merken
PLUS Leben und Stil

Lydias Kampf zurück ins Leben

Seit einem Motorradunfall spürt Lydia Groß ab Brusthöhe ihren Körper nicht mehr. Trotz Rückschlägen gibt die Dresdnerin nicht auf. Und sie hat einen großen Traum.

Durchatmen im Grünen: Lydia Groß im Park am Bonhoefferplatz in ihrem Dresdner Wohnviertel.
Durchatmen im Grünen: Lydia Groß im Park am Bonhoefferplatz in ihrem Dresdner Wohnviertel. © Jürgen Lösel

Es war ein schöner Sonntagnachmittag, als Lydia Groß zu ihrem Freund Robert aufs Motorrad stieg. Von Radeberg sollte es in Richtung Sächsische Schweiz gehen. „Wir wollten das Wetter genießen, Kaffee trinken, Zeit zusammen verbringen“, erzählt die 32-Jährige. Nur wenige Monate waren die beiden da ein Paar, die Leidenschaft fürs Motorradfahren verband sie von Anfang an. An jenem 7. April 2019 wählten sie eine Strecke, die sie schon oft gefahren waren. Kurz vor einer Kurve passierte es dann: Der Pkw-Fahrer vor ihnen habe unvermittelt abgebremst. Das Motorrad sei beim Versuch anzuhalten ins Schleudern geraten und von der Straße auf ein Feld gerutscht. Lydia Groß erinnert sich noch, dass es holperte, dann wurde sie von der Maschine geschleudert. Ab da war es still.

Anzeige
Neißegrundschule: Tag der offenen Tür
Neißegrundschule: Tag der offenen Tür

Wie vielfältig der Schulalltag und die verankerte Gesundheits- und Lebensphilosophie nach Sebastian Kneipp ist, erleben Sie in der Neißegrundschule Görlitz.

Als sie wieder zu sich kam, spürte sie sofort, dass etwas mit ihren Beinen nicht stimmt. Ihr Freund Robert, der ein paar Meter entfernt aufgekommen war, versuchte noch, zu ihr herüberzurobben. Doch auch er war schwer verletzt. Mit Rettungshelikoptern wurden sie in verschiedene Krankenhäuser nach Dresden geflogen. Danach sollte nichts mehr so sein wie es mal war.

Für Motorradfahrer ist das Risiko besonders hoch

2,7 Millionen Verkehrsunfälle gab es 2019 deutschlandweit. Dabei kamen 3.046 Menschen ums Leben. Für Motorradfahrer ist das Risiko auf der Straße besonders hoch. 633 Unfälle mit Beteiligung von Motorzweirädern zählte die Polizei – dabei starben 542 Motorradfahrer. Lydia Groß lag zwei Wochen lang auf der Intensivstation. Zwei Wochen, in denen es für sie ums Überleben ging. „Die Ärzte meinten, dass es ganz schön knapp war“, sagt sie. Ihr Rückenmark war bei dem Unfall in Höhe des fünften Brustwirbels durchtrennt worden. Mehrere Rippen waren gebrochen, zwei hatten sich in die Lunge gebohrt. „Ich konnte vom Brustkorb abwärts nichts mehr spüren“, sagt die gebürtige Erzgebirgerin. „Und daran wird sich auch nie wieder etwas ändern.“ Ob die Schäden nach solchen Verletzungen dauerhaft bleiben, zeigen in der Regel die ersten zwei, drei Monate. Bei Lydia Groß tat sich nichts. Es war die Zeit, in der sie nur langsam begriff, dass sie künftig immer auf den Rollstuhl angewiesen sein wird. Den Lebensmut hat sie deshalb nicht verloren.

Heute rollt Lydia Groß durch ihre neue Wohnung in Dresden, die sie sich mit ihrem Freund Robert teilt. Ein Glücksfall. Das Haus und die Räume sind barrierefrei – es gibt Schiebetüren, die Durchgänge sind etwas breiter als normal, Küchen- und Badmöbel unterfahrbar. Das war ihr wichtig, damit sie sich allein darin bewegen kann. Trotz der körperlichen Behinderung sich selbst versorgen zu können, auf niemanden angewiesen sein zu müssen, das ist der größte Wunsch der jungen Frau.

Sie holt Gläser und eine Flasche Wasser, während sie erzählt, dass sie gerade das erste Mal wieder allein Muffins gebacken habe. Vor wenigen Monaten sei das noch undenkbar gewesen. Jeden Tag arbeite sie weiter daran, den Körper koordinieren zu lernen. Das Anziehen dauere jetzt nur noch 20 Minuten. Und den Geschirrspüler auszuräumen funktioniere auch schon recht gut. Anfangs musste sie aufpassen, dass sie dabei nicht aus dem Rollstuhl falle. „Man entwickelt langsam für alles seine Systeme“, sagt Lydia Groß. Sie lächelt viel. Ihr Optimismus ist fast ansteckend. Dabei lässt sich kaum erahnen, wie viel Kraft es die studierte Biotechnologin gekostet haben muss, sich zurückzukämpfen – in ein anderes Leben. „Wenn ich früher einen Rollstuhlfahrer gesehen habe, war mein Gedanke: Okay, er kann nur nicht laufen. Was aber wirklich dahintersteckt, begreife ich erst jetzt“, sagt sie. Das fange schon mit dem menschlichsten aller Bedürfnisse an.

