merken
PLUS

Liebe hinterm Theatervorhang

Sie wollten schon immer Musicaldarsteller werden. Zum Glück – sonst hätten sich Julia und Jannik Harneit nie getroffen.

© Rene Meining

Von Jana Mundus

Attraktiv fanden sie sich nicht, als sie sich verliebten. Sie mit deutlich zu vielen Kilos auf den Rippen. Er mit Vorn-kurz-hinten-lang-Frisur und Schnauzbart. „Schön war das nicht“, sagt Jannik Harneit, Musical- und Operettendarsteller an der Staatsoperette Dresden. Seine Frau Julia nimmt ihm seine Worte nicht übel. „Uns ging es eben um die inneren Werte.“ Beide fangen an zu lachen. Es war 2011. Kennengelernt hatten sie sich schon vorher beim Musical-Studium an der Bayerischen Theaterakademie in München. Bei der Produktion „Street Scene“ am Prinzregententheater schlüpfen die Studenten in Rollen. Julia bekommt ein Kostüm mit Hüftspeck, Jannik mehr Gesichtsbehaarung. Die Maske schreckt beide jedoch nicht ab – und ihre Herzen auch nicht. Hinter der Bühne bandeln sie miteinander an.

Anzeige
Geld für Vereine, Projekte, mehr Zuversicht!
Geld für Vereine, Projekte, mehr Zuversicht!

Mit einem Crowdfundingprojekt unterstützt die Volksbank Dresden-Bautzen eG gemeinnützige Projekte.

Im spacigen Raumanzug steht Jannik Harneit (M.) in „Frau Luna“ auf der Bühne der Staatsoperette Dresden. Privat mag er es eher unauffällig.
Im spacigen Raumanzug steht Jannik Harneit (M.) in „Frau Luna“ auf der Bühne der Staatsoperette Dresden. Privat mag er es eher unauffällig. © Stephan Floß

Liebe zwischen Künstlerkollegen: Das sei keine Seltenheit, erzählen sie. „Schon weil wir den speziellen Lebensrhythmus und die Anforderungen kennen, die unser Job mit sich bringt“, sagt Jannik. Er stammt aus Lüneburg, sah mit sechs Jahren das Musical „Cats“ und wusste seitdem: Er will Musicaldarsteller werden. In mehreren Produktionen stand er schon als Jugendlicher auf der Bühne. Julias Geschichte klingt ähnlich. In der Musical-AG ihrer Schule und im Jugendclub des Staatstheaters Wiesbaden wirkte die gebürtige Mainzerin schon als Schülerin mit. Für beide kam nach dem Abitur nur eine staatliche Hochschule in Frage, um das Handwerkszeug für den Beruf zu erlernen. Julia beginnt schon ein Jahr früher mit dem Studium. Bei einem Informationstag schaut sich Jannik damals zum ersten Mal an der Akademie um. „Da ist er mir schon aufgefallen und ich dachte: Wäre schön, wenn der hier bald studieren würde“, erinnert sie sich.

Das Jahr 2011 war ein wichtiges im Leben von Jannik Harneit. Nicht nur, weil er sich in seine Frau verliebte. Beim Bundeswettbewerb Gesang gewann er damals den ersten Preis in der Kategorie Musical. „Das bedeutete eine ganze Menge Aufmerksamkeit.“ Einer schaut ebenfalls genau hin: Wolfgang Schaller, Intendant der Staatsoperette Dresden. Dem Studenten Jannik Harneit bietet er daraufhin die Rolle des Sindulfo in der Operette Gasparone an. Operette, kein Musical. „Anfangs hatte ich Bammel, aber die Kollegen haben mich alle wunderbar unterstützt“, erzählt der 29-Jährige heute. Mit dem Studienende bekommt er einen festen Vertrag in Dresden. „Das ist für einen Musicaldarsteller wie der Sechser im Lotto.“

Ein Festengagement – das gab auch die Richtung für das Paar vor. So hatten sie es vereinbart. Wenn einer eine Anstellung ergattert, wird der andere folgen. Für Julia war und ist das kein Problem. „Jeder soll das machen können, was er gern machen will.“ Sie ist heute freiberuflich tätig, spielt jedes Jahr deutschlandweit in verschiedenen Produktionen mit. Das bedeutet aber auch Trennungszeit für das Ehepaar. Gerade in den Wochen vor einer Premiere sehen sie sich wenig. So oft es geht, besucht Jannik Harneit seine Frau an den jeweiligen Spielorten.

Wenn sie beide zu Hause sind, proben sie oft zusammen. Sie erarbeiten die Musikstücke gemeinsam, hören sich beim Textlernen ab. „Es hilft, mit dem Partner über eine Rolle zu sprechen“, schildert die 30-Jährige. Sie erzählen sich von den Proben, von Bühnenbildern und Kostümen. Privat sind sie lieber unscheinbar, ohne Glitzer und Blingbling unterwegs. Bei der Wahl der Hochzeitsgarderobe war das vor zwei Jahren schon fast ein bisschen kompliziert. „Wir mussten ein Outfit finden, in dem wir uns nicht vorkamen, als stünden wir mit einer Rolle auf der Bühne“, sagt Jannik.

Ihr Kind hat Fell. Noch in München holten sie den Mischlingsrüden Charly aus dem Tierheim. „Wir waren meist nur unter Musicalleuten, wollten privat einfach etwas Normales“, sagt Julia. Sie genießen gemeinsame Spaziergänge oder ausgedehnte Gassirunden am Elbufer. Richtigen Nachwuchs soll es irgendwann auch geben. Aber sie machen sich keinen Stress. Das lassen sie auf sich zukommen. Noch einen großen Traum gibt es. „Ich hätte gern einen alten Bauernhof, an dem ich rumwerkeln kann“, gesteht der Hobby-Heimwerker Harneit. Im Sommer hüten sie das Grundstück eines Kollegen auf dem Land. Irgendwann mit der eigenen Familie so zu leben. Das wär‘s.