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Letzter Winter im alten Obdachlosenheim?

Schon im kommenden Jahr könnte die Einrichtung umziehen – wenn alles glatt läuft.

Vor drei Monaten kam Jens Schadeck ins Riesaer Obdachlosenheim, vorher campte er meistens wild. Am Mittwoch ebnete der Stadtrat den Weg für den Umzug des Heims und der Tafel in ein neues, moderneres Objekt.
Vor drei Monaten kam Jens Schadeck ins Riesaer Obdachlosenheim, vorher campte er meistens wild. Am Mittwoch ebnete der Stadtrat den Weg für den Umzug des Heims und der Tafel in ein neues, moderneres Objekt. © Sebastian Schultz

Riesa. Die Weihnachtsfeier im Obdachlosenheim ist in vollem Gange, als Jens Schadeck und Nico Pfau* ihren Besuch nach oben führen. Ein Tisch, ein Stuhl, das Bett, dazu eine kleine Kommode, Fernseher, Kleiderschrank. Auf der weißen Tischdecke steht der Adventskranz, einen Plüschhund räumt Nico Pfau noch schnell ins Bett, die Bibel bleibt liegen. Gerade eben gab es kleine Adventspäckchen für die beiden und die übrigen 22 Bewohner, ausgesucht von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des DRK, das das Heim betreibt.

Ein etwas anderes Geschenk hatte der DRK-Geschäftsführer im Gepäck. „Nach jetzigem Stand haben wir ein neues Objekt gefunden“, hatte Falk Glombik ein paar Minuten zuvor verkündet. Der Plan sei es, Ende 2020 einzuziehen. „Vielleicht können wir das nächste Weihnachtsfest sogar schon im neuen Heim feiern.“ In jedem Fall aber das darauf folgende, da gibt sich Glombik zuversichtlich. 

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Die Zurückhaltung hat ihren Grund. Die Suche nach einem neuen Standort sei schon in der Ära Köhler Stadtthema gewesen. „Egal welcher OB, alle haben sich bemüht“, betont Glombik. Nur: Fündig wurden sie nicht. Es genügt ein Blick in Nico Pfaus Zimmer, um zu verstehen, wie frustrierend die Suche für Bewohner und die DRK-Mitarbeiter ist. 

Die Kleiderschränke dort sind noch verhältnismäßig neu, sagt die Leiterin des Heims, Ute Grajek. Der Lions-Club hatte sie 2017 gesponsert – als Geschenk für den Einzug in die Freitaler Straße. Doch der platzte wenig später – und die Suche ging von vorn los. Nun ist die Lösung zum Greifen nah. Der Stadtrat beschloss am Mittwoch offiziell den Umzug an die Speicherstraße 2b. Nun ist die Wohnungsgesellschaft (WGR) am Zug, die das Gebäude dort umbauen soll.

Nötig ist der Umzug schon lang. Eins der Obergeschosse ist schon länger nicht mehr wirklich nutzbar. Das Dach war nach den Stürmen in den vergangenen Jahren nur notdürftig geflickt worden. Und im Winter ließen sich die Zimmer nur noch auf zwölf Grad hochheizen. Kleinere Reparaturen hatten zuletzt auch mal die Heimbewohner unter Anleitung mit übernommen. 

„Wir freuen uns schon über die Nachricht“, sagt Jens Schadeck. Er mache öfter die Toiletten sauber und bemerke besonders, wie häufig die alten Leitungen verstopft sind. „Und letztens hatten wir einen Kabelbrand hier an einer alten Leitung.“ Zum Glück sei nichts Schlimmeres passiert. „Wir werden im neuen Heim sicher keinen Whirlpool bekommen“, sagt Nico Pfau, der seinen richtigen Namen nicht nennen möchte. „Aber besser als hier ist es allemal.“ 

Pfau lebt seit fast einem Jahr im Obdachlosenheim. Wegen eines Arbeitsunfalls habe ihm die Leihfirma gekündigt, sagt er. „Fürs Jobcenter war meine Wohnung zu teuer.“ Es liefen Mietschulden auf. „Irgendwann blieb nur noch der Umzug hierher.“ Es sei nicht so, dass er sich nicht bemüht habe, betont der 35-Jährige. „Aber in Riesa ist es schwer, kleine Wohnungen für 265 Euro zu bekommen.“

Jens Schadeck ist bereits zum zweiten Mal im Obdachlosenheim. Er hatte Mist gebaut, musste ins Gefängnis – und hatte deshalb versäumt, die Miete zu zahlen. Schadeck flog aus der Wohnung und lebte danach einige Zeit auf der Straße, pennte im Freien. „Mit ein paar Leuten und einem Zelt geht das“, sagt er. Doch vor drei Monaten wurde es dem 48-Jährigen langsam zu kalt unter freiem Himmel. 

Wieder zurück auf die Straße will er nicht, beteuert Schadeck. „Das ist eine gute Hilfe hier, ich komme auch mit dem Geld gut hin.“ Außerdem helfe das DRK dabei, seine Schulden zu tilgen. Ziel des Heims ist es nicht, die Leute einfach nur „von der Straße zu holen“. Es geht eben auch um Resozialisierung. Die gelingt ganz gut, sagt Leiterin Ute Grajek. 

Zwölf bis 15 Bewohnern im Jahr könne das Rote Kreuz neuen Wohnraum vermitteln. Die WGR sei auch in dieser Hinsicht ein guter Partner. Was das Zusammenleben im Heim angeht, seien die Bewohner selbst in der Pflicht. „Wir sind Ideenlieferant, die Taten vollbringen müssen sie selbst.“

Die Heimleiterin freut sich jedenfalls, dass die Obdachlosen auch künftig recht zentrumsnah untergebracht sein werden. Nicht nur, weil damit die Wege zu den Ämtern kürzer sind. Nico Pfau beispielsweise hilft öfter während oder nach Veranstaltungen in der Arena aus, etwa als Ordner. Andere helfen auch nachher beim Aufräumen. „Das bekommen viele Leute wahrscheinlich gar nicht mit“, vermutet Ute Grajek.

Der Zusammenhalt unter den Bewohnern sei jedenfalls einwandfrei, sagt Jens Schadeck. Nico Pfau grinst nur und sagt dann: „Nur wenn’s um Fußball geht, verstehen wir uns nicht. Aber das geht auch, weil Bayern und Dynamo nicht in derselben Liga spielen.“

*Name geändert

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