Mit dem Rollstuhl über Kopfsteinpflaster ist eine Herausforderung: Lydia Groß und Ergotherapeutin Franziska Worseg beim Alltagstraining.
Mit dem Rollstuhl über Kopfsteinpflaster ist eine Herausforderung: Lydia Groß und Ergotherapeutin Franziska Worseg beim Alltagstraining. © Jürgen Lösel

Der Weg begann für die einst begeisterte Sportlerin bereits im Krankenhaus. Als sie auf die Normalstation verlegt wurde, bekam sie sofort Physio- und Ergotherapie. „Ich musste ganz von vorn anfangen. Ich konnte ja nichts mehr“, erinnert sie sich. Atmen, essen, trinken, sitzen. Was so normal ist, war für Lydia Groß jedes Mal eine Herausforderung. Zu schwach sei sie gewesen, um überhaupt eine Gabel zu halten. Mehrere Wochen habe es gedauert, bis sie fünf Minuten am Bettrand sitzen konnte, ohne, dass ihr übel wurde und sie umzukippen drohte. Sie, die ihr Leben immer selbstständig gemeistert hatte, war auf einmal rundum auf Pflege angewiesen. Diese Hilfe anzunehmen, musste sie erst lernen.

Ihren Freund Robert habe sie in der gesamten Zeit nicht sehen können, erzählt Groß. Er lag nach dem Unfall selbst sechs Wochen im Krankenhaus, nur telefonieren war möglich, wenn die Kraft es zuließ. Ende Mai überraschte er sie, saß plötzlich im Rollstuhl in ihrem Krankenzimmer, mit Halskrause und Korsett. „Es war ein überwältigendes Gefühl, ihn nach dem Unfall endlich wieder in den Arm nehmen zu können“, erinnert sich Lydia Groß. An ihrer Seite waren in dieser schweren Zeit ihre Eltern und ihre Schwester. „Sie waren meine große Stütze, ich habe ja zu spüren bekommen, was alles nicht mehr geht.“

Vom Krankenhaus ging es in die Reha-Klinik nach Kreischa. Rund ein halbes Jahr verbrachte Lydia Groß dort und lernte ihren Körper neu kennen. Der Therapieplan war durchgetaktet. „Es gab Anzieh- und Rollstuhltraining oder Gruppensport mit Ball“, zählt sie auf. „Bogenschießen sitzend im Rollstuhl stand auch auf dem Plan, um Koordination und die Rumpfstabilität zu schulen.“ Besonders wichtig sei es gewesen, die Kraft in den Armen zu stärken.

Die Bürokratie macht die Rückkehr ins Leben schwer

Gemeinsam mit den Therapeuten ging es dann erstmals in die „reale“ Welt. Ausflüge nach Dresden ließen Lydia Groß erahnen, was auf sie zukommen wird. „Man macht sich als gesunder Mensch gar keine Vorstellung, welche Hürden es für Rollstuhlfahrer gibt“, sagt sie. Wechselnde Untergründe auf den Gehwegen, große Rillen im Kopfsteinpflaster, hohe Bordsteinkanten, Straßenränder mit abgesenktem Rand, die jedoch von Autos zugeparkt sind. Wie sie mit solchen Risiken besser umgehen kann, lernt Lydia Groß noch immer.

Wöchentlich trifft sie sich mit ihrer Ergotherapeutin Franziska Worseg zum Alltagstraining. Ein Straßenwechsel wird dabei zur großen Aufgabe. Unterkriegen lässt sie sich trotz kleiner Rückschläge nicht. „Es ist toll, mit welchem Optimismus Lydia das Ganze meistert. So viel Kraft hat nicht jeder“, sagt die Therapeutin. „Man muss es sich so vorstellen: Jedes Segment der Wirbelsäule erfüllt bestimmte Aufgaben. Die Verletzungen führen zu Ausfällen, die mit den noch vorhandenen Muskeln kompensiert werden sollen.“ Dafür brauche man ein ganz neues Körpergefühl. Lydia Groß arbeitet hart daran – aus gutem Grund. „Mir geht es darum, Sicherheit zu gewinnen. Ich möchte ja irgendwann wieder allein vor die Tür.“

Auch das Ziel, bald in ihren Job zurückzukehren, sporne sie an. Ginge es nach ihr, würde sie am liebsten noch in diesem Jahr anfangen. Zwar könne sie als Projektingenieurin auch im Homeoffice tätig sein. „Aber die soziale Komponente, der Austausch mit den Kollegen, fehlt mir sehr“, sagt sie. Der Antrag auf Teilhabe am Arbeitsleben bei der Deutschen Rentenversicherung ist bereits gestellt. Ihr Arbeitgeber habe von Anfang an signalisiert, dass sie willkommen ist. Nun sind Auflagen zu erfüllen – behindertengerechte Zugänge, Sanitäranlagen, Schließsysteme. Erste Angebote für den Umbau seien schon eingeholt.

