merken
PLUS

Liebe Angela Merkel!

Offener Brief an die Kanzlerin, die ihre Facebook-Seite gelöscht hat

Angela Merkel ist nicht mehr bei Facebook.
Angela Merkel ist nicht mehr bei Facebook. © dpa

Das gefällt mir nicht. Ganz plötzlich haben Sie jetzt Ihre Facebook-Seite gelöscht. Einfach so. Circa 2,5 Millionen Fans von Angela Merkel – futsch. Kurz vorher haben Sie noch ein Video gepostet: „Sie wissen, dass ich nun nicht mehr CDU-Vorsitzende bin“, sagten Sie da, „und deshalb werde ich meine Facebook-Seite schließen.“ Stattdessen sollen wir Ihnen als Kanzlerin jetzt bei Instagram folgen. Instagram, das ist so ähnlich wie Facebook, aber mehr so mit Bildern. Deshalb ist es auch bei Jüngeren zurzeit total angesagt. Bei Facebook hingegen ist heute auch die Senioren-Union der CDU Cottbus mit einer eigenen Seite vertreten. Das Netzwerk ist gerade 15 Jahre alt geworden – und schon so uncool und out. Wer bei Facebook ist, liest wahrscheinlich auch noch Zeitung und fährt Diesel. Mit so was Gestrigem wollen Sie nichts mehr zu tun haben – jetzt, wo Sie nicht mehr CDU-Vorsitzende sind.

Sigmar Gabriel hat übrigens trotzdem noch eine Facebook-Seite. Dabei ist der weder SPD-Vorsitzender noch Vizekanzler. Kein Wunder, dass die SPD abschmiert. Andrea Nahles war zuletzt vor sieben Jahren bei Instagram aktiv! So wird das nix. Andererseits scheint es ja gerade Mode zu sein, seinen Social-Media-Account zu löschen. Als Grünen-Chef Robert Habeck seine Twitter-Seite deaktiviert hat, gab es zwei Wochen lang kaum ein anderes Thema in den Medien: Also, dieser Habeck – gefällt mir!

Jubel
Zwei echt starke Jubiläen
Zwei echt starke Jubiläen

Die gedruckte Sächsische Zeitung wird 75 Jahre alt. Digital gibt es uns seit 25 Jahren. Beide Jubiläen wollen wir feiern - und Sie können dabei gewinnen.

Jetzt bin ich verunsichert. Soll ich bei Facebook bleiben oder nicht? Einiges spräche dafür, meine Seite zu löschen. Zum Beispiel bin ich nicht CDU-Vorsitzender. Vor allem aber habe ich den Eindruck, dass da in letzter Zeit tote Hose ist. Und das, obwohl ich über 200 Freunde habe. Doch immer, wenn ich auf die Seite schaue, sehe ich nur eine Mischung aus Anzeigen von Autohäusern, Neuigkeiten aus der Semperoper, Urlaubsfotos von Kollegen und ab und zu mal eine Diskussion mit über 200 Kommentaren zu einem Artikel über das Thema Filterblasen. Alles ganz nett, aber das ist doch kein Leben.

Trotzdem bringe ich es nicht übers Herz, mich von Facebook zu verabschieden. Es ist wie ein altes, vergilbtes Fotoalbum, das man nicht gerne wegschmeißen möchte. Ich fände es auch fies meinen Freunden gegenüber. Deshalb verstehe ich nicht, was Sie jetzt zu diesem Schritt bewogen hat. Sie hätten die Seite einfach stehen lassen können, kostet ja nichts. Es reicht völlig, ein- bis zweimal im Jahr ein Schnee- oder Strandfoto zu posten, als Lebenszeichen an Ihre Fans. Dafür erhält man dann ein paar Dutzend Likes, und alle sind glücklich. Früher hat man auch maximal eine Postkarte zu Weihnachten und aus dem Urlaub geschrieben, na und?

Wir sollten das alles weniger ernst nehmen. Für die einen ist Facebook immer noch die Vision einer Weltgesellschaft, in der jeder mit jedem verbunden ist. Für die anderen ist Facebook der Grund allen Übels: Datenklau, Hass, Trump. Die Wahrheit liegt wohl, wie so oft, dazwischen. Aber das kann Ihnen ja jetzt egal sein. Wir sehen uns bei Instagram!

Ihr

Marcus Thielking

Der "Offene Brief" ist eine Rubrik aus dem Wochenend-Magazin der Sächsischen Zeitung.