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Freital

"Wir brauchen den Wow-Effekt im Zentrum"

Der Freitaler FDP-Stadtrat Lothar Brandau streitet für eine wertvolle Bebauung am „Sächsischen Wolf“. Im Interview spricht er über Fehler, Risiken und Chancen.

Lothar Brandau streitet für eine wertvolle Bebauung in Freitals Zentrum.
Lothar Brandau streitet für eine wertvolle Bebauung in Freitals Zentrum. © Andreas Weihs

Herr Brandau, der Stadtrat hat die Entscheidungen zur Vergabe der Bebauung am „Sächsischen Wolf“ zurückgenommen. Wie geht es jetzt weiter?

Der ursprüngliche Investor RTLL soll von der Stadt 390.000 Euro bekommen für das Gutachten zu den Altlasten auf dem Grundstück. Das bezahlt die Stadt und will es sich dann vom neuen Investor zurückholen. Wenn es so ist, wie ich gehört habe, dass jetzt zwei bis vier Millionen Euro zusätzliche Kosten durch die Sanierung des Bodens entstehen, dann stellt sich natürlich sofort die Frage: Wie will der Investor die kompensieren?

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Was ist die Antwort?

Entweder kompensiert es die Stadt durch Zugeständnisse á la „mach, was du willst“. Oder er hat eine Bebauung, wo das nicht nötig ist. Das glaube ich aber nur zum Teil. Bis jetzt ist die Frage unbeantwortet. Aber es ist die Kernfrage im Moment. Auf der anderen Seite der Weißeritz auf dem Lederfabrik-Gelände, wo der Mühlenpark entsteht, da läuft es ganz anders. Da hat die Stadt selber die Sanierung der Fläche übernommen. Warum nicht am Sächsischen Wolf? Meines Erachtens ist das ganze Verfahren sehr fraglich. Eigentlich müssten wir das Grundstück sanieren und neu ausschreiben.

Was wünschen Sie sich denn für Freitals Stadtzentrum?

Ich hätte gerne eine städtebauliche Entwicklung mit Versammlungsmöglichkeiten für Märkte und kulturelle Events, Arbeitsplätzen, Einkaufsläden, Gaststätten, Cafés, ein Hotel, Wohnungen und alles mit kurzen Wegen, wo zwangsläufig Begegnung entsteht. Natürlich muss das im Einklang mit dem Investor passieren. Er muss auch Möglichkeiten haben, eine Rendite zu erwirtschaften. Die beiden Dinge muss man zusammenbringen. Das geht aber, davon bin ich überzeugt, denn andere Städte machen das vor. Das müssen wir uns als Feitaler wert sein, das sollten wir uns auch etwas kosten lassen.

Wie bewerten Sie die Pläne bisher?

Eins der Probleme ist: Was jetzt zur Diskussion steht, ist ein klassisches Einkaufszentrum mit Parkplatz, wo es darum geht, schnell hinzukommen, reingehen, kaufen, wieder weg. Das ist kein Verweilplatz. Wir brauchen aber eine Verweildauer. Und eine zwangsläufige Begegnung. Das haben die Römer schon alles gewusst. Wir brauchen nur zu gucken, wie die das gemacht haben.

Es gibt nur eine Chance für die Bebauung des Stadtzentrums ...

Richtig. Und die muss sitzen. Deshalb ist es mir ja so wichtig, dass man sich die Zeit dafür nimmt, dass man zumindest städtebaulich nichts verkehrt macht. Dann ist schon eine ganze Menge gewonnen. All diese Dinge habe ich schon mehrfach aus dem Munde des Oberbürgermeisters gehört. Und jetzt dies.

Wie sollte denn Ihrer Meinung nach die Bebauung auf dem Becker-Gelände aussehen?

