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Als der Krieg in die Oberlausitz kam

Eine Ausstellung des Löbauer Garnison-Vereins erinnert an 75 Jahre Kriegsende. Eine Geschichte voller Blut und Leid.

Danilo Baumgarten (l.) und Gerhard Steglich vom Löbauer Garnison-Verein haben die Ausstellung "75 Jahre Kriegsende in der Oberlausitz" organisiert.
Danilo Baumgarten (l.) und Gerhard Steglich vom Löbauer Garnison-Verein haben die Ausstellung "75 Jahre Kriegsende in der Oberlausitz" organisiert. © Rafael Sampedro

Am 16. April 1945 brach in der Oberlausitz die Hölle des Zweiten Weltkrieges los. An diesem Tag startete die Rote Armee auf breiter Front die Großoffensive zum Marsch auf Berlin - auch mit dem Überschreiten der Neiße. Was in diesen letzten Kriegstagen bis zur Kapitulation am 8. Mai hier geschah, dem widmet sich die Ausstellung "75 Jahre Kriegsende in der Oberlausitz" des Löbauer Garnisonvereins, die am Sonntag in der ehemaligen Kaserne eröffnet - wegen Corona mit ein paar Monaten Verspätung.

"Wir wollen mit dieser Ausstellung darauf hinweisen, wie viel Schicksal und Leid Zivilisten und auch Soldaten in diesen letzten Kriegstagen noch erfahren mussten", sagt Vereinsvorstand Danilo Baumgarten. Denn ausgerechnet die Oberlausitz und das Gebiet um Löbau geriet in diesen Tagen zum Ausgangspunkt der letzten Großoffensive der Roten Armee auf deutschem Boden, der sogenannten "Prager Operation" zur Befreiung der tschechischen Hauptstadt.

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Ursprünglich sollte die hier operierende "1. Ukrainische Front" unter dem Sowjet-Marschall Iwan Konjew von Süden auf Berlin marschieren. Als die Schlacht um die Reichshauptstadt schon am 2. Mai 1945 entschieden war und Konjew das "Rennen um Berlin" gegen Marschall Georgi Schukow gewissermaßen verloren hatte, schwenkte Konjews millionenstarkes Heer im Mai um nach Prag, wo am 5. Mai der Aufstand gegen die deutschen Besatzer begonnen hatte.

Die schwierige Recherche

Die Ausstellung will das Geschehen für die Besucher auch bildhaft machen. Sie beginnt mit jenem 16. April 1945. Ein großes Diorama stellt die Neiße-Überschreitung der Sowjets im Abschnitt Zentendorf dar. Gebaut hat es der erfahrene Löbauer Modellbauer Gerold Polentz. "Ich habe dafür monatelang recherchiert und etwa drei Monate lang daran gebaut", sagt der ehemalige Stadtrat.

Das Diorama zeigt die Neiße-Querung der Roten Armee im April 1945 bei Zentendorf.
Das Diorama zeigt die Neiße-Querung der Roten Armee im April 1945 bei Zentendorf. ©  Rafael Sampedro

Monatelange Recherchen seit September 2019 brauchte es auch für die Vorbereitung der Ausstellung. "Es gibt nur wenige Nachschlagewerke und Literatur zu den Ereignissen in der Oberlausitz", sagt Danilo Baumgarten. Einiges fand der Verein im Löbauer Stadtarchiv, auch aus damaligen Zeitungsberichten der Lokalpresse. Von Gegnerseite ist das Geschehen auch dokumentiert worden - doch diese Dokumente muss man erst mal finden. "Das ,Archiv für Kämpfer und Gefallene des Großen Vaterländischen Krieges' liefert im Internet russische Gefechtsdokumente", sagt Gerhard Steglich vom Verein. Durch Zusammentragen all dieses Materials sei es nun gelungen, ein Stück Heimatgeschichte zu dokumentieren.

