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Linke verabschiedet sich von DDR-Generation

Die Partei tritt mit einer deutlich verjüngten Liste zur Wahl an. Mancher fühlt sich abserviert.

Möchte lieber nach vorn als zurückblicken: Der Linken-Spitzenkandidat für die Meißner Stadtratswahl Tilo Hellmann.
Möchte lieber nach vorn als zurückblicken: Der Linken-Spitzenkandidat für die Meißner Stadtratswahl Tilo Hellmann. © Claudia Hübschmann

Meißen.  Tilo Hellmann kann Anzug mit Krawatte, und er kann Jeans mit T-Shirt. Der Meißner Linkenchef kann spitzzüngig sein, aber auch zuhören. Und er besitzt Wasser aus einem Jungbrunnen. Gemeinsam mit seinen Genossen hat er es geschafft, eine Liste aufzustellen, bei der das Durchschnittsalter der ersten sieben Kandidaten rund zehn Jahre unter dem der derzeitigen Mitglieder der Linksfraktion liegt.

Im Gegensatz zu den altgedienten Räten haben die neuen Bewerber damit deutlich mehr als die Hälfte ihrer Lebenszeit im vereinten Deutschland verbracht. Die Jahre in der nach 40 Jahren sanft dahingeschiedenen DDR machen die Minderzahl aus.

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Auf diesen Wechsel angesprochen, formuliert der 35-Jährige eine diplomatische Antwort. „Wir haben in den letzten Jahren deutschlandweit erfahren müssen, dass sich Menschen und Gruppen durch die Abgeordneten in den Parlamenten nicht mehr vertreten sahen.“ Dies zu verändern, seien er und seine Mannschaft angetreten. 

Das Fehlen von Routine sieht der gebürtige Dresdner dabei eher als Bonus, denn als Malus. Nicole Böer zum Beispiel sei eine engagierte junge Lehrerin und Mutter, die mit beiden Beinen im Leben stehe. Sie zeige sich unzufrieden mit dem Zustand der Stadtpolitik. Sie habe Ideen und wolle etwas verändern. Deshalb trete sie zur Stadtratswahl am 26. Mai an.

Ein ähnliches Beispiel dürfte Cornelia Schubert sein. 51 Jahre ist die Pflege- und Betreuungskraft alt. Ihre Perspektive könnte in den bislang stark von Honoratioren geprägten Stadtrat eine neue Facette einbringen. In dieser Hinsicht ergeben sich verblüffende Parallelen zu den Christdemokraten in der Stadt. Auch sie haben mit Falk Werner Orgus, Jörg Schlechte und Nico Riefling ältere Kader auf die hinteren Plätze verbannt.

Dass die Neuen schnell das nötige Handwerkszeug für ihr künftiges Abgeordnetendasein erlernen, dafür steht etwa Günter Jordan an fünfter Stelle. Der 64-Jährige kennt sowohl die Stadt- als auch Kreispolitik aus vielen Jahren intensiver politischer Arbeit. Gemeinsam mit Ingolf Brumm kommt er aus der Baubranche. Wer die Liste weiter nach unten geht, findet auf dem neunten Platz den derzeitigen Vorsitzenden der Linksfraktion Ullrich Baudis. Der empfindet das als demütigend. Es fehlten Leute mit Erfahrung auf der Liste, schimpft der 62-Jährige in seinem Café am Hahnemannsplatz. Nach zehn Jahren aufreibenden Engagements für die Stadt fühle er sich abserviert.

Trotz dieser Abfuhr denkt der Gastronom nicht ans Aufgeben. Baudis kündigt an, seinen Wahlkampf selbst in die Hände nehmen zu wollen. Tatsächlich bedeutet ein hinterer Listenplatz nicht von vornherein das Aus. Bei der Stadtratswahl verfügt jeder Bürger über drei Stimmen. Diese kann er insgesamt an einen Kandidaten vergeben oder sie über maximal drei Kandidaten verteilen. Allerdings hat sich in der Vergangenheit gezeigt, dass treue Parteianhänger ihre Stimmen häufig – ohne Ansehen der Person – kumuliert den ersten Kandidaten auf der Parteiliste geben.

Für den Wahlkampf kündigt Spitzenkandidat Hellmann an, mit dem Thema Bürgernähe als Klammer für verschiedene Aspekte punkten zu wollen. Als Beispiel nennt der das Vorgehen der Stadt bei der Sanierung der Questenbergschule. „Dank meines Studiums, kenne ich mich aus in Verwaltungsdingen. Aber das Anschreiben an die Eltern hat mich hilflos zurückgelassen“, sagt er. 

Eine neutrale Ombudsperson solle deshalb künftig den Bürgern bei Fragen und Problemen zur Seite stehen. Oftmals reiche es nach seiner Erfahrung aus, Ansprechpartner und Wege aufzuzeigen. Für viele Menschen sei es schwierig, sich im Behördendschungel zurechtzufinden. Einen Bürgerhaushalt und Petitionsmöglichkeiten auf Ebene der Stadt benennt Hellmann als weitere Ansatzpunkte. 

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Vom Rathaus wollen er und seine Mitstreiter einfordern, sich nicht aufs Verwalten zu beschränken, sondern selbst vermehrt die Initiative zu ergreifen. „Statt Ideen, wie den Stadtelternrat zu zerreden, sollte dieses Engagement unterstützt, ja vom Rathaus angestoßen werden“, sagt der Linken-Politiker. Gleichzeitig stellt er klar, dass seine Liste kein Wünsch-Dir-Was-Programm verfolge. „Wir können nur ausgeben, was da ist. Aber dabei haben wir die Wahl.“

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