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Lieferengpässe bei Medikamenten

Immer öfter müssen die Apotheker der Freitaler Region ihre Kunden vertrösten. Liegt das an der Sparwut der Kassen?

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© Arvid Müller

Von Marleen Hollenbach, Peter Redlich, Peter Anderson und Dominique Bielmeier

Wer vor Sibylle Mey steht, der will nur eines: sein Medikament und das sofort. Die Besitzerin der Sidonien-Apotheke in Tharandt schaut dann kurz in den Computer. Anschließend eilt sie zum Regal, holt die gewünschte Schachtel hervor. Doch in letzter Zeit kommt es immer mal wieder vor, dass sie die Patienten vertrösten muss. Bei einigen Schilddrüsen-Präparaten beispielsweise sind ihre Regale manchmal leer. Es sei hier besonders schwierig, ein gleich zusammengesetztes Medikament von einem anderen Hersteller zu finden. Nach Rücksprache mit dem Arzt kann den Kunden in der Regel ein Ausweich-Angebot gemacht werden. Die Versorgung ist dann zunächst gesichert. Trotzdem bleibt bei der Apothekerin ein Gefühl der Unzufriedenheit. „Ich muss ja schließlich dem Kunden erklären, warum er ständig ein scheinbar anderes Präparat nehmen soll“, sagt sie.

Das Problem kennen fast alle Apotheken der Region. Auch bei der Freitaler Central-Apotheke hat man damit so seine Erfahrungen gemacht. „Gefühlt hat die Problematik zugenommen. Immer häufiger haben die Pharma-Firmen in letzter Zeit Lieferschwierigkeiten“, erklärt Thomas Lorenz, Besitzer der Central-Apotheke. Auch er vertröstet nicht gern. Vor allem dann nicht, wenn es um Medikamente geht, die vom Patienten täglich eingenommen werden müssen.

Warum aber die Lieferengpässe bei den Medikamenten zugenommen haben, darüber herrscht bei den Apothekern große Einigkeit. „Schuld sind die Rabattverträge mit den Krankenkassen“, sagt Thomas Lorenz. Die Kassen wählen für jeden Wirkstoff eine oder mehrere Pharmafirmen aus. Gemeinsam wird ein Vertrag über die kommenden Jahre geschlossen. Benötigt ein Versicherter den Wirkstoff, bekommt er dann ein Rezept für die Produkte der jeweiligen Pharmafirma ausgehändigt. „Leider wird bei diesem Handel anscheinend nicht geprüft, ob die Firma überhaupt richtig lieferfähig ist“, sagt die Tharandter Apothekerin Sibylle Mey. Da ginge es nur ums Geld, ist sie sich sicher.

Um für die Krankenkassen attraktiv zu bleiben, müssten die Pharmafirmen immer billiger produzieren. Die Folge davon: Die Rohstoffe kommen beispielsweise zunehmend aus Asien. An der Qualität ändert das meistens nichts, aber am Transport. „Kommt es hier zu Schwierigkeiten, dann schlagen sich diese Probleme schnell bis nach Deutschland durch“, erklärt die Tharandter Apothekerin. Ausbaden müssen das am Ende die Apotheker wie Sibylle Mey und Thomas Lorenz. Sie sind gezwungen, als letztes Glied der Kette für den Patienten eine Lösung zu finden. Und das geht nur mit viel Aufwand. Wenn Arzt und Patient kontaktiert werden müssen, dann kostet das natürlich Zeit. Gelöst aber, so meinen beide, haben sie bisher jedes Lieferproblem, ohne dass der Patient darunter leiden musste.

Ein Vorrat ist keine Lösung

Gleiches gilt auch für die Weißeritztal-Kliniken in Freital und Dippoldiswalde. Die Medikamente dort kommen aus der Apotheke der Uniklinik Dresden. Die Zusammenarbeit ist gut. Dennoch kommt es vor, dass Medikamente fehlen. „Das hat aber keine Auswirkungen. Innerhalb der Weißeritztal-Kliniken musste deshalb noch keinem Patienten eine wichtige Therapie vorenthalten werden“, erklärt Kliniksprecherin Heike Klameth. Einen kleinen Vorrat haben sich die Krankenhäuser angelegt, um diesem Problem entgegenzuwirken. Eine umfangreiche Lagerhaltung lehnt man allerdings ab. Aufgrund der steigenden Nachfrage würde ein solches Verhalten das Problem nur noch weiter verstärken. Während die Lieferprobleme in den Kliniken gut kompensiert werden können, stellt es die Apotheker in Deutschland vor so große Probleme, dass sie sich jetzt dagegen wehren wollen. Sie nutzen dazu ihre Verbände, welche wiederum in der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände vereint sind. Dort sagt Pressesprecher Christian Splett, dass man im Bemühen um mehr Lieferstabilität immer wieder appelliere.

Immerhin, auf der Internetseite der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände macht eine gerade veröffentlichte Mitteilung etwas Hoffnung. „Viele chronisch kranke Patienten, die auf ganz bestimmte Arzneimittel eingestellt und angewiesen sind, können langsam aufatmen: Erstmals werden nun Wirkstoffe definiert, deren ärztlich verordnete Medikamente nicht mehr zugunsten von preiswerteren Rabattarzneimitteln ausgetauscht werden müssen.“ Darauf hätten sich Apotheker und Krankenkassen im Rahmen eines Schiedsstellenverfahrens Anfang Januar geeinigt, teilte der Deutsche Apothekerverband (DAV) mit.

www.abda.de/presse.html