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Hier bleiben Corona-Lockerungen ohne Folgen

Ab Freitag dürfen Kinos, Theater und Konzertsäle wieder bespielt werden. Doch zunächst wird sich rein gar nichts tun.

Offiziell endet in den Kinos und Theatern des Freistaates am Freitag die Corona-Zwangspause. Wann es aber tatsächlich weitergeht, ist meist noch völlig offen.
Offiziell endet in den Kinos und Theatern des Freistaates am Freitag die Corona-Zwangspause. Wann es aber tatsächlich weitergeht, ist meist noch völlig offen. © Imago/Montage: SZ

Von Andy Dallmann, Karin Grossmann, Bernd Klempnow und Andreas Körner

Ganz schnell ging es, die Kulturbetriebe des Landes angesichts der Corona-Pandemie per Verordnung zuzumachen. Im Zuge der aktuellen Lockerungen dürfen nun ab Freitag theoretisch viele von ihnen wieder öffnen. Doch eine Rückkehr zur Normalität ist weder in Sicht noch sind viele Veranstalter von den neuen Regeln wirklich begeistert. Eine Umfrage:

Kinos:

Film kämpft auch in Corona-Deutschland seinen im Grunde latent schwelenden Kampf: Er ist ein Zwitterwesen. Man nimmt ihn und damit jene, die ihn in festen Sälen zeigen, nicht eindeutig als Kultur wahr. Wirtschaft pur aber sollen die über 1.700 existierenden Kinos bitte auch nicht sein. Das zeigt sich deutlich beim Verteilen des als gute Nachricht verkauften grünen Lichts für Wiedereröffnungen.

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Wie erwartet, wird in Sachsen das Vorziehen des eh schon hektisch angesetzten Termins ohne Effekt bleiben. Am Freitag dürfte freistaatweit kein einziger Vorhang aufgehen. Die großen Multiplexe sollten die Ersten sein, die den Neustart wagen mit Filmen, die schon vor acht Wochen in den Servern waren. Rücksprachen mit Betreibern haben es bestätigt.

Der Dresdner Ufa-Kristallpalast will am Montag öffnen, auch wenn es, wie Objektleiterin Katharina Steinhäuser betont, „angesichts fehlender Neustarts und der begrenzten Platzkapazität wirtschaftlich zu diesem Zeitpunkt nicht sinnvoll ist“. Das Cinemaxx hat sich noch auf keinen fixen Termin festgelegt, bereitet sich aber „intensiv vor“. Im Rundkino gilt Gleiches, für die Kinos der Filmpalast-Kette in Pirna, Bautzen, Zittau, Riesa, Görlitz und Meißen ist der 20. Mai im Visier.

Überall habe der Schutz der Gäste und des Personals oberste Priorität, sagen die Verantwortlichen. Konzepte dafür stampfen sie nicht einfach aus dem Boden oder holen sie aus Schubladen, zu vage waren potenzielle Vorgaben. Doch das tatsächliche Aufsperren der Türen hängt maßgeblich von den Gesundheitsämtern ab. 

Auch bei der Schauburg in der Dresdner Neustadt. Geschäftsführer Stefan Ostertag spüre den Druck der Kinofreunde des Viertels, ob sie „wirklich kommen werden, weiß ich natürlich nicht“. Dennoch will er lieber früher als später wieder Filme zeigen und fährt damit eine differenzierte Marschroute als andere Programmkinobetreiber der Stadt. 

Kinochef Sven Weser wird das Programmkino Ost erst am 2. Juli wieder öffnen.
Kinochef Sven Weser wird das Programmkino Ost erst am 2. Juli wieder öffnen. © Archiv:/Norbert Millauer

Im Programmkino Ost bleibt man bei der nachvollziehbar-rigorosen Entscheidung, sich einer frühen Öffnung zu verweigern. Man folgt dort der Empfehlung des Branchenverbandes AG Kino und wird am 2. Juli den Betrieb aufnehmen.

Das Thalia in der Neustadt käme bei 75 Sitzen aktuell wohl nur auf zehn den Hygiene- und Abstandsanforderungen genügende. Chef Stephan Raack möchte also erst wieder öffnen, „wenn meine Angestellten und ich mit gutem Gewissen und gern dort sind“. Betriebswirtschaftlichkeit hängt für ihn natürlich ebenso von verfügbaren neuen oder passenden älteren Filmen ab. Erstere werden in großem Maße bis Ende Juni fehlen, für Letztere sind die Rechte oft ausgelaufen.

Unliebsamer Nebeneffekt der Wiedereröffnungsprozedur ist übrigens, dass sich der Unmut einiger Kinobürger nunmehr auch an den Betreibern entlädt. Tendenz: Fangt doch einfach an, jetzt, wo ihr dürft! Es ist die falsche Adresse für Wut. Keiner von ihnen will seine Säle künstlich oder grundlos geschlossen halten. Die Chance eines fairen, weil geordneten Neustarts wurde an anderer Stelle vertan.

