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Letzte Ruhe an der Baumwurzel

Für eine Bestattung im Wald gibt es von Bürgern zunehmend Interesse. Doch Kirchen sehen das eher kritisch.

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© obs

Von Dieter Hanke

Begraben sein unter friedlich rauschenden Baumwipfeln und Vogelgezwitscher – das gefällt vielen, auch wenn sie noch lange nicht ans Sterben denken. Niederaus Bürgermeister Steffen Sang fährt am 19. Juni nach Bennewitz. In dieser Gemeinde bei Wurzen mit ihren zwölf Ortsteilen und knapp 5 000 Einwohnern wird an diesem Tag im Planitzwald der erste Friedwald-Standort in Sachsen eröffnet. „Ich bin aufgeschlossen für diese naturnahe Bestattung, immer mehr Menschen zeigen Interesse dafür. Deshalb möchte ich in Bennewitz erfahren, wie dort ein Bestattungswald eingerichtet wurde“, sagt der Bürgermeister. Da denkt er auch an das Projekt von Georg Prinz zur Lippe, der vor einigen Jahren im Oberauer Forst in einem Teil seines Waldes solche Ruhestätten an Bäumen einrichten wollte. Doch der Niederauer Gemeinderat lehnte das damals ab. Georg Prinz zur Lippe hat nun erneut in der Gemeinde vorgesprochen, um für diese Bestattungsform Verständnis zu erreichen.

Auch Daniel Prinz von Sachsen gibt da nicht auf. Er hatte 2010 vom Coswiger Stadtrat eine Abfuhr für seine Friedwald-Idee erhalten. In einem 20 Hektar großen Waldteil von ihm auf Coswiger Flur in Richtung Radebeul möchte der 39-jährige Ururenkel des letzten Sachsen-Königs August III. solche Naturbestattungen ermöglichen. „Ein Friedwald ist doch keine Konkurrenz zu den klassischen Bestattungsformen, sondern eine Ergänzung“, sagt er. Ihm wäre es am liebsten, wenn er sein Vorhaben im Einklang mit der Stadt Coswig und der Ev.-Lutherischen Kirchgemeinde verwirklichen könnte. „Falls das erneut auf Ablehnung stößt, werde ich andere Möglichkeiten prüfen“, sagt der Leiter der Wettinischen Forstverwaltung. So könnten vielleicht die Alt-Katholische Kirche oder andere Einrichtungen die Trägerschaft für solche Begräbnisstätten übernehmen.

Auch in anderen Orten ist man aufgeschlossen für diese neuen Angebote zu den traditionellen Bestattungsformen. Nossen zum Beispiel besitzt einen großen Stadtwald an der Mulde. „Wir könnten da mal die Idee eines Friedwaldes prüfen“, sagt Bürgermeister Uwe Anke. Auch Klipphausens Bürgermeister Gerold Mann will mit dem Gemeinderat über ein solches Vorhaben nachdenken. „Da sollte es keine Tabus geben“, sagt er. Einen Friedwald im Rothschönberger Schlosspark lehne er aber ab.

Die Gemeinde Bennewitz im Landkreis Leipzig hatte in den letzten Wochen und Monaten viele Anrufe von Bürgern, auch aus dem Meißner Land, zum Thema Friedwald erhalten. „Das Interesse dafür ist groß“, sagt Andrea Wagner von der Verwaltung. Denn bislang mussten Bürger aus Sachsen, die eine Bestattung im Wald wünschten, auf andere Bundesländer ausweichen, so auch nach Sachsen-Anhalt. Denn während es in anderen Bundesländern schon seit geraumer Zeit Friedwälder gibt, vor allem in Hessen und Baden-Württemberg, sperrte sich Sachsen lange Zeit dagegen. Lokale Bemühungen scheiterten oft am Widerstand der Kirche und von CDU-geführten Stadt- und Gemeinderäten.

„Das Genehmigungsverfahren war sehr langwierig. Die betreffenden Waldflächen mussten zum Friedhof umgewidmet werden. Da ging es auch um Natur- und Landschaftsschutz, um wasserrechtliche Verordnungen und andere Vorschriften“, sagt Andrea Wagner. Die Gemeinde Bennewitz hat 66 Hektar im Planitzwald ausgewählt, wo jetzt diese naturnahe Form der Bestattung möglich ist. Nach der Eröffnung am 19. Juni, 11 Uhr, haben Interessenten Gelegenheit, unter forstlicher Führung den Bennewitzer Friedwald mit seinen Eichen, Buchen und anderen Baumarten kennenzulernen. Die Kommune ist dort Träger des Ganzen, ein privater Waldbesitzer stellte Flächen zur Verfügung und die Friedwald GmbH aus Griesheim bei Darmstadt (Hessen) hat die Verwaltung des Areals und kümmert sich um das Marketing.

Baum wird zu Lebzeiten ausgesucht

Die letzte Ruhe inmitten der Natur zu finden als Alternative zum klassischen Friedhof spricht auch deswegen immer mehr Leute an, da die Waldbestattung kostengünstiger ist und auch die künftige Pflege der Begräbnisstätte die Natur übernimmt. Eine biologisch abbaubare Urne mit der Asche des Verstorbenen wird in etwa 80 bis 90 Zentimeter Tiefe an den Wurzeln eines Baumes beigesetzt. „Der Verstorbene kann anonym bleiben oder am Baum wird eine Plakette mit Namen und Lebensdaten angebracht“, sagt Sonja Rick von der Friedwald GmbH. Der kostengünstigste Einzelplatz würde etwa 490 Euro kosten. „Die Ruhezeit beträgt da 20 Jahre“, sagt sie. Auch Gemeinschaftsplätze unter einem Baum seien möglich oder der Kauf von mehreren Plätzen, wo der Baum zu Lebzeiten vom Interessenten selbst ausgesucht wird und wo die Ruhezeit 99 Jahre beträgt. „Das ist dann natürlich teurer“, bemerkt Sonja Rick.

Die Kirchgemeinden allerdings stehen der Idee von Waldruhestätten meist kritisch gegenüber. Der Röhrsdorfer Pfarrer Christoph Rechenberg bemerkt: „Friedhöfe sind der richtige Ort zum Trauern und Gedenken. Sie haben vielfach auch kulturhistorischen Wert und sind besonders für ältere und behinderte Menschen besser erreichbar als der Bestattungsplatz im Wald.“ Der Schutz der Totenruhe über Jahrzehnte sei auf dem Friedhof gewährleistet, nicht aber im Friedwald, sagt der Röhrsdorfer Pfarrer weiter. Auch der Bestand an Friedhöfen dürfe nicht gefährdet werden.