Sinnloser Kampf auf verlorenem Posten

Einige Text- und Schautafeln zeigen auch, wie sich Löbau damals mobil für die Verteidigung machte. Die Maßnahmen leitete der NSDAP-Kreisleiter Hans Reiter. Der bot Reserven auf, die in Wahrheit keine waren. "Mit Hitlerjungen und Volkssturm hat man sich auf den Angriff vorbereitet und in Rosenhain mussten Frauen die Schützengräben ausschachten", sagt Gerhard Steglich. Dabei stand die Wehrmacht auf verlorenem Posten. "Das Kräfteverhältnis gegen die Rote Armee betrug im unmittelbaren Kampf eins zu fünf", sagt Danilo Baumgarten. Er wünscht sich, dass sich auch noch Zeitzeugen bei ihm melden.

Kommandeur der auch in der Oberlausitz operierenden rund 860.000 Mann starken "Heeresgruppe Mitte" war Generalfeldmarschall Ferdinand Schörner, hinter vorgehaltener Hand "der blutige Ferdinand" genannt. Hitler hatte ihn noch kurz vor seinem Selbstmord im "Führerbunker" testamentarisch zum Oberbefehlshaber der Wehrmacht ernannt. Propagandaminister Joseph Goebbels berichtete dem "Führer" begeistert von einem Besuch bei Schörner in Lauban: "Deserteure finden bei ihm keine Gnade. Sie werden am nächsten Baum aufgeknüpft, und ihnen wird ein Schild um den Hals gehängt mit der Aufschrift: ‚Ich bin ein Deserteur. Ich habe mich geweigert, deutsche Frauen und Kinder zu beschützen und bin deshalb aufgehängt worden.‘"

Die feige Flucht des Nazi-"Helden"

Und wie die Ausstellung zeigt, führte Schörner dieses blutige Regiment auch hier. Die Kapitulation der Wehrmacht im US-Hauptquartier im französischen Reims am 7. Mai 1945 ignorierte er und ließ weiterkämpfen. In Löbau zahlten acht Soldaten diesen Blutwahn mit ihrem Leben. Weil sie ihre Waffen weggeworfen hatten, wurden die jungen Männer am 7. Mai 1945 in Löbau von einem Standgericht zum Tode verurteilt und am Jäckel in Ebersdorf erschossen.

Einen sinnlosen Tod starben auch vier junge Männer am Königsholz in Großhennersdorf. "Dort wurde an einer Flakstellung noch bis vier Stunden vor der zweiten Kapitulationserklärung in Berlin gekämpft", erzählt Gerhard Steglich. Den Kampf der jungen Flakhelfer beendete aber nicht die Kapitulation, sondern eine Bombe. "Um 20.34 Uhr am 8. Mai 1945 wurde diese Flakstellung als letzte bombardiert", sagt Steglich.

Das Geschehen dieser Tage bestimmten in der Oberlausitz auch Flüchtlingsströme aus Schlesien. Gerhard Steglich erinnert sich an einen Reimspruch seiner schlesischen Großmutter, der auf hochdeutsch heißt: "Am 9. Mai kamen die Befreier geritten. Doch die, die ein schlechtes Gewissen hatten, hatten sich schon davon gemacht" - so auch der "blutige Ferdinand". Er war dekoriert mit dem nur 27 Mal verliehenen "Ritterkreuz mit Eichenlaub, Schwertern und Brillanten". Doch der vorgebliche "Held", der seine eigenen Männer bis zur letzten Kriegs-Minute hatte abknallen lassen, machte sich am 9. Mai 1945 in Zivilkleidung und 1.000 Mark aus der Stabskasse in einer Fieseler Storch aus dem Staub nach Bayern. Ferdinand Schörner starb 1973 81-jährig in München.

Die Ausstellung ist am Sonntag, 30. August, von 11 bis 16 Uhr geöffnet. Weitere Öffnungstage sind die Sonntage 27. September und 4. Oktober.

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