zu werden. Motto: Wenn ein Lausitzer es schafft, schaffen es sicherlich auch andere.

Und noch einen Rat kann er inzwischen geben: „Man muss sich gar nicht frühzeitig entscheiden.“ Er selbst war am Lessing-Gymnasium, was man dort einen „M-i“ nennt, Schüler einer der Musik-Spezialklassen. Statt der Naturwissenschaften waren seine Leistungskurse Musik, Englisch und Geschichte. Dennoch ist er nun Arzt und nicht Berufsmusiker oder Kulturwissenschaftler. Er freut sich auf seine Tätigkeit in Durham. Auch dabei wird es wieder verschiedene Komponenten mit klinischer Arbeit, Forschung sowie politischem Engagement geben. Neben der klassischen Ausbildung an der Duke University umfasst das auch Tätigkeiten im zugehörigen Regional Hospital mit 370 Betten sowie in einem Veterans-Affairs-Krankenhaus für ehemalige Angehörige des US-Militärs. Rick Wolthusen ist auch gespannt auf die Arbeit mit Patienten aus Bevölkerungsgruppen, die man gemeinhin Minderheiten nennt. Dabei machen Nicht-Weiße rund 60 Prozent der Bevölkerung von Durham aus. 40 Prozent sind Afroamerikaner, 15 Prozent Latinos, fünf Prozent Menschen asiatischen Ursprungs. Im Zusammenhang mit sozioökonomischen und kulturellen Aspekten psychischer Krankheiten dürften sich Erkenntnisse sowohl aus der Arbeit im Verein „On The Move e.V.“ wie auch aus dem Studium in Harvard auszahlen.

Harvard ist eine altehrwürdige Universität. Ihre Geschichte reicht zurück bis ins Jahr 1636, als in Europa der Dreißigjährige Krieg wütete.
Harvard ist eine altehrwürdige Universität. Ihre Geschichte reicht zurück bis ins Jahr 1636, als in Europa der Dreißigjährige Krieg wütete. © Foto: Samlara Baah
Die Harvard Kennedy School bietet im Innern sehr moderne Bedingungen, hier die Student Lounge, so eine Art Wohnzimmer für Studenten.
Die Harvard Kennedy School bietet im Innern sehr moderne Bedingungen, hier die Student Lounge, so eine Art Wohnzimmer für Studenten. © Foto: Amna Ahmad

Mehr zum Thema Hoyerswerda