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Lernen aus der Krise: Sieben Ideen für die Zukunft

Corona macht Angst, verunsichert, bedroht Existenzen. Doch diese Zeit lässt uns die Welt auch neu sehen. Was können wir aus der Krise lernen?

© Dorina Tessmann

Waschlappen? Ein heftiger Streit entbrannte kürzlich auf Facebook, ausgelöst durch die Idee, die derzeitige Situation für die Suche nach umweltschonenden Alternativen zu etwas bisher Alternativlosem zu nutzen: Klopapier. Der Möglichkeiten gäbe es einige: Dusche, Po-Spülung – oder eben nasser Waschlappen. Die Abwehrreaktion der Diskutierenden bei diesem Thema kann man gut und gern symbolisch verstehen: Corona fordert uns heraus wie lange nichts mehr. Die Situation zwingt fast alle Menschen, ihre Gewohnheiten zu überdenken, Gelerntes aufzugeben und Überzeugungen aufzubrechen. Vieles von dem, was wir derzeit einfach tun, war noch vor Wochen undenkbar.

Damit ist die Corona-Krise bei allen Herausforderungen und Problemen vielleicht sogar eine der größten Chancen seit Langem, unser Leben vielleicht ein bisschen zu ändern.

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und sich nicht im Paragrafendschungel zurechtfindet, ist schnell arm dran. Tipps und Tricks rund um Geld, Sparen und juristische Fallstricke gibt es hier zu finden.

Ohne Freiheit ist alles nichts

© Dorina Tessmann

Der Kampf ums Klopapier führt uns direkt in die Geschichte der Staatslehre: „Homo homini lupus est“ – der Mensch ist dem Menschen ein Wolf. Mit diesem lateinischen Zitat begründete der englische Philosoph Thomas Hobbes im 17. Jahrhundert, warum die Menschheit, obwohl von Natur aus vernunftbegabt, einen mächtigen Staat braucht, um Bürgerkrieg und Chaos zu verhindern. In der Corona-Krise des 21. Jahrhunderts wird dieser Klassiker der politischen Ideengeschichte wie im Lehrbuch bestätigt.

Es scheint paradox: Laut Umfragen finden gut 90 Prozent der Deutschen die drastischen Ausgangsverbote richtig. Würden sich all diese Vernünftigen einfach freiwillig an den Rat halten, zu Hause zu bleiben, bräuchte es gar kein Verbot.

Plötzlich ist er wieder da: der Staat. Herrschaft, Macht, Gewaltmonopol – es sind verstaubte Begriffe aus vergilbten Büchern, die auch im glitzernden Zeitalter von Facebook und selbstfahrenden Elektroautos nichts an Gültigkeit verloren haben. Von heute auf morgen wird unser aller Alltag massiv von „Allgemeinverfügungen“ und „Rechtsverordnungen“ eingeschränkt.

Nach dem Zusammenbruch der sozialistischen Systeme war alles Staatliche erst mal verpönt. Regulierung, Zwang, Verbote - so was passte nicht in eine Spaßgesellschaft mit scheinbar unbegrenzten Möglichkeiten. Das Leben wurde „entstaatlicht“ und „liberalisiert“. Es klang, als müsste man mal gut durchlüften. Doch die Natur des Menschen hat sich seit Thomas Hobbes nicht verändert. Im Angesicht des Virus wächst die Sehnsucht nach dem Staat – nach dem schützenden Polizeistaat ebenso wie nach dem helfenden Sozialstaat.

Durch Corona lernen die Menschen den Staat wieder zu schätzen und zugleich zu fürchten: Es ist schwindelerregend, mit welcher Wucht die weltweite Wirtschaft und das Privatleben von Millionen Menschen in die Zange genommen werden. Auch an dieses uralte Prinzip der Demokratie wird man sich in Zukunft wieder neu erinnern: Damit der Staat nicht übermächtig wird, braucht es Kontrolle und Gewaltenteilung. Wer bislang über die „liberale Demokratie“ die Nase gerümpft hat, nun aber nicht mal mehr in der Sächsischen Schweiz wandern oder gar zu einer Demonstration gehen darf, lernt den Wert bürgerlicher Freiheiten wieder kennen. „Sehnsucht nach Freiheit entsteht nur zu oft erst aus dem Gefühle des Mangels derselben“, schrieb Wilhelm von Humboldt anno 1792. Bei Twitter würde er mit dem Satz heute ins Schwarze treffen.

