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Lob und Kritik für Dresdens neue Bahn

Seit Mittwoch können die Dresdner zum ersten Mal ihre neue Straßenbahn in Augenschein nehmen. Besonders ein Detail finden viele dabei unglücklich.

Von Henry Berndt
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Der Prototyp der neuen Straßenbahn ist bis zum 19. Januar im Verkehrsmuseum zu sehen.
Der Prototyp der neuen Straßenbahn ist bis zum 19. Januar im Verkehrsmuseum zu sehen. © Marion Doering

Helmpflicht wird es auch in der neuen Straßenbahn nicht geben. So viel steht fest. Trotzdem steigt Jürgen Holling mit Helm in den gelben Wagen, der derzeit in einer Halle des Verkehrsmuseums parkt. "Ich war gerade mit dem Rad in der Nähe und da dachte ich, ich schau gleich mal rein", sagt der 74-Jährige. Und mit dieser Idee ist er längst nicht der einzige.

Zum ersten Mal können sich die Dresdner am Mittwochvormittag ein Bild von den neuen Straßenbahnwagen machen, die ab kommendem Jahr in der Stadt zum Einsatz kommen sollen. Die Vorführung ist nett gestaltet. Es gibt ein Quiz, kleine Schokoladentafeln und Postkarten mit der Aufschrift "Sag mal, bist du breiter geworden?". Mit Hilfe eines Tablets und einer App kann man sogar um die Bahn laufen und sie dabei auf dem Display in voller Länge von gut 43 Metern und sogar fahrend erleben.

Allerdings wird sich der verkürzte Prototyp mit Sicherheit nie wirklich in Bewegung setzen. Viele Details sind nur angedeutet, doch für einen ersten Eindruck taugt das Eins-zu-eins-Modell allemal.

Von der neuen Frontpartie ist Jürgen Holling schon mal beeindruckt. "Das macht was her", sagt er. Innen fällt ihm der Vergleich zu den aktuellen Wagen  schwerer. Während seine Frau eine Monatskarte hat, fährt er nur gelegentlich Bahn.

Per Tablet können Besucher sich die neue Bahn auch in ganzer Länge vorführen lassen.
Per Tablet können Besucher sich die neue Bahn auch in ganzer Länge vorführen lassen. © Marion Doering

Auf jeder Seite sind zwei Sitze - das findet er schon mal gut und setzt sich testweise gleich mal einem anderen älteren Herrn gegenüber. Ihre Knie stoßen nicht zusammen, nur mit den Füßen müssen sie sich einigen. Wie immer also.

"Also ich bin nicht so begeistert", sagt Christian Reuther, der andere Herr. "Die Sitze fühlen sich hart an und das mit der Einrahmung hätte man besser lösen können."

Darin ist er sich mit der Mehrheit der ersten Straßenbahn-Tester einig. Vor allem an der schwarzen Kunststoffkante an der Vorderseite der Sitze stören sich viele. Die gute Nachricht: Für kleinere und größere Anpassungen ist es noch nicht zu spät. Jeder Besucher hat die Möglichkeit, seine Kritik - aber auch sein Lob - in einem Formular an Terminals zu hinterlassen.

Schon jetzt stehe fest, dass die Sitze einige Zentimeter niedriger werden sollen. Vermutlich werde auch die Form der Vorderkante noch einmal verändert, heißt es von einem der gut ein Dutzend DVB-Mitarbeiter, die hier zur öffentlichen Premiere präsent sind.

Innerhalb weniger Minuten füllt sich der Prototyp wie die Linie 11 nachmittags an der Prager Straße. Vor allem ältere Dresdner nutzen die Chance. Die Platzierung der Haltestangen und der Knöpfe kommt überwiegend gut an, genauso wie der deutlich größere Bereich für Kinderwagen und Rollstühle.

Bald beginnen die ersten angeregten Diskussionen. Ist der Gang nicht sogar schmaler als bisher? Sind die Ladestationen für das Smartphone wirklich nötig? Und dazu noch W-Lan? Da verpasse man doch ständig seine Haltestelle, weil man die ganze Zeit im Internet surft. 

Praktisch oder unsinnig? Die ersten Straßenbahn-Tester diskutierten eifrig.
Praktisch oder unsinnig? Die ersten Straßenbahn-Tester diskutierten eifrig. © Marion Doering

Manch ein früherer Maschinenbauer fachsimpelt lieber über Drehgestell oder Einzelrad. Eva-Maria Huhn dagegen steuert zielgerichtet auf die Plätze gleich neben der Tür zu. "Ich bin nur hier, um zu schauen, ob es diese anderthalb Sitze wieder gibt", sagt die 78-Jährige für alle hörbar. "Das war ja wirklich der größte Blödsinn. Und Platzverschwendung. Wer konnte nur auf so eine Idee kommen?" Im neuen Modell gibt es nun auch hier auf jeder Seite zwei Sitze. Beruhigt steigt die Dame wieder aus.

Auch die Stufe in der Mitte der Ganges ist ein großes Thema. "Die Skoda-Bahn in Chemnitz ist 100 Prozent niederflurig", sagt einer, "aber in Dresden musste man natürlich Bombardier nehmen, da kam ja nichts anderes in Frage." "Hätte man hier nicht wenigstens eine Rampe bauen können?", schlägt ein anderer vor, wird aber sofort überstimmt, da die Stolpergefahr dann noch deutlich größer sei.

Besonders gern nutzen die Besucher die Möglichkeit, einmal ganz vorn auf dem gemütlichen Fahrersessel Platz zu nehmen. "Ja, das sitzt sich gut, " sagt ein Mann. "Die können sie bitte im ganzen Wagen einbauen."

Christian Reuther macht es sich testweise in der Fahrerkabine gemütlich.
Christian Reuther macht es sich testweise in der Fahrerkabine gemütlich. © Marion Doering

Zumindest dieser Wunsch wird wohl nicht erfüllt sein, wenn im Sommer 2021 die erste der insgesamt 30 bestellten Bahnen in Dresden angeliefert wird und dann nach einer Testzeit in Betrieb geht.

Der Prototyp der neuen Straßenbahn kann noch bis zum 19. Januar mittwochs bis sonntags von 10 bis 17 Uhr im Verkehrsmuseum begutachtet werden. Der Zugang erfolgt über den Stallhof. Der Eintritt ist frei.

Weitere Bilder der Vorstellung der neuen Straßenbahnen:

© Marion Doering
© Marion Doering
© Marion Doering
© Marion Doering
© Marion Doering

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