Großkonzerte:

Konzertveranstalter Rodney Aust kann mit den anstehenden Lockerungen nichts anfangen, wird also derzeit weder mit dem Alten Schlachthof noch mit der Freilichtbühne „Junge Garde“ aktiv. „Für mich ist das Ganze finanziell nicht tauglich, also Humbug“, erklärt er. Angesichts der Hygiene-Auflagen könne es sich die gesamte freie Musikwirtschaft aus Kostengründen nicht leisten, neu zu starten. „Ich kann ja auch nicht erwarten, dass ein Künstler nur ein Fünftel der üblichen Gage akzeptiert, weil er auch nur vor einem Fünftel des Publikums auftritt.“ Aus seiner Sicht sind staatliche Sofortmaßnahmen fällig, um die Branche zu retten. Der einzige Lichtblick für ihn: „Wir haben jetzt eine Zusatzshow mit Johannes Oerding am 17. September 2021 in den Verkauf gegeben und innerhalb von zwei Tagen waren schon gut 100 Karten weg. Das macht mir etwas Hoffnung.“

Wann die Freilichtbühne „Junge Garde“ in Dresden wieder öffnet, ist noch nicht absehbar.
Wann die Freilichtbühne „Junge Garde“ in Dresden wieder öffnet, ist noch nicht absehbar. © Archiv/Thomas Kretschel

Klubkonzerte:

Das Radebeuler XJazz-Festival wurde und bleibt abgesagt. „Aber wir wollen nun wenigstens ein ganz kleines Lebenszeichen geben“, kündigt Björn Reinemer ab. Mit seiner Agentur Dynamite Konzerte organisiert er deshalb für den 6. Juni in der Dresdner Bar „Combo“ ein Konzert mit Jazzquartett und DJs, das live vor Publikum und als Stream im Netz stattfinden soll. „In Klubs wird ansonsten diesen Sommer wenig bis nichts laufen, weil die geforderten Standards kaum einzuhalten sind“, so Reinemer. „Aber es werden viele versuchen, etwas im Freien anzubieten. Ich plane derzeit auch einiges, doch vor Juni passiert da eher nichts. Alle brauchen mehr Vorlauf, können nicht aus der Kalten mit neuen Programmen starten.“

Literaturveranstalter:

Die Autoren Jochen Schmidt und Line Hoven wollten im Juni mit „Paargesprächen“ in Tharandt gastieren. Obwohl die Buchhandlung am Ort groß ist, dürften maximal zwanzig Gäste kommen, mit Mindestabstand und Mund-Nase-Schutz. „Das macht keinen Spaß!“, sagt Buchhändlerin Annaluise Erler. Sie hat vorerst alle Lesungen abgesagt. 

Die Villa Augustin in Dresden plant die nächste Veranstaltung für den 3. Juni. In der Reihe „Buchsalon“ wollen Literaturkritiker über Neuerscheinungen sächsischer Autoren diskutieren. Sie dürfen mit wenig Publikum im Haus diskutieren oder mit etwas mehr im Garten, auf jeden Fall wird das Gespräch aufgezeichnet und online gestellt. „Wir werden auch in Zukunft dreigleisig fahren“, sagt Veranstalterin Andrea O’Brien. „Das ist allemal besser als nichts.“ Die Eintrittskarten sollen nach dem „Windhundprinzip“ vergeben werden – die Ersten gewinnen. Abgesagte Lesungen sollen nachgeholt werden. Neue Vereinbarungen sind jedoch fraglich wegen der Haushaltssperre in Dresden. „Aber wir müssen langfristig planen, wenn wir wichtige nationale und internationale Schriftsteller einladen wollen.“ Die Chefin des Hauses hofft auf einen Schutzschirm des Landes für freie Kulturträger.

Musik- und Sprechtheater:

Bei den meisten Theatern im Freistaat gilt: Das vom Kulturministerium angeordnete beziehungsweise empfohlene Ende der regulären Spielzeit gilt. Allerdings proben alle unter Berücksichtigung der Hygienevorschriften wieder und legen in den nächsten Tagen ein Hygienekonzept für eine mögliche Aufnahme des Spielbetriebs den Gesundheitsämtern zur Genehmigung vor. Da gibt es Konzepte für die Foyers mit Abstandsreglung, Desinfektionsspendern und Einbahnstraßenführung, für die Platzbelegung in den Zuschauersälen, in dem Reihen und Plätze frei bleiben, Paare oder Familien aber zusammensitzen können. Betreten die Besucher die Säle, dann nur mit Mundschutz, der bei Vorstellungsbeginn aber abgesetzt wird. Ebenso sind Maßnahmen zu prüfen, wie die Künstler und die Bühnentechniker unter Maßgabe der Abstandsreglung agieren. „Das alles braucht aber natürlich seine Zeit und einen gewissen Vorlauf“, sagt Semperoper-Interndant Peter Theiler. 

Kathrin Kondaurow, Intendantin der Staatsoperette Dresden
Kathrin Kondaurow, Intendantin der Staatsoperette Dresden © Monika Skolimowska/dpa

Frühestens Anfang Juni wird so die Staatsoperette Dresden Ersatzprogramme anbieten können. „Ein Abspecken unserer Inszenierungen kommt jedoch nicht infrage“, sagt Intendantin Kathrin Kondaurow. So plant sie eher kürzere Galen und Konzerte im Saal sowie später Open-Air-Angebote auf dem Gelände, „um fürs Publikum bis zur regulären Sommerpause da zu sein“.

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