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Leben und Stil

Liebe Mama, gib mich frei!

Das Verhältnis von Töchtern zur Mutter ist oft gestört. Briefe können helfen, die Verletzungen aufzuarbeiten. So wie diese emotionalen Zeilen von Katharina.

Endlich versöhnt nach Jahrzehnten zwischen Liebe und Hass: Mutter und Tochter.
Endlich versöhnt nach Jahrzehnten zwischen Liebe und Hass: Mutter und Tochter. © Symbolfoto: Plainpicture/U. Umst

Mama, meine Gefühle zu dir sind ambivalent. Ich kann sie nicht richtig fassen. Im nächsten Jahr feiere ich meinen 50. Geburtstag. Doch in meinem Herzen bin ich immer noch nicht an- und nicht zur Ruhe gekommen. Ich bin immer noch Suchende. Welche Rolle spieltest du auf meinem Weg, erwachsen zu werden, über Grenzen hinauszuwachsen, Flügel zu bekommen?

Dein 75. Geburtstag steht bevor, und ich frage mich, wie viel Zeit uns noch gemeinsam bleibt. Bei meinem letzten Besuch habe ich gesehen, wie deine Gesichtszüge ganz weich wurden und wie du mir mit deiner streichelnden Hand deine Liebe zeigtest, in einer nie gekannten Weise – ohne Worte, ohne Erwartungen. Ich habe Angst, dass wir es nicht mehr schaffen! Es ist noch so vieles unausgesprochen! Es bedarf noch so viel der Klärung und Heilung.

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Jetzt, da ich diese Zeilen an dich schreibe, fließen mir die Tränen. Ich habe mich so oft verschlossen vor dir, um mich zu schützen. Schon in sehr frühen Jahren habe ich die Achtung vor dir verloren. Später, als ich mit Anfang Zwanzig selbst das erste Mal Mutter wurde, habe ich mir die Frage nach dem „Warum“ gestellt – und die Antworten erst Jahrzehnte später gefunden.

Als ich noch ganz klein war, konnte ich deine Präsenz und Liebe nicht spüren. Du warst einfach nicht da, wenn ich dich brauchte. Du warst als „werktätige Mutti“ im Betrieb und „standest deinen Mann“ von früh bis spät, während wir – mein Bruder und ich – einen typisch sozialistischen Lebenslauf begannen: Wochenkrippe, Kindergarten, Schule. Deine wenige verbleibende Zeit war gefüllt mit Haushalt. Du spieltest keine tragende Rolle in meinem Leben, gabst mir keine emotionale Sicherheit. Du hast nie mit uns gespielt, hast uns auch nicht vor den Schlägen unseres Vaters geschützt. Doch jeden Abend, wenn du uns ins Bett brachtest, warst du für mich ein lichtvoller Engel. Du hast dann ganz ruhig auf der Bettkante gesessen und die Bettzipfel zwischen deinen Fingern gedreht.

Ich schaute zu dir auf von meiner kurzen Höhe und fand dich als Frau wunderschön! Adrett gekleidet, geschminkt wie Kleopatra, die Haare hochgesteckt, wie es modern war. Du hattest einen sehr weiblichen Körper. Solche schönen Brüste wollte ich auch haben. Später beobachtete ich neugierig, wie sich mein Körper veränderte – und vermisste deine Hand, die mich ins Reich des Frau-Seins hineinführte. Zunehmend entwickelte ich Schamgefühle. War es deine Unsicherheit, die ich zu meiner eigenen machte? Andererseits hatte ich doch so oft neben dir gestanden und gesehen, mit welcher Hingabe du dich frisiert und deine Nägel lackiert hast – das, was ich von meinem Vater aus nicht durfte! Was war denn nun mit der Weiblichkeit? Wird sie geliebt, verteufelt, unterdrückt? Von dir, von ihm, von euch beiden? Ich blieb verunsichert, mit meinem Frau-Werden allein.

Es steigen Erinnerungen in mir hoch. Ich würde mein Potenzial nicht leben! Woran liegt das, frage ich dich? Ich kenne mein Potenzial gar nicht! Ihr habt mich so begrenzt, so reglementiert in meinem Wesen! Nie durfte ich so sein, wie ich bin! Es war wichtiger, wie andere über uns dachten, welches Aushängeschild wir abgaben. Hauptsache, ich brachte Leistung, zählte zu den besten Schülern. Dabei war ich ganz anders als mein Bruder. Was ihm leicht fiel, musste ich mir hart erarbeiten. Wenn es sein musste, mit Gewalt. Verbale und körperliche Demütigungen begleiteten mich von klein auf. Du hast bei all dem nichts gesagt – wo warst du, Mama?

„Müssen“ galt mehr als „dürfen“, „Disziplin und Pflicht“ mehr als „Freude und innere Kraft“, „Strenge“ wog mehr als „Liebe und Sanftheit“. Ich hasse dich! Ich hasse mich! Heulend, mit zitternden Händen setze ich die gefundenen Bruchstücke zu meiner Persönlichkeit wie Puzzleteile zusammen, um endlich zu verstehen, wer ich bin. Und um mich zu trauen, zu leben! Ich muss mir selbst einreden, dass ich das darf – leben! Ich habe so viel Versagensangst, so viel Schmerz, so viel Wut in mir.

