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Liebesgrüße aus Jekaterinburg

In einem Flirtforum lernt ein Radebeuler eine Russin kennen und fällt auf eine miese Masche rein. Das bringt ihn vor Gericht.

Von Jürgen Müller

Er glaubte, im Internet seine große Liebe zu finden, der 26-jährige Radebeuler. Als er sie schließlich gefunden schien, tat er alles, damit die Russin nach Deutschland kommt. Doch die nutzte ihn nur aus. Nun landet der Mann selbst vor Gericht. Leichtfertige Geldwäsche wirft ihm die Staatsanwaltschaft vor.

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Anfangs schickt Irina aus Jekaterinburg – so nennt sie sich jedenfalls – liebevolle Mails. Fünf-, sechsmal die Woche schreiben sich die beiden, über mehrere Monate. Sie verspricht ihm, nach Deutschland zu kommen. Allerdings verdiene sie als Journalistin in Russland nicht so viel Geld. Sie bittet ihn um einen Gefallen. Er soll Pakete entgegennehmen und diese nach Russland weiterleiten an ihren Chef. Der dürfte sich nämlich keine Waren aus EU-Ländern an seine Privatadresse schicken lassen, schreibt Irina dem Angeklagten. „Ich dachte mir, was hast du zu verlieren, nimmst Waren an und schickst sie weiter“, sagt der Angeklagte. Also stimmt er zu, gibt seine Privatadresse an. Als die ersten Pakete ankommen, wird er doch misstrauisch, öffnet sie. „Ich wollte wissen, was drin ist, fürchtete, als Drogenkurier missbraucht zu werden“, sagt der junge Mann dem Richter.

Postbote klingelt wöchentlich

Doch Drogen sind nicht drin, sondern hochwertiges Küchenzubehör, Kochsets, ein Laptop, Pflegeprodukte, jeweils im Wert zwischen 400 und 800 Euro. Die Waren stammen von deutschen Online-Händlern und sind bereits bezahlt. Per Kreditkarte. Was der Angeklagte nicht weiß: Die Betrüger haben im Internet abgefischte Kreditkartendaten für die Bezahlung benutzt.

Wöchentlich klingelt nun der Postbote an der Tür des Radebeulers. Einmal kommt eine Sendung auch per Nachnahme, doch die nimmt er nicht an. Der Angeklagte schöpft nun doch Verdacht, langsam wird ihm die Sache zu heiß. Er verweigert die Annahme von weiteren Paketen, sehr zum Ärger der Postboten. Wieso er Waren bestelle und dann die Annahme verweigere, wollen sie von ihm wissen. Das will auch Irina wissen. Die Mails sind jetzt nicht mehr liebevoll. Er solle endlich die Pakete schicken, fordert sie ihn auf. Irina ruft auch an, stets mit unterdrückter Rufnummer. Nur einmal vergisst sie es.

Wie die Polizei später herausfindet, kam der Anruf aus Kanada. „Mir war inzwischen klar, dass ich benutzt wurde, um Kreditkartenbetrug zu begehen. Ich wollte die Pakete noch abschicken und dann Schluss machen“, sagt der Radebeuler. Zur Polizei geht er jedoch nicht.

Wer die Waren tatsächlich bestellt hat, kann nicht mehr nachvollzogen werden. Die IP-Adressen werden nur sieben Tage gespeichert. In einigen Fällen schlug der Betrug auch fehl. Die Besitzer der Kreditkarten hatten die Konten sperren lassen. So blieben die Online-Händler auf den Kosten sitzen. Die Frage ist, ob der Mann wegen leichtfertiger Geldwäsche bestraft werden kann. Dazu müssen laut Gesetz besondere Gleichgültigkeit oder grobe Unachtsamkeit vorgelegen haben. Richter Michael Falk ist davon überzeugt, dass der Angeklagte die Taten nicht vorsätzlich beging und kein Glied in der Kette war. Staatsanwältin Christine Eißmann sieht das anders. „Sie waren die Schlüsselfigur. Ohne Sie hätte die Masche nicht geklappt. Obwohl Sie misstrauisch waren, große Bedenken hatten, haben sie mitgemacht“, sagt sie und tut sich schwer damit, das Verfahren gegen eine Geldauflage einzustellen. Die Staatsanwaltschaft habe Hunderte solcher Verfahren. „Diese Masche zieht ohne Ende“, sagt sie.

Umstimmen lässt sie sich nur, weil der Angeklagte zur Tatzeit psychiatrisch behandelt wurde und unter Einfluss von Medikamenten stand. Nach einigem Zögern stimmt der Angeklagte zu, 500 Euro zu zahlen. Macht er das, wird das Verfahren endgültig eingestellt.