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Löwenzahn in XXL

In den Bautzener Theaterwerkstätten entsteht zurzeit Gigantisches und Winzigkleines – ein Ausblick auf den Theatersommer.

© Uwe Soeder

Von Miriam Schönbach

Gleich passiert es. Tief steckt Annette Reuter ihre Nase in die überdimensionale Löwenzahnblüte. Doch der aufgemalte Blütenstaub löst kein Niesen aus. Stattdessen zupft die Dekorateurin die gelben Blätter aus Schaumstoff zurecht. Dann legt sie die XXL-Blüte zurück auf den Wagen mit den elf Gelblingen. Die Butterblumenköpfe brauchen noch Stiel und Blätter. Doch die 44-Jährige muss sich jetzt erst einmal um ein blaues Tuch kümmern. „Ich habe für den Theatersommer in diesem Jahr schon einen Kilometer Faden vernäht“, sagt sie und schneidet den Stoff zu. Seit vergangenem Jahr ist die gelernte Damenmaßschneiderin für die größeren Requisiten am Bautzener Theater zuständig.

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Und groß ist genau das richtige Stichwort. Schließlich heißt das Bautzener Sommerstück in diesem Jahr „Gullivers Reisen“. Ab 3. Juli bricht der tapfere Seefahrer zu fernen Stränden auf. Dabei landet er auch auf der Insel der Riesen mit dem zungenbrecherischen Namen Brobdingnag. Dort ist alles ein bisschen gigantischer, die Löwenzähne genauso wie die Äpfel. Die liegen eine Etage tiefer im Malsaal der Theaterwerkstätten. Rotbäckig und gewaltig. Zwei Armlängen reichen nicht, um die Früchte zu umfassen. „Kein Wunder“, sagt Annette Reuter und lüftet das Geheimnis der Riesenfrüchte. In den Äpfeln stecken Sitzbälle. „Die sind mit Polsterwatte eingepackt und mit dehnbarem Stoff bezogen. Für die richtige Farbe sorgen die Theatermaler“, sagt die Dekorateurin und setzt die Schere an den blauen Stoff an.

Es macht einmal „ritsch“ und schon liegen zwei Tücher vor ihr. Seit 1990 arbeitet die gebürtige Bautzenerin am Theater. Zuerst sorgte sie in der Schneiderei für die Kostüme der Inszenierungen. „Und nun ziehe ich Äpfel an oder baue große Geldbörsen. Ich habe schon immer gern in der Dekoabteilung ausgeholfen. Es macht unheimlich Spaß“, sagt sie und lehnt sich wieder über den Tisch. Im Malsaal bespannen René Langbrand und Tobias Klemm einen Schiffskorpus mit Dachfolie. Laut krachen die Heftklammern ins Holz. Dazwischen herrscht Ruhe. Nur das Radio spielt leise Klassik. – Konzentriert beugt sich Theatermalerin Sabine Veit gleich neben dem Schiffsrumpf über ein Wappen. Mit einem feinen Pinsel vergoldet die Chefin des Malsaals das Zeichen des Königs von Brobdingnag. Eine kleine Vorlage dafür liegt auf dem Tisch. Daneben der Zettel mit allen Positionen, die bis zur Premiere fertig sein müssen. Knapp 60 Spezialanfertigen stehen auf dem Papier, unter anderem ein Kuhfladen in groß und ein Kuhfladen in klein. Der Haufen und das Häufchen sind schon fertig – entstanden aus Badsilikon, Gummimilch, brauner Farbe, Sägespänen und Stroh. Auch zwei Quallen in XXL und Mini warten bereits auf ihren ersten Einsatz auf der Bühne. Die große Version ist für die Riesen-Szene gedacht, die kleine für Gullivers Reise zu den Liliputanern.

Sabine Veit taucht den Pinsel in die Farbe. „Wir machen viele kleine Handgriffe und alles im Team“, sagt sie und vertieft sich in die Ornamente. Rita Richter tritt währenddessen ein paar Schritte von einer übermannshohen Kiste zurück. In der Hand hält die freischaffende Theatermalerin eine Malerrolle mit Riffeln. Kurz tunkt sie das Werkzeug in bräunlich-graue Fassadenfarbe. Dann walzt sie die Farbe auf den Untergrund. Aus der Ferne wirken die Streifen nun wie gemasertes Holz. Rita Richter dreht eine komplette Runde um das Viereck und setzt an manchen Stellen nochmals die Riffelrolle an. „Beim Theatersommer herrscht immer eine besondere Stimmung. Zum einen, weil so viele Menschen das Stück sehen, zum anderen, weil wir oft gigantische Kulissen bauen. Das ist Stress und Freude zugleich. Wir sind im Theatersommerfieber“, sagt die Dresdnerin. Als Nächstes wird sie sich den Schiffsleib vornehmen. Aber noch sind nicht alle Teile bespannt. Rita Richter bereitet so lange die Farben vor: eine Mischung aus Orange, Braun und Grau ergibt einen rostigen Metalleffekt. Auch für den Möwendreck hat die Malerin schon eine Idee.

Um die richtige Farbe muss sich Rita Kuhn keine Gedanken machen. Ihre Hände stecken in Handschuhe. Immer wieder holt sie aus einem Eimer mit Holzkaltleim getränkte Tücher und beklebt damit eine Pappröhre. Kaschieren heißt der Fachausdruck dafür. „Wir machen das Material so haltbar gegen Regen“, sagt die Theatermalerin. Später wird die Tischlerei mit Unterstützung von Annette Reuter einen XXL-Baum aus den Hohlkörpern bauen. Schließlich brauchen riesige Äpfel ja auch riesige Stämme und Äste.

Die Arbeit in den Theaterwerkstätten geht ruhig und rasch voran. Ohne Hektik, aber hintereinander weg. Fünf Wochen sind es noch bis zur Premiere. Bis dahin haben die Theaterzauberer noch Etliches auf ihre Liste abzustreichen – Gigantisches und Winzigkleines.

www.theater-bautzen.de