Corona bringt viele wirtschaftliche und soziale Unsicherheiten und Gefahren für die Zukunft mit sich. Aber es bietet auch eine Chance, über die ewige Spannung zwischen Freiheit und Sicherheit noch einmal neu nachzudenken und sie fürs 21. Jahrhundert zu justieren, losgelöst von ideologischen Rechts-Links-Feindbildern des vorigen Jahrhunderts. Ein starker, handlungsfähiger Staat kann viel Gutes bewirken. Aber ohne Freiheit ist alles nichts. Das sind die Weisheiten aus den Zeiten von Hobbes und Humboldt. Offenbar brauchte es eine Pandemie, damit die Menschheit sie wieder begreift. Marcus Thielking

Feind: Verschieberitis

© Dorina Tessmann

Um ehrlich zu sein: Begeistert war ich nicht. Von daheim arbeiten, das habe ich nie gemocht. Doch seit knapp vier Wochen bleibt mir keine Wahl. Ich bin Teil des Großexperiments „Homeoffice in der Corona-Krise“. Am 17. März habe ich im heimischen Wohnzimmer meine Büro-Nische bezogen. Tisch an die Wand, Stuhl davor, Computer drauf, fertig. Einen anderen Raum, in den ich mich zurückziehen könnte, gibt es in unserer Mietwohnung nicht.

Homeoffice. Wie entspannt das klingt. Nach lichtdurchflutetem Wintergarten, frisch gebrühtem Kaffee, dem sanften Surren des Notebooklüfters… Die Realität ist geräuschvoller, und alle paar Minuten zupft mich jemand am Arm. Meist mein Jüngster, der eine Armlänge von mir entfernt auf dem Sofa hockt und Lego-Prospekte durchblättert. „Den wünsche ich mir zum Geburtstag“, sagt er und zeigt auf einen giftgrünen Ninjago-Helden. Ich nicke, bitte ihn, eine Weile in seinem Zimmer zu spielen und wende mich wieder dem Bildschirm zu. Keine Reaktion. „Mir is‘ langweilig“, mault er. Auch in der anderen Ecke des Wohnzimmers herrscht Krisenstimmung. Meine achtjährige Tochter grübelt über einer Kombinatorik-Aufgabe. Erklärungsversuche unterbricht sie mit einem unwirschen „Ich versteh‘ das nicht!“ und wirft ihren Stift weg. Was für ein Segen, dass zumindest ihre ältere Schwester geduldig über ihren Arbeitsblättern sitzt.

Trotz des Spagats zwischen Hilfslehrer- und Angestelltendasein bin ich dankbar, überhaupt arbeiten zu können. Andere Berufsgruppen hätten dieses Homeoffice-Privileg auch gern. Meine Frau etwa verlässt nach wie vor jeden Tag das Haus. Sie arbeitet in einem Kinderheim, ist also systemrelevant. Dagegen kann ich meine Tätigkeit ohne größere Reibungsverluste ins Netz verlagern. Werkzeuge und Ressourcen, die ich für meinen Job brauche, befinden sich auf meinem Rechner oder in Datenwolken.

„Nie war es sinnvoller und notwendiger, sich digital zu organisieren, als jetzt“, schreibt der Effizienz-Coach Jürgen Kurz in seinem kürzlich erschienenen E-Book „So geht Homeoffice heute“. Tatsächlich zeigt die Pandemie, wie schnell sich die Arbeitswelt umkrempeln lässt, wenn Präsenzpflichten wegfallen. Egal, ob Videokonferenz mit Zoom, verteiltes Arbeiten mit Slack oder Fernzugriff per VPN-Tunnel: Wir installieren, konfigurieren und stellen dabei fest, dass vieles gar nicht so schwierig ist wie gedacht. Sorgen wegen Datenschutzmängeln wischen die meisten von uns beiseite. Was uns noch stoppen könnte, ist allenfalls lahmes Internet. Oder fehlendes. Verwandte von mir erleben es gerade leidvoll: Obwohl sie im Herbst 2019 umgezogen sind und damals beantragt haben, warten sie immer noch auf einen Telekom-Anschluss. Der Familienvater behilft sich derweil, indem er sein Smartphone zum mobilen Hotspot macht, um arbeitsfähig zu bleiben.