Überhaupt die Bürokratie – kaum ein anderes Thema bringt Lydia Groß so in Rage. Zwei Tage in der Woche verbringt sie am Telefon oder am Laptop, beliest sich, streitet mit der Krankenkasse um Zuzahlungen für besondere Trainingsgeräte, telefoniert Behörden hinterher. Zwischenzeitlich hat sie Hilfe bei einem Reha-Dienst gefunden, der sie bei der Beantragung von Hilfsmitteln unterstützt. Ein großer Traum sei es, selbst wieder Auto zu fahren. Speziell umgebaute Pkw mit einer Handsteuerung habe sie sich bereits angesehen und sogar Probe gefahren. Sie weiß aber auch, dass es noch ein langer Weg bis dahin ist.

Allein auf den Schwerbehindertenausweis musste Lydia Groß ganze sechs Monate warten. Der war aber nötig, um weitere Leistungen zu beantragen, den Behindertenparkausweis zum Beispiel. „Ich habe mit Engelszungen geredet, ob ich ein vorübergehendes Dokument erhalten könnte. Aber ich habe beim Sozialamt überhaupt keine Hilfsbereitschaft gespürt“, sagt Groß. Sogar mit der Bürgerbeauftragten vom Landesministerium für Soziales habe sie geredet. Ohne Ergebnis. „Wenn wir unterwegs waren, war es jedes Mal eine Odyssee.“ Auf Supermarkt-Parkplätzen habe sie unnötig weite Strecken im Rollstuhl zurücklegen müssen. Auch von einem Ausflug zum Weihnachtsmarkt erzählt die junge Frau. „Ich kam dann schon erschöpft dort an, weil wir das Auto Hunderte Meter entfernt abstellen mussten.“

„Ich wurde sogar gefragt, ob ich Robert die Schuld gebe"

Solche Rückschläge tun weh, machen aber auch stark, sagt Lydia Groß. Natürlich erlebe auch sie Tage, an denen sie sich verkriechen möchte, an denen ihr einfach die Kraft fehle, draußen einen Kaffee zu trinken. Dabei seien es gerade diese kleinen Dinge, die ihr so wertvoll geworden sind. „Mit meinem Freund ein Eis essen gehen, das ist ein unbezahlbarer Moment für mich“, sagt sie. Der 37-Jährige helfe ihr, wo er kann. Dass ihre Beziehung den Schicksalsschlag überlebt habe, verstehe im Übrigen nicht jeder. „Ich wurde sogar gefragt, ob ich Robert die Schuld gebe. Natürlich nicht.“ Auch die Polizei habe untersucht, was die Ursache für den Unfall gewesen sein könnte. Am Ende habe sich nicht rekonstruieren lassen, was genau passiert ist.

„Wir waren im Gegensatz zu manch anderen Motorradfans immer vorsichtig unterwegs“, sagt Groß. In der Reha habe sie so manchen Raser getroffen, der damit auch noch geprahlt habe. „Die konnten nach Hause laufen, ich musste aus der Klinik herausrollen“, sagt Groß. An solchen Gedanken halte sie sich aber nicht lange auf. „Ich sehe es positiv: Robert und ich können unser Leben gemeinsam verbringen.“ Auch er hat bleibende und irreparable Schäden an Wirbelsäule und Fuß. Er sitzt zwar nicht im Rollstuhl, aber schaue man genau hin, sei ihm der Unfall anzumerken, sagt Groß.

Auf ein Motorrad steigen wollen beide nicht mehr. Vielmehr träumen sie von einem Urlaub am Meer. „Auch wenn das Reisen im Flugzeug mit Mehraufwand verbunden ist, ich will herausfinden, was alles möglich ist“, sagt die junge Frau. Auch ein eigenes, barrierefreies Haus zu bauen, können sich beide gut vorstellen. Doch dafür ein Grundstück in Stadtnähe zu finden, sei nahezu unmöglich. „Aber wir suchen weiter“, sagt Groß. Und da ist er wieder, ihr Optimismus und Kampfgeist. Sie spürt: „Das Leben ist auch im Rollstuhl lebenswert.“

Mehr zum Thema Leben und Stil