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Vorsicht vor liebestollen Rehen

Jetzt ist die Gefahr von Wildunfällen besonders groß. Ihre Hormone lassen die Rehe alle Vorsicht vergessen. Wo am meisten passiert.

Ein Reh wechselt plötzlich über die Straße. Das passiert in der jetzigen Jahreszeit besonders oft.
Ein Reh wechselt plötzlich über die Straße. Das passiert in der jetzigen Jahreszeit besonders oft. © dpa/Arne Dedert

Der Unfall, der einem 67-jährigen VW-Fahrer am Montagmorgen passierte, ist ganz typisch für die jetzige Jahreszeit Ende Juli, Anfang August. Jetzt haben die Rehe ihre Blattzeit, wie die Jäger es nennen, wenn sich die Tiere paaren. Das ist ein Ausnahmezustand, denn dann sind die von Natur aus vorsichtigen Rehe regelrecht blind für die Gefahren des Straßenverkehrs.

So ist auch am Montagmorgen um halb sieben ein Reh ganz plötzlich auf die Straße von Großröhrsdorf, einem Nachbarort von Schlottwitz, in Richtung Biensdorf gelaufen. Der Fahrer konnte seinen VW Tiguan nicht mehr rechtzeitig abbremsen und stieß mit dem Tier zusammen. Das lief dann davon. Am Auto blieben 100 Euro Schaden, wie die Polizei mitteilte. 

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"Das gehört bei den Rehen zum Liebesspiel"

Das kann derzeit auf allen Straßen passieren. Wenn ein Rehbock eine Ricke ausgeguckt hat, dann läuft die davon und lässt sich von dem Bock treiben. So geht es manchmal große Strecken durch Wald und Flur und eben auch über Straßen und Wege. „Das gehört bei den Rehen zum Liebesspiel“, beschreibt Carsten Geißler, der in Dippoldiswalde sein Jagdrevier hat, dieses Verhalten. Die Rehe haben dann nur Augen füreinander. Herannahende Autos oder ähnliche Gefahren blenden sie dabei regelrecht aus.

Richard Wittig-Lenk vom Jagdverband Weißeritzkreis beschreibt, was dabei abgeht. Nicht selten kommt dabei das Liebespaar mehrere Male pro Stunde an der gleichen Stelle vorbei. Diese ausgetretenen Routen werden von Jägern Hexenringe genannt, wenn Pfade im hohen Gras oder Felde niedergetrampelt sind. Doch auch Straßen, Radwege und Vorgärten können auf dieser Route liegen, wenn die Ricke versucht ihrem liebestollen Freier davonzulaufen. 

„Deswegen können wir die Kraftfahrer in dieser Jahreszeit nur bitten, etwas vorsichtiger unterwegs zu sein, damit sie nicht mit einem Reh zusammenstoßen“, sagt Geißler. Normalerweise sind die Rehe umsichtig. Sie halten an, gucken und lauschen, bevor sie eine Straße überqueren. Das gilt aber nicht, wenn sie von Liebesgefühlen beherrscht werden. Die Gefahr durch die liebestollen Tiere besteht jetzt Tag und Nacht, ist aber in den Morgen- und Abendstunden besonders groß.

In den ländlichen Regionen des Osterzgebirges, wo mehr Wald und Feld den Tieren Lebensraum bietet, passiert so etwas auch eher als im städtischen Raum. Mitte August geht die Blattzeit dann wieder zu Ende. Danach passiert etwas Kurioses, was aber die Autofahrer nicht weiter beschäftigen muss.

Jäger nutzen Ausnahmezustand

Die Rehweibchen bekommen ihre Jungen erst im nächsten Frühjahr, wenn es wärmer wird und die Natur wieder Nahrung bietet. So ein kleines Reh braucht aber keine neun Monate zur Entwicklung. Bei den Rehen gibt es im Winter die sogenannte Eiruhe. Die Reh-Weibchen sind zwar befruchtet, es passiert aber nichts im Körper. Der Embryo wächst erst zum Frühjahr hin.

Den jetzigen hormonellen Ausnahmezustand bei den Rehböcken nutzen auch die Jäger, um sie anzulocken. Sie ahmen das Fiepen eines Weibchens nach. „Es kann passieren, dass man dann Böcke sieht, die man sonst das ganze Jahr nicht zu Gesicht bekommt“, sagt Geißler. Manche Jäger können das Fiepen mit einem Grashalm imitieren. Es gibt dafür aber auch Instrumente zu kaufen.

Die Jäger werden aber auch gerufen, wenn so ein liebestolles Reh vor ein Auto gelaufen ist. Sie müssen es dann wegräumen. „Besonders gefährliche Stellen sind die B170 bei Oberhäslich oder die Straße nach Reichstädt am Abzweig nach Berreuth“, berichtet Geißler über die Erfahrungen in seinem Revier.

Aber die Übersicht der Polizei zeigt, dass praktisch auf allen Straßen entlang oder durch Wälder viele Wildunfälle passieren. Rund jeder fünfte Unfall im Gebiet des Polizeireviers Freital-Dippoldiswalde ist ein Wildunfall. Insgesamt 447 solche Zusammenstöße verzeichnete die Polizei im vergangenen Jahr. "In Hartmannsdorf-Reichenau beispielsweise haben wir fast nur Wildunfälle, kaum andere", sagt Rico Sommerschuh, der Leiter des Polizeireviers.

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Um diese Zahlen nicht weiter in die Höhe zu treiben, können nur die Menschen etwas beitragen. Sie als Lebewesen mit Vernunft können ihr Verhalten anpassen. Von den liebestollen Rehen kann das jetzt in der Blattzeit niemand erwarten. 

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