Improvisieren ist das Gebot der Stunde. Das gilt auch für die Organisation des Arbeitstags. Meiner wird bisweilen arg zerstückelt, manchmal durch bizarre Episoden. Neulich rief meine Frau an und berichtete, ihr Kollege habe gerade im Lidl Klopapier gekauft. Ich bin sofort los und habe tatsächlich die drittletzte Packung ergattert. Anderntags beschleicht mich das Gefühl, ich müsse erst Wäsche aufhängen, den Geschirrspüler einräumen oder mit meinem Jüngsten im Hinterhof 20 Minuten Fußball bolzen, um das familiäre Chaos abzuwenden. Später reut mich diese Verschieberitis, und ich arbeite am Abend umso länger. Schließlich möchte ich das Vertrauen meines Arbeitgebers rechtfertigen.

Was ich relativ sicher sagen kann, ist: Seit Mitte März habe ich eher mehr gearbeitet als zu wenig. Freunde, die in anderen Branchen ihr Geld verdienen, kommen zum gleichen Fazit. Ich tröste mich damit, dass ich auch Zeit geschenkt kriege. Weil der Weg in die Innenstadt und zurück wegfällt, gewinne ich jeden Tag eine knappe Stunde.

Trotzdem merke ich, wie ich immer wieder an meine Grenzen stoße. Als ich das einem meiner Vorgesetzten schrieb, antwortete der: „Wir haben uns vorgenommen, jetzt nicht gleichzeitig perfekte Eltern, perfekte Heimarbeiter und auch noch perfekte Lehrer sein zu wollen.“ Diesen Satz habe ich mir gedanklich eingerahmt. Nun sehne ich das Ende des Homeoffice-Experiments herbei. Der Soziologe Philipp Staab sagte vergangene Woche in einem Spiegel-Interview, die meisten Angestellten würden froh sein, wenn sie wieder in ihre Büros dürfen. Stimmt schon: Auch feste Arbeitszeiten, nicht-virtuelle Meetings und Smalltalk auf dem Büroflur haben ihren Charme. Jetzt ist zumindest der Beweis erbracht, dass Homeoffice nicht nur für eine Minderheit funktionieren kann. Ich für meinen Teil würde mir gern die Freiheit erhalten, in der Post-Corona-Ära bei Bedarf von zuhause zu arbeiten. Wenn im Herbst alle drei Kinder in der Schule sind, muss die Ruhe in der Wohnung himmlisch sein. Andreas Rentsch

Schluss mit dem Bulimie-Lernen

© Dorina Tessmann

Meine Tochter möchte Klamotten schneidern. Sie erstellt nun Stoffmuster. Außerdem will sie wissen, wie Menschen sich vor 200 Jahren kleideten. Wir leihen dazu Bücher im Online-System der Bibliothek. Zeit haben wir jetzt ja. Mein Kind ist in der ersten Klasse, und die heftigste Erkenntnis des ersten halben Schuljahres war, wie wenig Zeit nur noch fürs Leben bleibt. Regelmäßig war sie abends bitter enttäuscht, weil sie schlafen gehen sollte, bevor sie ihre Bastelprojekte beendet hatte. Wenn sie überhaupt Kraft zum Basteln hatte: Meist war sie von der Schule zu erschöpft, um noch etwas Produktives hervorzubringen. Deshalb wundert es mich nicht, dass sie jetzt mit der Nähsache kommt. Corona gibt uns den Raum.

Pflichtbewusst erledigen wir die Aufgaben, die meine Tochter von ihrer Lehrerin bekommen hat. Zum Glück hält sich das im ersten Schuljahr in Grenzen. Andere Schülerinnen und Schüler höherer Stufen ächzen unter dem Pensum, das sie in dieser Zeit erledigen müssen. Eltern verzweifeln, kapitulieren, streiten sich mit ihren Kindern. Dass es einen Brief des Kultusministers brauchte, der Mütter und Väter davon freisprach, jetzt einen auf Lehrer zu machen, ist bezeichnend. Wir alle haben das Pflichtgefühl gegenüber der Lerneinrichtung Schule so verinnerlicht, dass es vielen schwerfällt, zu vertrauen, dass unsere Kinder am besten lernen, wenn sie es aus einem inneren Antrieb heraus tun. Außerdem haben viele eine völlig irrationale Angst vor digitalen Medien. Dabei können diese den Spaß am Lernen enorm erhöhen.