Die Wut wuchs in meiner Jugend. Ich habe sie dir über „Rebellion aus Prinzip“ und viele verletzende, ablehnende Worte zum Ausdruck gebracht – auch als ich längst euch, mein Elternhaus, verlassen hatte. Es ging weiter mit Vorwürfen, Vorhaltungen, Vorschriften, wie ich mein Leben zu führen habe, was ich zu tun, was ich zu lassen habe, wie ich – meist alleinerziehend – mit meinen beiden Söhnen umzugehen habe. Du warst kein mütterlicher Ruhepol voller Liebe und Weisheit, wie ich es gebraucht hätte. Wie denn auch? Du liebtest dich ja selbst nicht einmal!

Und so stolperte ich weiter durch mein Leben, Orientierung und Halt suchend bei so manchem Mann. Unfähig, Nestwärme meinen Kindern zu geben, weil ich selbst auf die Liebe und die Energie anderer angewiesen war. Ich hasste mich für meine Unfähigkeit! Ja, mein Bruder hat recht, ich bin eine Psycho-Tante. Nach seiner Meinung müsste ich nun endlich mal die Vergangenheit sein lassen und die Verantwortung für mein Leben selbst übernehmen. Da hat er grundsätzlich recht, bloß wie?

Ich kannte nichts anderes mehr, als dich respektlos zu behandeln. Dabei habe ich deinen Schmerz gesehen, wie sehr du still darunter gelitten hast. Doch selbst zutiefst verletzt, schaute ich all die Jahre nur voller Verachtung und Mitleid auf dich herab. Und auch auf mich. Es war, als wollte ich den Schmerz spüren, um zu fühlen, dass ich existiere.

Als ich mit dem Schreiben dieser Zeilen begann, brach eine Krisenwelle über mir zusammen. Mir ist bewusst geworden, welch tragende Rolle du doch in meinem Leben gespielt hast, obwohl ich dich so sehr abgelehnt habe – oder gerade deswegen. All deine Vorstellungen vom Leben, deine Werte, deine Ängste, auch deine nicht ausgesprochenen Gedanken und Gefühle habe ich aufgesogen und mir zu eigen gemacht. In der Tiefe meines Abgrundes glaube ich nun, den Schlüssel gefunden zu haben. Ich nahm dein Ungeborgenheitsgefühl im Leben sehr frühzeitig auf, habe mich mit dir solidarisiert und identifiziert, um dir die Liebe und den Halt zu geben, den du brauchtest. Natürlich unbewusst als Kleinkind, wir haben einfach die Rollen getauscht. Ich wollte dich, und damit meine Lebensgrundlage, nicht verlieren. Ich wurde sehr ruhig, artig, zärtlichkeitsbedürftig, rücksichtsvoll, angepasst und allgemein verzichtend. Ich unterdrückte alles Verhalten, was Disharmonie und Ungeborgenheit bedeuten könnte und stand so unaufhörlich unter Spannung zu meinem wahren Wesen. Selbstkontrolle, Selbstbeherrschung und Verleugnung der eigenen Gefühle wurden zu meiner ersten Instanz, bis ich die Verbindung zu meinem ursprünglichen Kern ganz verlor. Kindliche Spontanität, übersprudelnde Lebensfreude und authentischer Selbstausdruck gerieten in Vergessenheit. Der innere Druck machte sich Luft über Nägelkauen und impulsive Wutausbrüche. Die Anspannung hat mich so viel Kraft gekostet, dass ich ständig müde war. Es macht mir heute noch zu schaffen, mit dem Anspruch zu leben, von allen geliebt zu werden.

Meine Lebenskraft bäumte sich nochmals in meiner Jugend auf, um dann ganz in der Überzeugung zu versinken, nichts in meinem Leben ändern zu können. Ich fühlte mich fortan kraft- und wehrlos. Die anderen sind erfolgreich, setzen sich durch, sind es wert, geliebt und beachtet zu werden. Ich nicht, wurde meine Überzeugung.

Liebe Mama, es ist an der Zeit, dass ich diese starke Bande zu dir löse. Ich kann deine Last der Unzulänglichkeit, des Mangels und des Nicht-geliebt-Werdens nicht länger tragen. Bitte gib mich frei! Ich möchte hinausgehen ins Leben und endlich glücklich sein!

Beim Schreiben wird mir bewusst, dass ich eigentlich gar nichts über dich weiß. Ich kann nur mich wahrnehmen mit all meinen fertigen Bildern über dich. Sie wurden von mir gehegt, gepflegt und dann vergraben, das verminte Terrain zur Sperrzone erklärt. So behielten sie bis in die jüngste Vergangenheit ihre Gültigkeit.

Bitte lass uns jetzt noch mal von vorn anfangen, lass uns gegenseitig erkunden, wer wir wirklich sind, frei von Erwartungen, Bildern und Ansprüchen, die an die Vergangenheit geknüpft sind. Ich möchte dich gern fühlen! Bitte lass uns all die Fragen nachholen, die wir versäumt haben zu stellen. Traue dich, dich mir zu zeigen, und ich verspreche dir, alle meine Schubladen über dich auszukippen! Ich öffne dir mein Herz und meine Arme. So, wie ich es auch für mich tun werde. Ich wünsche mir bunte Flügel für dich und für mich!

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In Liebe und Dankbarkeit, Katharina


Auszug aus einem der Briefe von Töchtern an ihre Mutter, die Verhaltenstrainerin Petra Erdmann aus Dresden für ein geplantes Buch zusammengetragen hat.