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Linksextremisten bedrohen Stadtrat

Dass sich Thoralf Koß offen gegen den Auftritt einer linken Punkband ausgesprochen hat, kommt ihm teuer zu stehen.

Shitstorm nennt man auf Neudeutsch das, was über Grünen-Stadtrat Thoralf Koß derzeit hereinbricht. Mehr als 200 Kommentare aus ganz Deutschland gibt es bereits auf dessen Facebook-Seite, nachdem sich Koß gegen einen Auftritt der Punkband „Feine Sahne Fischfilet“ während des Stadtfestes ausgesprochen hatte (SZ berichtete). Ein Großteil der Kommentatoren wirft ihm dabei vor, sich von der NPD vor den Karren spannen zu lassen – und das in teils drastischer Wortwahl. Flankiert werden diese Einträge von Pressemitteilungen der Grünen Jugend. Die fordert eine Rücknahme des von Oberbürgermeisterin Gerti Töpfer (CDU) verhängten Auftrittsverbotes und eine öffentliche Entschuldigung bei der Band. „Dass Engagement gegen Rechts ausgerechnet von einem Grünen-Stadtrat mit dem Etikett des Linksextremismus herab gesetzt wird, ist für uns unfassbar“, so Sebastian Walter, Sprecher der Grünen Jugend Sachsen. Thoralf Koß zeigte sich im SZ-Gespräch aufgrund dieser Ereignisse fassungslos.

Herr Koß, auf Ihrer Facebookseite hat jemand das Foto eines erschossenen Wehrmachtssoldaten gepostet. Daneben steht: „Sei wie er“. Wie fühlen Sie sich dabei?

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Ich habe die Kommentare erst einmal zur Kenntnis genommen. Als ich dann das Foto sah, konnte ich es aber kaum glauben. Das bedeutet für mich, dass ich sterben solle, am besten mit einer Kugel im Kopf. Ich habe mich zurückversetzt gefühlt in jene Zeit, in der mich NPD-Anhänger verfolgt haben und ich deswegen sogar Personenschutz bekam. Ich dachte, mein Gott, geht das schon wieder los, dieses Mal nur von der anderen Seite.

Was haben Sie dann gemacht?

Ich habe beim Verfassungsschutz angerufen. Die haben mir empfohlen, umgehend Anzeige zu erstatten, da es ja offensichtlich eine Bedrohung gegen mein Leben gibt.

Wen haben Sie angezeigt?

Ich behalte mir eine Anzeige gegen zwei Leute vor, die mich auf meiner Facebook-Seite beleidigt haben. Zum einen gegen jenen, der das Bild mit dem toten Soldaten mit Kopfschuss gepostet hat. Und zum anderen gegen einen Facebook-Nutzer, der gesagt hat, dass ich eingemauert werden sollte. Ich habe wirklich Angst, immerhin kennen einige Leute meine Adresse. Ich habe das ja wie gesagt schon einmal mit der NPD durch.

Ihnen wird vorgeworfen, Sie hätten sich zum Handlanger der NPD gemacht, die ja den Stadtfest-Auftritt einer Band, die vom Verfassungsschutz beobachtet wird, moniert hat ...

Meine Meinung hat nichts mit der NPD zu tun. Ich lehne jede Form von Extremismus ab, egal, ob er von links, von rechts oder von irgendwelchen Glaubensrichtungen kommt. Und die Reaktionen zeigen mir letztlich, dass ich alles richtig gemacht habe. Die Menschen, die mich jetzt angreifen, sind Fans einer Band, die aus meiner Sicht den Radikalismus und den Extremismus unterstützen. Das fußt nicht auf der Verfassung. Und daher lehne ich das strikt ab.

Sie sind zwar parteilos, sitzen aber für die Grünen im Stadtrat. Und statt Ihnen den Rücken zu stärken, unterstützen sie die Band ...

Das hat mich auch besonders getroffen. Da sagen Leute, dass ich gleich bei der NPD eintreten möchte, dass ich am besten sterben solle – und meine Partei unterstützt das indirekt noch. Sie treten für eine offenbar linksextreme Band ein, anstatt mir zu helfen. Damit unterstützen sie letztlich auch den Extremismus und die Radikalisierung eines Stadtfestes. Ich frage mich, wo da das Demokratieverständnis ist.

Wie meinen Sie das?

Ich werde auch von einigen Grünen für meine Meinung angegriffen. Wenn ich keine Meinung haben darf, dann gleicht das einer Diktatur – eine Diktatur ihrer eigenen Meinung. Und diese Menschen wollen ihre Meinung durchsetzen, indem sie mich mit der NPD auf eine Stufe stellen. Das hat nichts mit Demokratie zu tun. Letztlich unterstützen damit die Grünen indirekt Gewalt und Extremismus. Damit kann ich mich als Pazifist nicht identifizieren.

Aber Sie sind doch für die Grünen im Stadtrat, oder etwa nicht?

Und ich habe für sie sogar für den Bundestag und den Landtag kandidiert. Aber ich komme eigentlich aus dem Bündnis 90. Und unser Slogan hieß „Keine Gewalt“. Das habe ich mir zum Lebensmotto gemacht. Ich lehne Gewalt von rechts ab, aber auch von links. Ich bekenne mich zur Verfassung. Ich habe meine Meinung zu der Ausladung der Band als Stadtrat kund getan. Und als dieser habe ich auf das Grundgesetz geschworen. Wenn die Grünen wollen, dass ich nicht mehr für sie im Riesaer Stadtrat sitze, lege ich den Zusatz Grüner ab und bleibe parteilos im Amt. Dann finden die Grünen in Riesa eben nicht mehr statt.

Aber hätten Sie nicht damit rechnen müssen, dass Sie von der NPD instrumentalisiert werden, wenn Sie sich auf deren Seite stellen?

Die Frage ist doch eine ganz andere. Hätte man nicht mit der Aufregung rechnen müssen, als man die Band eingeladen hat? Warum hat Kulturwerkschef Dirk Haubold die Gruppe überhaupt erst zum Stadtfest eingeladen. Wir leben in Riesa. Hier hat die Deutsche Stimme ihren Sitz. NPD-Funktionäre wie Holger Apfel und Jürgen Gansel leben hier. Es war doch klar, dass die einen Auftritt von „Feine Sahne Fischfilet“ als Provokation auffassen. Das hätte auf dem Rücken des Stadtfestes nicht sein müssen. Ich fordere daher von Dirk Haubold eine öffentliche Entschuldigung und eine Distanzierung von der Band. Und er sollte künftig keine Gruppen mehr für solche Feste organisieren dürfen.

Das Gespräch führte Robert Reuther