Mal ehrlich: Wer von Ihnen kann noch eine Funktionsgleichung lösen? Wer das Periodensystem aufsagen? Dativ, Genitiv, wie war das? Schulwissen ist flüchtiges Wissen. Studien zufolge behalten Kinder maximal 20 Prozent dessen, was sie im Unterricht gelernt haben. Gleichzeitig ist bewiesen, dass im Kopf bleibt, was durch eigenes Interesse angeeignet und praktisch erfahren wurde. Seit vielen Jahrzehnten gibt es Schulen, die eben diese Erkenntnisse in moderne Unterrichtsformen überführen. Doch das Gros unserer Kinder lernt noch immer im Bulimie-Modus: Rein mit dem Wissen, raus für die Prüfung – weg ist es. Und damit die Freude an Schule.

Dabei haben alle Kinder einen unglaublichen Lernwillen, eine unendliche Neugier und das perfekte Konzentrationsvermögen, solange es sie wirklich interessiert. Ich bin immer wieder beeindruckt, dass meine Kinder mich einfach nicht hören, wenn sie in etwas wirklich vertieft sind.

Dies ist die einmalige Chance, zu schauen, was und vor allem wie Kinder lernen, wenn sie nicht im Unterricht sitzen. Viele Eltern erleben jetzt Kinder, die ihnen Löcher in den Bauch fragen, die ihr Taschengeld berechnen, Pappraketen bauen und bergeweise Fantasy-Bücher lesen. Die Filme schneiden, Pflanzen sezieren und Englisch lernen, indem sie Youtube-Videos schauen. Die ihren kleinen Geschwistern Schreiben beibringen oder von ihren großen perspektivisches Zeichnen lernen. Sie erleben Kinder, die all das freiwillig tun, die aber eins vermissen: ihre Freunde.

Schule ist ein großartiger Raum für soziale Begegnung. Sie ist zumindest (und leider oft nur) in der Theorie eine geniale Erfindung, um allen die gleiche Chance zu geben, unabhängig von der sozialen Herkunft der Eltern. Für viele Kinder aus problematischen Familien ist Schule auch eine Zuflucht vor der Gewalt zu Hause.

Doch wie wäre es, wenn wir aus dieser schulfreien Zeit mitnehmen, dass Lernen ganz anders gehen kann? Wenn wir Kindern öfter mal zutrauen, dass sie schon das Richtige lernen wollen – und dass dafür alle Medien taugen? Viele Studien erklären, wie selbstbestimmtes Lernen auch in der Regelschule funktionieren kann. Es kostet etwas Kraft, diese Ideen umzusetzen, aber das ist es Wert – damit Kinder nicht nur in Pandemie-Zeiten wieder Lust auf Lernen haben. Johanna Lemke

Stützen der Gesellschaft

© Dorina Tessmann

Ella ist jetzt zu Hause. Kurzarbeit null. Dabei warten alte Menschen auf sie. Ella ist Ergotherapeutin. Sie besucht normalerweise Bewohner in Dresdner Altenheimen, unterhält sich mit ihnen, spielt mit ihnen und fordert sie zum Denken und zur Bewegung heraus. Das ist ihr Beruf. Doch jetzt darf sie keine Altenheime betreten. Ansteckungsgefahr. In manchen Heimen ist das Coronavirus festgestellt worden, bei Patienten und Pflegern. Die Arbeit ist also nicht nur belastend, sie kann auch gefährlich sein.

Alten- und Krankenpfleger gehören zu den systemrelevanten Berufen, dieses Wort hat sich mit Corona ausgebreitet. Sie gehören also zu den wichtigsten Berufen – und zu den häufigsten. 800.000 Menschen in Deutschland arbeiten in der Autoindustrie, aber eine Million in der Pflege. Viel Lob und Dankesworte haben die Pfleger in den vergangenen Tagen zu hören bekommen, mancherorts wird abends vom Balkon symbolisch für sie applaudiert. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn dankte den Pflegern als „Stützen der Gesellschaft“. Sachsens Sozialministerin Petra Köpping sagte, alle in der Medizin hätten derzeit den „schwersten und wichtigsten Job“. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder kündigte 500 Euro einmaligen Bonus für das Pflegepersonal an, die Gewerkschaft Verdi setzte per Tarifvertrag mit einem Pflegeverband 1.500 Euro Prämie für einen Teil der Unternehmen durch.

Krankenschwestern sind beliebt, Altenpflegerinnen werden viel gelobt. Ellas Freundin Ulrike (beide Namen geändert) ist Arzthelferin, sie hat gerade eine Gehaltserhöhung bekommen. Über Geld sprechen Ella und Ulrike jedoch selten. Beide müssen mit Teilzeitgehältern auskommen.

