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Lifeline-Kapitän in Italien ausgezeichnet

Claus-Peter Reisch erhält die Ehrenmedaille der Stadt Palermo. Der Dresdner Verein plant ungerührt die nächste Mission im Mittelmeer.

Lifeline-Kapitän Claus-Peter Reisch ist am Mittwoch von Palermos Bürgermeister Leoluca Orlandomit mit der Ehrenmedaille der Stadt ausgezeichnet worden.
Lifeline-Kapitän Claus-Peter Reisch ist am Mittwoch von Palermos Bürgermeister Leoluca Orlandomit mit der Ehrenmedaille der Stadt ausgezeichnet worden. © Johannes Filous

Palermo/Dresden. Die Einladung kam prompt nach dem Einlaufen in den Hafen. Der Bürgermeister der Stadt Palermo hat dem Lifeline-Kapitän Claus-Peter Reisch am Mittwoch die Ehrenmedaille der Stadt verliehen.

Am Montag war Reisch mit dem deutschen Rettungsschiff "Eleonore" mit 104 Schiffbrüchigen an Bord in den sizilianischen Hafen Pozzallo eingefahren - gegen den Willen von Italiens Noch-Innenminister Matteo Salvini von der rechtsextremen Lega. Nun droht dem Kapitän eine Geldstrafe von 300.000 Euro. 

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Ganz anders der Empfang in Palermos Palazzo delle Aquile. Leoluca Orlando, der streitbare Bürgermeister der sizilianischen Stadt empfing den Kapitän im Rathaus und übergab ihm die Auszeichnung. "Die nehme ich nicht für mich persönlich an, sondern für die gesamte Crew, für Mission Lifeline und für die Spender, die uns unterstützen", sagt der 58-Jährige. "Ich bin ja nur der Kapitän." Mit im Rathaus von Palermo waren der Erste Offizier Martin Ernst und Mission-Lifeline-Gründer Axel Steier aus Dresden.

Das Lifeline-Team habe Bürgermeister Orlando eine Rettungsweste mitgebracht, die einer der Schiffbrüchigen an Bord trug, versehen mit Markierungen, die während der Essensausgabe auf See angebracht wurden. "Er hat sich sehr über das authentische Souvenir gefreut", sagt Reisch.

Italienischen Medienberichten zufolge sagte Orlando: "Im Mittelmeer findet ein Völkermord statt." Der Bürgermeister vergleicht das Vorgehen der italienischen Justiz gegen die Seenotretter mit den Nürnberger Prozessen. "Leben retten ist kein Verbrechen, sondern es ist ein Verbrechen, diese Menschen für acht Nächte und acht Tage auf See zu lassen."

Zuvor hatte der Politiker bereits per Twitter der Mannschaft gedankt: „Ihr rettet Menschenleben, Imperativ unseres europäischen Hauses, und die humanitäre Seele der Europäer, die sonst das Antlitz des Hasses hätte. Palermo wird immer ein sicherer Hafen für euch sein.“

Kapitän Claus-Peter Reisch (M.) übergibt eine Rettungsweste an Leoluca Orlando, den Bürgermeister von Palermo. Die Weste trug einer der geretteten Schiffbrüchigen während des Einsatzes der "Eleonore".
Kapitän Claus-Peter Reisch (M.) übergibt eine Rettungsweste an Leoluca Orlando, den Bürgermeister von Palermo. Die Weste trug einer der geretteten Schiffbrüchigen während des Einsatzes der "Eleonore". © Mission Lifeline

Der 72-jährige Orlando hat die „Charta von Palermo“ mit der zentralen Forderung „Internationale Freizügigkeit von Menschen“ verfasst. Die Stadtregierung von Palermo druckte das Werk schon Anfang 2015 - vor dem großen Ansturm von Flüchtlingen. Der Bürgermeister bezeichnet Palermo immer wieder als Hauptstadt des Rechts und der Menschenrechte.

Orlando ist einer der prominentesten Gegenspieler Salvinis in Italien. Salvini hatte neben der Schließung der Häfen alle in Italien bisher geduldeten Einwanderer ohne rechtsgültige Aufenthaltserlaubnis für illegal erklärt.

