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Linke kämpfen für Neustadt-Tunnel

Die Röhren sollen verschwinden. Befürworter hoffen jedoch, den bereits beschlossenen Plan noch kippen zu können.

© sächsische zeitung

Von Peter Hilbert

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Fast auf den Tag genau 20 Monate ist der Neustädter Fußgängertunnel schon gesperrt, riegeln Zäune die Zugänge ab. Nachdem die Juni-Flut 2013 das Bauwerk unter Wasser gesetzt und die wichtigsten technischen Anlagen zerstört hatte, wurden die Röhren nie wieder geöffnet. Zur jüngsten Sitzung beschloss nun der Stadtrat, dass der Tunnel endgültig zugeschüttet werden soll. Doch damit will sich Kristin Hofmann nicht abfinden. Deshalb stand die Neustädter Ortsbeirätin von den Linken gestern Nachmittag mit anderen Tunnel-Befürwortern vorm Eingang und sammelte Unterschriften. „Der Tunnel muss erhalten werden“, sagt die 30-jährige studierte Historikerin. „Für mich ist es unverständlich, dass ein intaktes Bauwerk, das ein Denkmal ist, zugeschüttet werden soll.“

Hier sei ein beliebter Treff für Skater, aber auch für Kunstfreunde. Deshalb ärgere sie sich, dass nicht nur die CDU, sondern auch die Grünen auf die Barockisierung von Dresden setzen. Denn Bauwerke aus dieser Epoche sollen erhalten werden, künstlerisch aufwendig gestaltete aus späteren Zeiten – wie eben der Tunnel – hingegen nicht. Im vergangenen Jahr hatten die Befürworter rund 2 500 Unterschriften für eine Online-Petition gesammelt. Bei einer nicht repräsentativen Internet-Abstimmung der SZ hatten sich vor einem Jahr 75 Prozent von 1 283 Teilnehmern dafür ausgesprochen, den Tunnel zu erhalten.

Für die Stadt war schon lange klar, dass der Tunnel verschwinden soll. Damit würde er das Schicksal seines ebenfalls in den 1970er-Jahren gebauten Zwillings am Pirnaischen Platz teilen. Der einst so beliebte Fußgängertunnel wurde 2010 binnen zwei Wochen mit Beton verfüllt. Im Verkehrsentwicklungsplan 2025 gibt es die Röhren am Neustädter Markt bereits nicht mehr.

Straßenbauamtschef Reinhard Koettnitz hatte nach der Juni-Flut 2013 klargestellt, dass er einen neuen Übergang statt eines Tunnels für die ideale Lösung hält. Denn der entspräche moderner Verkehrspolitik nicht mehr. Er hat eine Mehrschritt-Strategie vorgeschlagen. Zuerst könnte ein zweiter Fußgängerüberweg an der Ostseite des Neustädter Marktes über die Köpckestraße gebaut werden. Danach würde der Abbruch der oberirdischen Tunnelmauern folgen. Dafür würden die 375 000 Euro Fluthilfemittel reichen. Als letzter Schritt könnte der Tunnel verfüllt werden. Dafür sind aber Zusatzmittel nötig.

Die Grünen sind beim Tunnel jedoch zweimal umgeschwenkt. Zuerst waren sie fürs Zuschütten, dann für einen Kompromiss mit neuem Überweg und Teilsanierung. Letztlich änderten sie ihren Antrag wieder und setzten sich im Stadtrat auch gegen ihren Koalitionspartner Linke durch, den Tunnel zuzuschütten.

Stadträtin Margit Haase versteht die Bürger zwar schon, die den Tunnel erhalten wollen. Die verkehrspolitische Sprecherin der Grünen sieht aber keine andere Möglichkeit. „Im Dezember 2014 hat das Landesamt für Straßenbau und Verkehr klar mitgeteilt: Es gibt kein sowohl als auch“, erläutert sie den Schlingerkurs ihrer Partei. Wenn Dresden die Flutgelder für den Tunnel einsetzt, kann mittelfristig keine ebenerdige Querung gebaut werden. Sonst müsste die Stadt Fördermittel zurückzahlen, nennt Haase die Konsequenz. Eine eventuelle Doppelförderung von Übergang und Tunnel gebe es nicht.

Eine derartige hochwassergefährdete Unterführung an dieser Stelle würde heute ohnehin nicht mehr gebaut. Solche Tunnel seien Relikte aus Zeiten, in denen Fußgänger als störende Elemente für Autos betrachtet und unter die Erde verbannt wurden. Inzwischen hätten viele die Vorteile von fußgängerfreundlichem Städtebau erkannt. Allein in Berlin sind 16 Tunnel stillgelegt oder abgerissen worden, führt Haase ein Beispiel an. Besonders mit Blick auf die geplante autofreie Augustusbrücke sollten Fußgänger am Brückenende nicht unter die Erde geschickt werden.

Viele Dresdner sehen das anders. Knapp 200 Passanten unterschrieben bei der gestrigen Aktion bereits in der ersten Stunde für den Erhalt. Initiatorin Hofmann hält viele Argumente der Anti-Tunnel-Fraktion für fadenscheinig. „Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg“, sagt sie.

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