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Löcher im Gehirn

Crystal ist nach Alkohol, Nikotin und Cannabis die weltweit häufigste Droge. In Sachsen nimmt der Missbrauch seit Jahren zu - mit fatalen Folgen.

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© Wolfgang Wittchen

Herr Lange, Sie beschäftigen sich als Gerichts-Gutachter und Psychiater in der Uniklinik Dresden mit Crystal-Missbrauch. Wie würden Sie den typischen Konsumenten beschreiben?

Jan Lange  (32) ist Arzt und wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Uniklinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie. Foto: Privat
Jan Lange (32) ist Arzt und wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Uniklinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie. Foto: Privat

Das tückische ist, dass es keinen typischen Konsumenten gibt. Methamphetamin, umgangssprachlich Crystal, ist zumindest in Sachsen inzwischen in allen Gesellschaftsschichten verbreitet. Grundsätzlich lassen aber drei große Gruppen unterscheiden.

Welche sind das?

Am häufigsten beobachten wir den „sozialen“ Konsum. Das sind meist junge Leute, die an den Wochenenden Party machen, wach bleiben und gemeinsam Spaß haben wollen. Daneben gibt es Menschen, die aus „funktionalen“ Motiven konsumieren: Schüler und Studenten in Prüfungssituationen, Manager unter Stress, Handwerker, die lange gleichförmige Arbeiten unter Termindruck ausführen – wie der Fliesenleger, der einen riesigen Saal rechtzeitig fertigmachen muss. Beide Konsumenten-Typen finden wir aufgrund des großen Suchtpotenzials dann häufig in der wachsenden Gruppe der Abhängigen wieder.

Rund ein Drittel der Crystal-Konsumenten ist weiblich. Wie erklären Sie sich diesen, gegenüber anderen illegalen Drogen sehr hohen Frauenanteil?

Es gibt historische Vorbilder: In den 1950er Jahren wurden Methamphetamin-Medikamente den Hausfrauen in den USA zum Abnehmen und als Stimmungsaufheller im Alltag empfohlen. Gerade Frauen nutzen Crystal, um etwa nach der Schwangerschaft Gewicht zu verlieren, den stressigen Alltag mit Kleinkindern zu bewältigen oder trotz Mutterpflichten noch fit für die Party am Wochenende zu sein.

Was macht Crystal so gefährlich?

Crystal ist eine neurotoxische Substanz, es stört schnell und bleibend Botenstoffsysteme im Gehirn. Schon nach einem Missbrauch von zwei Jahren können wir in hochauflösenden Funktionsaufnahmen des Gehirns richtige „Löcher“ sehen, also Regionen, in denen das Zusammenspiel der Nervenzellen erheblich gestört ist. Schon nach kurzer Zeit geben viele Konsumenten an, dass sie einen „Suchtdruck“ verspüren.

Wann sollte man als Beobachter oder Angehöriger misstrauisch werden?

Fast jeder, der regelmäßig Crystal nimmt, zeigt irgendwann typische Verhaltensmuster. Der Tag- Nachtrhythmus gerät durcheinander: Auf durchgefeierte Wochenenden folgt extreme Erschöpfung. Viele Konsumenten wechseln den Freundeskreis, manche verlassen ihre Partner. Die Konsumenten brauchen immer mehr Geld, bauen auch körperlich ab.

Von Crystal-Toten hört man trotzdem kaum. Gibt es sie nicht?

Statistiken dazu liegen noch nicht vor, aber wir gehen davon aus, dass etwa drei Prozent der Schlaganfall-Toten unter 40 Jahren vorher Crystal genommen haben. Hinzu kommen die schweren Psychosen, die auch nach moderatem Konsum auftreten können: Diese Patienten verletzen sich dann im Wahn selbst oder werden gegenüber anderen aggressiv – auch hier gibt es sicher Todesfälle. Aber den „Goldenen Schuss“ wie bei Heroin gibt es nicht.

Aus den USA kennt man die erschreckenden „Meth Faces“, Menschen, die optisch vom Missbrauch schwer gezeichnet sind. Auch diese sieht man hier im Straßenbild selten.

Konsumenten können hier die körperlichen Folgen des Konsums lange Zeit gut kaschieren: Auch Abhängige sind in der Regel krankenversichert, gehen zum Zahn- oder Hautarzt. Crystal führt zu einem verminderten Speichelfluss und einer Übersäuerung der Mundflora, greift so die Zähne an. Viele bekommen auch Hautprobleme.

Gedankenspiel: Ich nehme hin und wieder Crystal zur Leistungssteigerung, habe aber dennoch Angst vor einer Abhängigkeit – was kann ich tun?

Die erste Anlaufstelle ist eine Suchtberatung. Die Kollegen dort sind vorbereitet, betreuen zunehmend auch Leistungsträger aus der Mittelschicht. Der Ausstieg für stark Abhängige ist aber kompliziert.

Wie sieht der aus?

Der körperliche Entzug ist wenig dramatisch: Die Patienten sind erschöpft, schlafen viel, oft sieht man in den ersten Wochen Depressivität. Problematischer sind die Langzeitschäden im Gehirn: Crystal-Abhängige sind aufgrund von Konzentrationsschwächen erst nach Monaten überhaupt in der Lage, eine Therapie aktiv zu besuchen. Die Aufmerksamkeitspanne beträgt am Anfang oft nur zehn Minuten.

Wie gehen Sie damit um?

Bei stark abhängigen Patienten ist das erste Ziel, den Konsum zu kontrollieren und die Risiken zu minimieren: Wer Crystal spritzt, kann sich mit Krankheiten wie Hepatitis C oder HIV infizieren. Wer raucht, bekommt eine viel stärkere Wirkung zu spüren, als derjenige, der die Substanz „schnieft“. Aber gerade für junge Männer in ländlichen Regionen, die außer dem Konsum keinerlei Perspektiven haben, ist es sehr schwer, von der Droge loszukommen. Diese Gruppe sehen wir dann häufig als „Drehtürpatienten“ in der Klinik oder auch als Wiederholungstäter im Gericht.

Das Interview führe Maren Soehring.