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Feuilleton

Liebesdrama mit tödlichem Ausgang

Das Schauspielhaus Hamburg gastiert in Dresden mit einer leicht bekömmlichen Version des Fontane-Klassikers "Effi Briest".

Auch TV-Star Michael Wittenborn (vorn) war beim Hamburger „Effi Briest“-Gastspiel auf der Bühne des Dresdner Staatsschauspiels zu erleben und gab sich dabei herrlich überdreht.
Auch TV-Star Michael Wittenborn (vorn) war beim Hamburger „Effi Briest“-Gastspiel auf der Bühne des Dresdner Staatsschauspiels zu erleben und gab sich dabei herrlich überdreht. © Matthias Horn

Von Alexander Stark

Theodor Fontanes Roman „Effi Briest“ gehört zu den großen Werken der deutschen Literatur und wurde als solches ungezählte Male auf die Bühne gebracht. Böse Zungen oder schlicht Menschen, die im überaus nüchternen Stil des Realismus kein Genuss zu finden vermögen, würden die Erzählung als trocken bezeichnen und die zu erwartende Langeweile der zigsten Inszenierung lieber meiden. Doch „Effi Briest – allerdings mit anderem Text und auch anderer Melodie“ vom Regieduo Clemens Sienknecht und Barbara Bürk erscheint im erfrischend neuen Gewand und sollte selbst hartnäckige Zweifler zunächst überraschen.

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Effi Briest wird mit 17 Jahren an den wesentlich älteren Baron Geert von Innstetten verheiratet und muss mit ihm in einer Provinzstadt in Langeweile und Ermanglung von Leidenschaft leben. Sie verfängt sich in einer Affäre mit dem Major von Crampas, bis sie schließlich mit ihrem Ehemann nach Berlin zieht. Sechs Jahre später findet von Instetten Briefe, die den längst vergangenen Seitensprung beweisen. Er tötet den ehemaligen Liebhaber im Duell und trennt sich von Effi, die im gesellschaftlichen Abseits vor Kummer zu Tode erkrankt.

Die Geschichte wird in den Rahmen einer quirligen Radioshow übersetzt, inklusive Wetter- und Verkehrsmeldungen, Jingles und Werbung. Der Originaltext ist auf seine elementarsten Dialoge und Beschreibungen gekürzt, Kernstück der Adaption ist eine Vielzahl von Songs, welche die Schauspieler im Chor und solo vortragen. Die Akteure singen mehr, als sie sprechen, womit die Aufführung sich streckenweise wie ein Liederabend anfühlt.

Die Titelauswahl folgt der Logik des Radios und verlässt sich auf die Evergreens der Popgeschichte. So sind beispielsweise „Kiss“ von Prince, Elvis Presleys „Love Me Tender“ oder „The Final Countdown“ von Europe vertreten. Die Interpretationen sind zwar etwas abwechslungsarm komponiert, dafür ist die Performance technisch ein Genuss. Ziel der Inszenierung ist es, die geistige Stagnation des Bürgertums der Wilhelminischen Ära aufs Korn zu nehmen.

Wenn Yorck Dippe als der „Damenmann“ von Crampas auftritt, der mit seiner Freigeistigkeit, Ende September noch baden zu gehen, empört und fasziniert, hält er nicht zufällig ein langes Saxofon vor dem Schritt. Sogleich steht Effi, mit sanfter Naivität von Ute Hannig verkörpert, im Bikini neben ihm. Sie spielt die brave Geige und er betört mit tiefen Melodien, während Michael Wittenborn herrlich überdreht „It’s A Man’s Man’s Man’s World“ schreit. Am Ende der Szene bricht die Realität des Radios herein, die Bademoden werden präsentiert vom Haushaltsprodukt „Backolin“, wie uns das Ensemble im Dummfang-Werbeslogan mit harmonischen Singsang vorsäuselt: „Kneten, backen, lachen, Freude machen! Backolin macht Sinn.“ Der Biedermann ist auch im Bühnenbild wiederzufinden. Ausstatterin Anke Grot ist tief in die 1970er gereist und lässt Kostüme und die detailreiche Radiostation im schrullig-spießigen Retro-Schick erscheinen.

Die Moderne lässt sich damit als Erbe der preußischen Bürgerlichkeit assoziieren. Konformität und Prinzipienreiterei sind ein ausgesprochen langlebiges Phänomen und wechseln im Laufe der Geschichte häufig ihr Erscheinungsbild, selten aber ihr immanentes Wesen.

Am Ende des Abends bleibt jedoch die Frage, warum es ausgerechnet Effi Briest sein sollte. Es wurden keine neuen Bedeutungsebenen herausgearbeitet oder nachhaltige Statements gesetzt, eine tiefschürfende Auseinandersetzung mit dem Roman bleibt aus. Im Grunde hätte es auch jeder andere themenverwandte Stoff sein können, der mit passenden Songs illustriert wird. Zugegebenermaßen verstecken Regie und Dramaturgie diese Tatsache nicht. Das Geschehen wird als Episode der Sendung „Berühmte Seitensprünge der Weltliteratur“ deklariert und nach Effis Tod wirbt der Radiomoderator sogleich für die nächste Ausgabe, diesmal mit Anna Karenina.

Ob ein Serienformat allein mit leicht verdaulichen Parodien auf Dauer überzeugen könnte, ist zweifelhaft.

Doch das hat dem Erfolg des Stückes keinen Abbruch getan. Die Inszenierung wurde mit dem Theaterpreis Hamburg in der Kategorie Herausragende Inszenierung/Dramaturgie ausgezeichnet und außerdem 2016 zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Auch in Dresden hat das Publikum nicht mit Szenenapplaus gegeizt und nach den Schlusstakten des letzten Liedes tobte der ganze Saal. Und damit wird am Ende zumindest eines bewiesen: Fontane kann auch groovy sein.