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Lieber Jürgen von der Lippe!

Offener Brief von SZ-Redakteur Marcus Thielking an den Komiker, der über schlechtes Fernsehen schimpft.

Diese Woche hat Jürgen von der Lippe den Deutschen Fernsehpreis fürs Lebenswerk erhalten.
Diese Woche hat Jürgen von der Lippe den Deutschen Fernsehpreis fürs Lebenswerk erhalten. © dpa/Henning Kaiser

Donnerlippchen. So isses. Geld oder Liebe. Wat is? – So hießen vier Ihrer erfolgreichsten TV-Shows. Das waren noch Fernsehtitel! Heute muss alles irgendwie „super“ heißen. Superstar, Supermodel, Supertalent. Was man da zu sehen bekommt, ist allerdings meistens alles andere als super. Künstlich aufgeregte Unterhaltungsformate nach Schema F. Ich kann mir das nicht mehr ansehen. Sie wahrscheinlich auch nicht. Diese Woche haben Sie den Deutschen Fernsehpreis für Ihr Lebenswerk bekommen. Bei der Gelegenheit haben Sie über die aktuellen Programme geschimpft: „Es ist immer weniger Geld da, dafür gibt es immer mehr Menschen, die mitreden wollen, die dabei aber hauptsächlich Bedenken tragen.“ Da müsse man sich nicht wundern, wenn nur noch Durchschnitt rauskommt.

Zu Ihrer Zeit war das noch anders. Da gab es schräge Typen mit Klobrillenbart und Hawaiihemd, die hat man einfach mal machen lassen. Manches hat gefloppt, anderes wurde erfolgreich, einiges sogar supererfolgreich. Da hat man sich auch nicht lange Gedanken über den Titel gemacht. Irgendjemand ’ne Idee? Wie wär’s mit „So isses“? Super, machen wir … Heute arbeiten ganze Marktforschungsabteilungen monatelang mithilfe algorithmengestützter Kundenbedarfsanalysen an der Titelfindung. Und am Ende kommt doch wieder nur irgendwas mit „super“ raus. Echt super.

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Das Schlimme ist ja, dass Sie nicht nur recht haben, sondern dass es überall so ist. In der Politik zum Beispiel. Wenn die SPD nur halb so viel über Inhalte und die Probleme der Menschen nachdenken würde wie über Slogans, Imagekampagnen und Wähleranalysen, dann könnte die Partei ruckzuck wieder bei 30 Prozent in den Umfragen landen. Denken Sie nur an Martin Schulz: Dem sind erst alle Herzen zugeflogen, weil er so herrlich echt rüberkam. Dann kamen die Politberater und haben ihm gesagt, wie er reden und gucken soll. Seitdem ist die SPD im Grunde überflüssig geworden. Martin Schulz, das war der Jürgen von der Lippe unter den Kanzlerkandidaten, auch vom Bart her. Man hätte ihm lieber noch ein Hawaiihemd verpassen sollen, dann wäre er jetzt vielleicht Kanzler. Aber nein, für so was fehlt heute der Mut.

Warum sind denn Typen wie Trump so erfolgreich? Wenn der auf irgendwelche Berater gehört hätte, wäre er wahrscheinlich längst da gelandet, wo er hingehört: im Dschungelcamp. Stattdessen macht er einfach sein Ding, und seine Fans lieben ihn dafür, selbst wenn er nur Mist verzapft. Wobei ich Sie jetzt nicht mit Trump vergleichen will! Nein, das wäre nicht gut, das würde mir die Redaktion auch rausstreichen. Bloß keine Ironie in Zeitungstexten! Die Marktforschung hat auch ergeben, dass Trump-Vergleiche bei den Lesern nicht gut ankommen. Schnell, sag noch irgendwas Nettes über ihn! Lieber Herr von der Lippe, bitte kommen Sie bald zurück ins Fernsehen. Ich wüsste auch schon einen Titel für Ihre neue Show: „Supergeil.“

Ihr Marcus Thielking

Der offene Brief ist eine Rubrik aus dem Wochenendmagazin der Sächsischen Zeitung.