Palermos Bürgermeister verweigert die Umsetzung dieses Gesetzes, weil er es nicht für verfassungskonform hält. Stattdessen gewährt er allen ankommenden und lebenden Migranten ein Wohnrecht. 

Im Palast der Adler in Palermo habe man auch ein wenig das Ende von Salvinis Amtszeit als italienischer Innenminister gefeiert, sagt Claus-Peter Reisch. "Es kann nur besser werden. Salvini ist ein Populist, er spricht nur über Migranten, aber ich habe noch nie etwas über Wirtschaft oder andere Themen gehört, die Italiener interessieren können." Er hoffe, dass Salvinis Dekret der "geschlossenen Häfen" zurückgenommen werde, sobald der nicht mehr im Amt ist.

Für den Dresdner Verein Mission Lifeline wird es nun spannend, wenn es um dein neues Schiff geht. Denn der von der Staatsanwaltschaft beschlagnahmten "Eleonore" dürfte es am Ende genauso ergehen wie dem ersten Schiff der Rettungsorganisation - der "Lifeline", die in Malta ebenfalls beschlagnahmt an der Pier liegt.

Weil vorerst nicht damit zu rechnen ist, dass die "Lifeline" oder die "Eleonore" an die Hilfsorganisation zurück gegeben werden, soll es eine andere Lösung geben. "Wir haben beschlossen, ein neues Schiff zu besorgen", sagt Vereinsgründer Axel Steier. "Wir wollen uns nicht von Verfahren abhängig machen, man weiß nie wie lange das dauert."

Die "Lifeline", das erste Schiff der Dresdner Hilfsorganisation, kreuzte mehrfach im Mittelmeer und rettete hunderte Migranten, bis Matteo Salvini in Italien an die Macht kam und die maltesische Regierung das Schiff beschlagnahmte.
Die "Lifeline", das erste Schiff der Dresdner Hilfsorganisation, kreuzte mehrfach im Mittelmeer und rettete hunderte Migranten, bis Matteo Salvini in Italien an die Macht kam und die maltesische Regierung das Schiff beschlagnahmte. © Mission Lifeline

Ein neues Schiff dürfte um die 400.000 Euro kosten, schätzt Steier. "Für die Hälfte davon haben wir schon Zusagen privater Spender." Man schaue sich gerade auf dem Gebrauchtmarkt um. Im Frühjahr könnte es einsatzbereit sein. Ein neues Schiff käme nicht in Frage, weil dies Millionen kosten würde - die dann wieder nur in einem Hafen stehen blieben.

Nur, was passiert, wenn auch Schiff Nummer drei beschlagnahmt wird? "Da müssen wir eben für jede neue Mission auch ein neues Schiff besorgen, notfalls pflastern wir die Häfen mit den schiffen zu", sagt Kapitän Reisch.

Schon seit vergangenem Sommer muss der Verein hohe Summen für die beschlagnahmte "Lifeline" aufwenden. Allein der Liegeplatz inklusive Treibstoff und technischer Wartung im Hafen schlage mit rund 180.000 Euro pro Jahr zu Buche. Steier rechnet mit mindestens einem weiteren Jahr, den die "Lifeline" im Hafen von Malta festhängt. Dann dürften die Kosten schnell auf bis zu eine halbe Million Euro steigen.

Denn der Gerichtsprozess gegen Kapitän Reisch auf der Insel wegen angeblich falscher Registrierung des Schiffes hat bisher 100.000 Euro Anwaltskosten sowie 10.000 Euro Geldstrafe verschlungen. Das Revisionsverfahren steht noch aus. Dabei ist die Anschaffung von einer Viertelmillion Euro für das Schiff nicht einmal eingerechnet.

Ähnliches Ungemach droht nun bei der "Eleonore". Kauf und Ausrüstung: 300.000 Euro, darunter 65.000 Euro für eine Satellitenanlage mit Telefon. Seit der Beschlagnahme sind rund 10.000 Euro pro Monat  fällig für die Liegegebühr und die Bewachung und Instandhaltung durch einen Techniker und Freiwillige. Dazu kommen jetzt schon 15.000 Euro Anwaltskosten und die drohende Geldstrafe über 300.000 Euro.

