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Letzte Ruhe im Stadtwald?

Eine Initiative kämpft für Bestattungsmöglichkeiten abseits der Friedhöfe. In Kamenz ist das bislang verboten.

Von Sebastian Kositz und Annett Kschieschan

Dicht an dicht stehen die Bäume am Czorneboh. Nur sporadisch treffen die Sonnenstrahlen auf den Waldboden, funkeln sie zwischen den Lücken im Dickicht. Ein geradezu märchenhaftes Idyll. Ines Mättig ist gern dort unterwegs, mag die Natur, das Wandern. Der Czorneboh, ein Ort, dem sie die Treue hält – am liebsten über den Tod hinaus. Ines Mättig meint das keineswegs rhetorisch. Sie hat für sich entschieden, nicht auf einem herkömmlichen Friedhof bestattet werden zu wollen. Stattdessen möchte sie ihre letzte Ruhe im Wald finden. Naturnahe Bestattung nennt sich das. Eine Alternative zum Grab auf dem Friedhof, die in Deutschland immer mehr Anhänger findet. Allein im vergangenen Jahr gab es in der Bundesrepublik bereits weit mehr als 10 000 Baumbestattungen, Tendenz steigend. „Viele Menschen wollen das so, weil sie sich in der Natur frei und wohl fühlen“, erklärt Ines Mättig.

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Frei und wohl fühlen in der Natur? Das ist in Sachsen zunächst kein Problem. Wald gibt es schließlich genug. Aber eine Beerdigung unter einem der vielen Bäume – das ist bislang im gesamten Freistaat schlichtweg nicht möglich. Sachsen ist das einzige Bundesland, wo die entsprechenden Angebote noch fehlen. Möchte sich Ines Mättig ihren Wunsch erfüllen, dann ist das gegenwärtig nur fernab ihrer Heimat möglich. Der nächste Bestattungswald befindet sich in Sachsen-Anhalt.

Prüfung bis zum Herbst

Doch damit will sie sich nicht länger abfinden. Gemeinsam mit Gleichgesinnten aus ganz Sachsen hat sie eine Bürgerinitiative für Bestattungswälder gegründet. Auch Marion Junge macht sich für eine Alternative zur Friedhofsbestattung stark. Die Kamenzer Landtagsabgeordnete und Stadträtin der Linken gehört damit zu den Vorreitern einer Bewegung, die sich langsam lauter Gehör verschafft. Gleichwohl: Einen Wald zu finden, der sich als Bestattungswald eignet, ist nicht so einfach. „Wir lassen zurzeit prüfen, wo das im Kamenzer Raum möglich wäre“, sagt Marion Junge. Mit Ergebnissen rechnet sie Anfang Herbst. Dann müsse natürlich zunächst der Kamenzer Stadtrat über die potenziellen Möglichkeiten sprechen. Der Gesetzgeber steht dem nicht entgegen. Der Landtag hatte bereits vor fünf Jahren das Bestattungsrecht so geändert, dass etwa Städte und Gemeinden oder die Kirchen Bestattungswälder anlegen dürfen. Doch in der Praxis hat das bislang noch nicht viel bewegt. Am weitesten sind die Pläne inzwischen in Bennewitz bei Wurzen gediehen, wo die Gemeindeverwaltung derzeit daran ist, die dazu nötigen Genehmigungen einzuholen.

„Wir wollen zunächst erst einmal neue Mitglieder für unsere Initiative gewinnen, um zu zeigen, dass der Wunsch bei vielen Menschen da ist. Das erhöht den Handlungsdruck“, erklärt Ines Mättig. Die Mitgliedschaft sei kostenlos, aktuell umfasst die sachsenweit agierende Bürgerinitiative bereits etwas mehr als 60 Mitstreiter.

Der Bürgerinitiative geht es vor allem um richtige Bestattungswälder. Die Asche kommt in biologisch abbaubaren Urnen direkt ins Erdreich am Baum, eine Plakette am Stamm vermerkt Namen und die Lebensdaten des Verstorbenen. Der Wald bleibt dabei ungeachtet der Baumgräber für jeden weiterhin öffentlich begehbar.

Mit viel Skepsis auf die Bestattungswälder reagieren unterdessen jedoch die Kirchen. „Aus unserer Sicht sind und bleiben die Friedhöfe die richtigen Orte für das Trauern und Gedenken“, sagt Michael Baudisch, Sprecher vom Bistum Dresden-Meißen. „Zumal Friedhöfe keine Betonwüsten sind. Die Anlagen sind naturnah“, fügt der Vertreter der katholischen Kirche hinzu.

Sehr pragmatisch sieht es sein Kollege von der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche. Sprecher Matthias Oelke verweist auf eine neue Konkurrenz für die etwa 1 000 kirchlichen Friedhöfe in Sachsen. „Es geht nicht ums Geschäft, aber darum, die traditionellen Angebote am Leben zu erhalten“, sagt Matthias Oelke.

Schon jetzt sei das gerade auf dem Land, wo immer weniger Menschen wohnen, schwierig. „Wir sind da auch in der Verantwortung gegenüber all jenen, die weiterhin auf einem normalen Friedhof beerdigt werden wollen.“ Auf ein Wort

www.pro-bestattungswald-sachsen.de