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Liebesbriefe aus Wien

Drei Jahre schrieben sich Andrea von Wiedebach und der berühmte Komponist Gottfried von Einem. Jetzt veröffentlichte sie den Briefverkehr.

Von Steffen Gerhardt

Mit einem Taschentuch und einem kleinen Foto fing alles an: Das Taschentuch überreichte der Wiener Komponist Gottfried von Einem seiner Schwiegermutter und Haushaltshilfe. Anlass war die Wiedereröffnung der Wiener Staatsoper 1962, und auf dem Tuch aus Batist standen die Unterschriften namhafter Musiker, so auch die von Gottfried von Einem. Im Gegenzug holte die Schwiegermutter ein Foto ihrer Enkelin Andrea aus der Tasche und zeigte es stolz dem Komponisten. So, wie das halt in Familien üblich ist. Dass sich von diesem Anblick eine dreijährige Liebe zwischen Wien und Westerwald auf Briefpapier entwickelt, war für die 17-jährige Andrea unmöglich. „Er war ja mein Onkel, und zudem 27 Jahre älter“, erzählt Andrea von Wiedebach und Nostiz-Jänkendorff.

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Ordner voller Liebesbriefe: Andrea von Wiedebach blättert in den Briefen, die sie vom Wiener Komponisten Gottfried von Einem erhielt. Nachzulesen ist diese Beziehung in einem Buch, das an diesem Sonnabend in Buchholz vorgestellt wird. Fotos: SZ/Steffen Ge
Ordner voller Liebesbriefe: Andrea von Wiedebach blättert in den Briefen, die sie vom Wiener Komponisten Gottfried von Einem erhielt. Nachzulesen ist diese Beziehung in einem Buch, das an diesem Sonnabend in Buchholz vorgestellt wird. Fotos: SZ/Steffen Ge

Heute wohnt die 69-Jährige in dem kleinen Ort Wiesa hinter dem Heideberg. Vor ihr auf dem Tisch stehen 12 Leitz-Ordner aneinandergereiht. Gefüllt mit Briefen und Umschlägen – und alle nur von einem Absender, der immer mit dem Buchstaben „G“ unterschrieb: Gottfried von Einem. „Sie sind ein intimes Zeugnis einer Liebe“, sagt Andrea von Wiedebach zu den rund 400 Briefen, die der Komponist schrieb. Sie greift sich einen der Ordner und liest: „Ich weiß manches von Dir, kenne Dich aber nicht. Du hast einen klaren Verstand, hast große Sinnenkraft und Leidenschaftlichkeit, dazu den Blick für Wesentliches; ich glaube nicht, dass Du auf Geschwätz hereinfällst. Wüsste ich doch, was ich Dir tue, wenn ich Dir sage, dass ich Dich innig, aber fast verzweifelt liebe!“ Das schrieb ihr Gottfried von Einem aus Hamburg am 10. Mai 1962. Es sind nicht nur Liebesbriefe, es sind Künstlerbriefe, sagt die Empfängerin heute. Als Abiturientin hatte sie das so tiefgründig nicht gesehen. „Ich fühlte mich geschmeichelt und verehrt.“

Aber was trieb einen Mittvierziger dazu, seiner Nichte im Alter eines Teenagers derart den Hof zu machen? Zu einer Zeit, als von Einem Professor an der Wiener Musikhochschule war und im Direktorium der Salzburger Festspiele saß; kurzum eine Wiener Größe darstellte. Antworten finden sich in seinen Briefen wieder. Mit der postalischen Liebe zur jungen Andrea bewältigte er seine Lebenskrise: den frühen Tod der Ehefrau. „Er offenbarte mir seine körperlichen und seelischen Nöte, aber auch seine Begierden“, erzählt Andrea von Wiedebach und sucht die Briefe als Beweis heraus. Aber es blieb bei beiden bei der brieflichen Annäherung, und das drei Jahre lang.

„Wir haben uns sehr selten gesehen. Einmal hat er mich zu einem Musikfest nach Ansbach eingeladen. Aber da korrespondierten wir schon zwei Jahre lang“, erinnert sich Andrea von Wiedebach an diese Begegnung – und die einschmeichelnden Briefe, die sie nach dem Treffen erhielt. Aber auch sie sparte nicht an Tinte und Papier und schrieb gern und viel ihrem Verehrer. Zu seinem 46. Geburtstag las er diese Zeilen: „Ich kannte Deine Verzweiflung und glaubte, nur ich sei in der Lage, Dich fröhlich zu machen. – Mein Liebster, nein nicht Mitleid verbindet mich mit Dir. Vielleicht sind Deine Gefühle so groß und stark, daß meine dagegen nicht standhalten können.“

Nach drei Jahren endete diese innige Briefbeziehung. „Wir waren beide erschöpft. Ich wollte keine lebenslange Beziehung mit ihm eingehen, und er hatte wohl schon eine andere Frau kennengelernt, die später seine zweite Ehefrau wurde“, schließt Andrea von Wiedebach das Kapitel „Briefliebe“ ab. Doch vergessen war es über die Jahrzehnte nie. Jetzt ist die Briefbeziehung in einem Buch nachzulesen, an dem Andrea von Wiedebach zwei Jahre lang gearbeitet hat. Ein später Entschluss, nach 50 Jahren? Ja. Das Berufsleben als Lehrerin für Sehbehinderte ließ ihr nicht die Zeit dafür und zu Lebzeiten ihres Mannes Christoph, der 2010 verstarb, wollte sie die Briefe nicht öffentlich machen. Von der Beziehung wusste ihr Mann, und er lernte 1995 Gottfried von Einem in dessem letzten Lebensjahr noch kennen.

Zur Buchpremiere vor zwei Wochen in Wien kamen auch die Witwe des Komponisten, Lotte Ingrisch, heute 82 Jahre, und sein Sohn aus erster Ehe, Caspar Einem, 66 Jahre und Minister in Österreich. Beide freuen sich über den erhalten gebliebenen Nachlass, der jetzt von Andrea von Wiedebach in einem Buch abgedruckt wurde. Gottfried von Einem hatte sich bereits zu Lebzeiten gewünscht, dass seine Briefe einmal veröffentlicht werden. Auch sein letzter vom Sommer 1965: „Dass ich mich betrogen habe, weiß ich jetzt.“

Lesung mit Andrea von Wiedebach an diesem Sonnabend, 15 Uhr, Alte Schule Buchholz.