Aber wie finanziert der Verein diese Summen?

Die "Eleonore" liegt seit Montag beschlagnahmt an der Pier im sizilianischen Hafen Pozzallo.
Die "Eleonore" liegt seit Montag beschlagnahmt an der Pier im sizilianischen Hafen Pozzallo. © Johannes Filous

"Wir haben über 10.000 Spender", sagt Vereinschef Axel Steier. Kleinstspender sind darunter, aber auch vermögende Privatpersonen und im vergangenen Jahr sogar mehrere Bistümer der katholischen Kirche, die mehr als 100.000 Euro überwiesen. Auch der TV-Entertainer Jan Böhmermann initiierte bereits eine Spendenaktion, die mehrere Hunderttausend Euro einbrachte.

Die Arbeit des Vereins bleibt kostspielig, weil Mission Lifeline auch die Yachtfleet mitfinanzierte, eine Flotte privater Hochseeyachten, die im Mittelmeer nach in Seenot befindlichen Booten Ausschau hielt und anderen Hilfsorganisationen finanziell unter die Arme greift.

Kapitän Reisch will nun erstmal den Papierkrieg abwarten, nach dem die wichtigsten Dinge geklärt sind. Nach einwöchiger Blockade auf dem Mittelmeer hatte die EU doch noch eine Lösung für die Verteilung der Migranten an Bord der „Eleonore“ gefunden. Die 104 Menschen werden verteilt. Deutschland nimmt 43 auf, gab das Bundesinnenministerium am Mittwoch bekannt.

Die anderen Migranten werden der EU-Kommission zufolge von Frankreich, Irland, Portugal und Luxemburg aufgenommen. Zuletzt waren es immer genau diese Länder, die sich einer Aufnahme von aus Seenot geretteten Migranten nicht verweigerten. "Man muss eins sehen, die Aufnahme dieser Menschen in den Ländern war ja schon vorher klar", sagt der Kapitän. "Aber Salvini hat verhindert, das wir sie an Land bringen können - wie pervers ist das eigentlich?"

Bei ihrer Beobachtungsmission im südlichen Mittelmeer traf die Crew der "Eleonore" vor mehr als einer Woche auf ein seeuntüchtiges Schlauchboot mit 104 Menschen an Bord.
Bei ihrer Beobachtungsmission im südlichen Mittelmeer traf die Crew der "Eleonore" vor mehr als einer Woche auf ein seeuntüchtiges Schlauchboot mit 104 Menschen an Bord. © Johannes Filous

Reisch spricht von Willkür. "Es ist wurscht, was du machst, du bist eh schuldig", sagt er. Die Mitarbeiter der Behörde Guardia di Finanza lobt er ausdrücklich. "Die Beamten, die zu uns auf See kamen, waren sehr sehr freundlich und professionell", sagt Reisch. "Sie haben uns erklärt, dass sie diesen Job tun müssen aber: Kapitän sei sicher, wir sind auch Seeleute."

Unklar ist, wie sich die Bundesrepublik als Flaggenstaat zur Festsetzung des Schiffes verhalten wird. Die Umbrüche in der italienischen Politik könnten die Situation für Seenotretter verbessern. Möglicherweise findet Italien zurück in die Vor-Salvini-Zeit, in der die Leitstelle MRCC in Rom alle Einsätze im südlichen Mittelmeer koordinierte, egal ob es sich um private Schiffe oder Handels- und Marineschiffe handelte.

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Ursprünglich war die "Eleonore" zu einer privat organisierten Beobachtungsmission aufgebrochen. Die Crew  wollte dokumentieren, was vor der Küste Libyens wirklich passiert. "Es ist uns gelungen, viele Informationen einzusammeln, etwa darüber wie intensiv europäische Militärflugzeuge mit sogenannten libyschen 'Küstenwachschiffen' sprechen und kryptische Positionsangaben austauschen." Davon habe man Tonaufnahmen gefertigt. Dazu seien viele unbemannte Schlauchboote gefunden worden, bei denen das Schicksal ihrer Passagiere völlig unklar ist.

"Aber wenn jemand in Seenot ist, muss man helfen, das ist doch klar", sagt der Kapitän.

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