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Liebe lernen

Mitarbeiter der Kinderarche helfen Eltern in schwierigen Lebenssituationen. Auf besondere Art.

© Uwe Soeder

Von Jana Ulbrich

Samantha will nicht essen. Trotzig sitzt die Zweieinhalbjährige vor ihrem Teller und presst die Lippen zusammen. Jacqueline Gärtner* wird ungeduldig. Sie wird oft ungeduldig, wenn Samantha nicht macht, was sie soll. Wenn die Kleine sich sträubt, wenn sie trödelt, wenn sie wegläuft.

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Simone Vogt lächelt verständnisvoll. Die Familientherapeutin sitzt mit am Küchentisch. Sie nimmt Samantha sanft den Löffel aus der Hand, schaufelt ein bisschen Kartoffelbrei auf und fragt das Kind: „Wollen wir Flugzeug spielen?“ Die Kleine nickt, reißt eifrig den Mund auf und schnappt nach dem Löffel. „Vielleicht wollen Sie’s es mal so probieren, Frau Gärtner?“, fragt sie Samanthas Mutter. Die 31-Jährige schmunzelt: „Vielleicht“, sagt sie. Manchmal fehlt ihr eben noch die Geduld.

Das soll sich ändern. Jacqueline Gärtner will lernen, ihr Leben wieder zu meistern – ohne Alkohol, aber mit ihrer kleinen Tochter. „Ich übe mich in Geduld mit Samantha“, hat sie ganz groß an die Tafel in der Küche geschrieben. Das ist ihr Ziel diese Woche. Sie fängt das Zusammensein mit ihrem Kind gerade ganz neu an. Sie muss das Erziehen lernen und die Liebe.

Als Jacqueline Gärtner selbst ein Kind war, hat sie nicht viel Liebe erfahren. Mit 14 hat sie angefangen zu trinken. 16 Jahre lang immer im Rausch, sagt sie. Jetzt hat sie acht Monate Entzug und Langzeittherapie hinter sich. Sie ist trocken. Und ein anderer Mensch. Sie kann jetzt sorgen für ihre Tochter. Samantha hat in einer Pflegefamilie gelebt in den acht Monaten. Jetzt müssen sie beide wieder zueinanderfinden.

Jacqueline Gärtner hat keinen Abschluss und keine Ausbildung. Sie hat nie gelernt, wie man etwas richtig macht. Aber sie hat Samantha. Und mit ihr will sie es jetzt richtig machen. Simone Vogt wird ihr dabei helfen. Es ist eine besondere Hilfe, die die junge Mutter gerade bekommt an diesem Küchentisch in dieser schönen Bautzener Altstadtwohnung.

Drei Mitarbeiterinnen der Kinderarche Sachsen haben hier gleich neben der Küche ihr Büro. In die anderen Zimmer sind für eine Weile Jacqueline Gärtner und ihre Tochter eingezogen. Integrative Familienbegleitung heißt das Projekt der Kinderarche, das es nur dreimal gibt in Sachsen, neben Bautzen auch in Kamenz und Lichtenberg. Die schöne Altstadtwohnung ist das „Trainingsfeld“. Unter Idealbedingungen und der Anleitung der erfahrenen Familientherapeutinnen lernen und trainieren Eltern in schwierigen Lebenssituationen hier den Umgang mit ihren Kindern.

Samantha hat den halbvollen Kakaobecher umgekippt. Ruhig steht ihre Mama auf und holt einen Lappen. „Früher hätte ich mich tierisch aufgeregt“, sagt sie beim Aufwischen. Sie hat es schon ziemlich gut trainiert, das Geduldhaben. „Wie wollen wir es heute Nachmittag machen, Frau Gärtner“, fragt Simone Vogt. Die Therapeutinnen sprechen ihre Klienten grundsätzlich mit Sie an. Manchen wird hier zum ersten Mal in ihrem Leben mit Respekt und auf Augenhöhe begegnet. „Ich hatte immer das Gefühl, ich kann nichts und ich tauge zu nichts“, sagt Jacqueline Gärtner leise. „Hier merke ich, dass mich niemand verurteilt.“ Sie würde Samantha zum Mittagsschlaf hinlegen und sich dann mit der Therapeutin zum Elterngespräch treffen, schlägt sie vor. Das Elterngespräch steht ja heute auf dem Wochenplan. Und wenn die Kleine wach ist, dann vielleicht Eis essen gehen und auf den Spielplatz. Simone Vogt ist einverstanden. Sie wird dann wie ein unauffälliger Engel in der Nähe sein, wird da sein zum Reden und Tipps geben fürs Richtigmachen.

Mindestens ein halbes, vielleicht sogar ein Dreivierteljahr werden Jacqueline Gärtner und ihre Tochter jetzt so intensiv betreut. Immer wieder werden die beiden für eine Woche in die Trainingswohnung einziehen, werden danach zu Hause probieren, das Gelernte umzusetzen. Die Therapeutinnen werden auch zu Hause regelmäßig vorbeischauen und helfen. Unaufdringlich, aber auch bestimmt, wenn es die Situation erfordert. 26 Familien haben die intensive Betreuung im Kinderarche-Projekt schon durchlaufen. „Mit Erfolg“, sagt Grit Ludwig, die Leiterin des Bautzener Teams. In sechs Fällen ist es auch darum gegangen zu prüfen, ob das Wohl der Kinder im Umfeld ihrer Eltern gefährdet ist. „Wenn wir feststellen, dass es besser ist, einen anderen guten Platz für die Kinder zu finden, dann ist das auch ein Ergebnis“, sagt sie. Wenn diese Entscheidung während des Projekts reift und so auch von den Eltern mitgetragen werden kann, sei das für alle Beteiligten viel besser, als Kinder mit Polizeieinsatz aus der Wohnung zu holen.

Bei Jacqueline Gärtner geht es darum nicht. Die Alleinerziehende muss lernen, wie ihr Kind in bestimmten Situationen empfindet und fühlt. „Oft haben die Eltern selbst in ihren Biografien so wenig mitbekommen fürs Leben, dass sie gar keine Vorstellung davon haben, was Kinder brauchen“, erklärt Grit Ludwig. „Wir hier gehen immer von dem Grundsatz aus, dass alle Eltern gute Eltern sein wollen.“

Natürlich liebt Jacqueline Gärtner ihre kleine Samantha. Hier in dieser Wohnung und in diesem Moment am Küchentisch ist ihr das wieder ganz bewusst. Als der kleine Blondschopf sie mit großen Augen anschaut und „Mag! Nicht! Mehr!“ ruft. „Na gut, musst nicht aufessen“, sagt die Mama. Vorsichtshalber wirft sie einen Blick rüber zu Simone Vogt. Die nickt ihr aufmunternd zu.(*) Die Namen von Mutter und Tochter sind geändert.

www.kinderarche-sachsen.de