Wird sich nach der Corona-Krise der Stellenwert der Pflegeberufe ändern, werden die Fachkräfte und Helfer mehr Gehalt bekommen? Vor allem Altenpfleger gelten als schlecht bezahlt. Im Gesundheitswesen hält sich hartnäckig eine Hierarchie. Fachkräfte in der Krankenpflege bekommen immerhin im Mittel 3.415 Euro brutto im Monat, notiert das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung für Dezember 2018. Doch das ist die Zahl für Deutschland insgesamt. In Sachsen gibt es fast 400 Euro weniger pro Monat. Fachkräfte in der Altenpflege rangieren in der Hierarchie anscheinend weiter unten als die im Krankenhaus. Sie bekommen im deutschen Mittel 2.877 Euro, in Ostdeutschland 2.515 Euro. Wer nur als „Helfer“ in der Altenpflege eingesetzt wird, muss sich in Ostdeutschland mit 1.862 Euro im Mittel bescheiden – jeweils bei Vollzeit, doch die gibt es oft nicht. Etwas mehr bekommt der Mann von der Müllabfuhr, der vor wenigen Tagen in der Redaktion der Sächsischen Zeitung anrief und sagte, er halte Prämien für Gesundheitsberufe für ungerecht. Müllabfuhr sei ebenfalls systemrelevant.

Bei den Pflegeberufen ist immerhin eine Fach-Diskussion im Gange, die zu höheren Gehältern führen kann. Eine „Konzertierte Aktion Pflege“ hat Gutachten produziert und Vorschläge gemacht, die nach der Krise hoffentlich umgesetzt werden. Gesundheitsminister Spahn braucht nämlich künftig mehr Pflegekräfte und will, dass Eltern „guten Gewissens ihren Kindern“ solche Berufe empfehlen. Derzeit sind die Verhandlungen über einen Tarifvertrag für die Pflege ausgesetzt – wegen der Corona-Krise. Kommt es zum Tarifvertrag mit höheren Löhnen, wird die Bundesregierung voraussichtlich auch private Heimbetreiber verpflichten, sich daran zu halten. Wichtig wäre eine Chance für die vielen unfreiwilligen Teilzeit-Pflegerinnen, voll zu arbeiten.

Ein Schritt zur Angleichung der Gehälter zwischen Alten- und Krankenpflegern ist gemacht: In diesem Jahr ist die Ausbildung für beide Berufe zusammengelegt worden. Angehende Altenpflegerinnen können also darauf hoffen, wegen des Wettbewerbs um Fachkräfte zu ihren Kolleginnen im Krankenhaus aufzuholen. Dadurch werden Altenheime allerdings teurer. Damit die Pflegeversicherung das bezahlen kann, muss sie zu einer Vollversicherung werden. Das könnte auch Therapeutinnen wie Ella neue Chancen bringen. Georg Moeritz

Einfach mal die Klappe halten

© Dorina Tessmann


Masken aus Rücksichtnahme

© Dorina Tessmann


Helfen auch ohne Krise

© Dorina Tessmann

Dem älteren Herrn von nebenan anbieten, für ihn einkaufen zu gehen. Der Supermarkt-Mitarbeiterin, die Wagen für Wagen immer wieder frisch desinfiziert, ein freundliches „Danke“ zurufen. Oma und Opa einen Brief schicken zu Ostern, weil wir sie nicht besuchen können. All diese kleinen Gesten haben gerade Hochkonjunktur.

Endlich, so scheint es, nehmen wir uns selbst mal ein bisschen zurück. Achten mehr auf andere, versetzen uns in sie hinein und überlegen einmal mehr, ob jemand Hilfe braucht, dem es weniger gut geht. Das alles sind selbstverständliche Tugenden, so scheint es, aber es brauchte offenbar eine Krise wie diese, damit wir sie wieder hervorholen. Und es könnte ein Modell sein für die Zukunft, in der wir uns hoffentlich auch an die guten Seiten von Corona erinnern werden.

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Auch ohne potenziell ansteckende Krankheiten braucht der Nachbar mal ein offenes Ohr. Auch ohne Ausnahmezustand verdienen Dienstleister Respekt. Auch ohne Kontaktsperre freuen sich Oma und Opa über Post. Wenn wir nur einige der jetzt neu gelernten Gewohnheiten beibehalten, wäre viel gewonnen. Johanna Lemke

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