Ich wünsche mir da eine echte, mehrgeschossige Blockbebauung mit schönen, begrünten Innenhöfen und viel Licht. Das Mühlenviertel hat es vorgemacht. Das finde ich dort wirklich gelungen. Nur in solchen Wohnformen kann eine Durchmischung der Bevölkerung entstehen. Dort lebt und arbeitet Jung und Alt, Familien und Alleinstehende, Selbstständige, Angestellte. Wohnraum für alle Bevölkerungsschichten. Dort entsteht der „Kitt“ der unsere Gesellschaft zusammenhält. Gerade in der jetzigen Zeit ist das außerordentlich wichtig. Ich wiederhole dies gerne immer wieder. Erinnern möchte ich noch an einen behutsamen Umgang mit dem architektonischen Erbe und eine Stadtplanung, die sich an den Traditionen von Freital orientiert. Dann hat man kurze Wege, braucht kein Auto, begegnet seinen Nachbarn – das sind meine Idealvorstellungen für generationsübergreifendes und fortschrittliches Bauen.

Die Frage ist, wie man das hinbekommt?

Das geht alles zu machen. Der Entwurf von RTLL war da schon gut. Der Stadtplatz war angelegt. Dort wären Gaststätten und Cafés zum Zuge gekommen. Da hätte man auch öffentliche Veranstaltungen machen können. Ich spreche jetzt nicht für RTLL, das kann auch ein anderer Investor. Ich sage nur, das wäre alles möglich. Und ich gehe noch ein Stückchen weiter. Wenn der Investor zu wenig Rendite machen kann mit unseren optimalen städtebaulichen Wünschen, dann muss die Stadt helfen, indem sie einen Teil anmietet. Das ist es mir wert, zum Beispiel für eine Kleinkunstbühne. Die hätte ich ganz gerne da. Nicht im Kulturhaus oder im BC, sondern dort muss die hin, ins Zentrum.

Aber dann müssen die Leute auch hingehen ...

Ja, Freitaler sollten da als erstes angesprochen sein. Das ist der Punkt. Da braucht es Begegnungsräume, die wir schaffen müssen und natürlich unsere ganz normalen Bedürfnisse befriedigen – Essen, Trinken, Schmausen ... Gucken Sie sich an, wer vormittags in Dresden in der Altmarktgalerie sitzt, das sind keine Touristen. So muss das hier auch sein. Da muss man auch immer wieder dafür werben: Leute, bleibt hier in Freital, trefft euch, lebt hier, seid stolz auf eure Stadt. Gebt das Geld hier aus. Aber dafür braucht es natürlich auch die Möglichkeiten.

Wird es denn in Zukunft überhaupt noch Einzelhandel geben?

Ich denke schon. Und der Trend mit Einkaufen im Internet kann sich auch mal wieder umkehren. Das Problem von Freital ist ja nicht nur die Internetkonkurrenz, sondern auch Dresden. Und da sage ich den Leuten immer wieder: Ihr müsst wenigstens in Freital erst einmal nachschauen, ob ihr das bekommt, was ihr sucht. Das müssen wir zumindest mal überlegen – geht das auch hier?

Was erzeugt denn Publikumsverkehr?

Ich weiß es auch nicht, da beschäftigen sich ganze Handelsverbände mit. Ich würde damit anfangen Rücksendungen zu erschweren, aber das können wir nicht entscheiden. Wir können nur immer wieder darauf hinweisen: Leute, kauft hier ein, stärkt den Handel vor eurer Haustür. Man könnte auch den Stadtplatz entsprechend möblieren und überdachen mit Sonnensegeln, die man öffnen und schließen kann. Eine Bühne, die bei Bedarf herausgefahren werden kann, so ein bisschen was Modernes, was zeigt: Mensch, die sind fit in Freital.

Kann die Architektur helfen, das Stadtzentrum für die Freitaler attraktiv zu machen? Braucht es einen Hingucker?

Mithilfe der Stadt sollten wir den Investor dazu bewegen, dort etwas Markantes, ein architektonisches Highlight zu platzieren. Mit Wow-Effekt, Freital kann was! Ein gutes Beispiel für eine überaus gelungene Sanierung ist auch das City-Center. Das hat die WGF sehr gut gemacht, ein echtes Juwel ist entstanden. 

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