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Machen Kinder arm?

Aus moralischen Grünen stellen viele diese Frage nicht. Doch die konkreten Kosten überraschen – bei aller Hilfe durch den Staat.

Sind die Schuhe schon wieder zu klein?
Sind die Schuhe schon wieder zu klein? © Symbolfoto: 123rf

Angenervt bleibt meine Tochter mitten auf dem Weg stehen. „Die Schuhe drücken“, sagt sie und zieht einen Flunsch. Tatsächlich reibt der große Zeh von innen gegen die Schuhkappe. Ich vermerke auf meiner internen Einkaufsliste: Turnschuhe. Dort stehen schon Jeans und Socken. Die Liste hat zwei Spalten. Wir haben auch einen Sohn. Gute Kinderschuhe sind fast so teuer wie die für Erwachsene. Wir rechnen mit 60 bis 80 Euro. Die werden schon irgendwie mit abfallen.

„Wenn die Kinder einmal da sind, versorgt man sie ganz selbstverständlich mit“, sagt Margit Winkler. Sie ist Chefin des Institutes für Generationenberatung in Bad Nauheim. Die Mitarbeiter haben auch in Sachsen Finanzdienstleister weitergebildet. Margit Winkler ist die richtige Frau für eine Frage, die sich viele aus moralischen Gründen nicht zu stellen erlauben, denn natürlich lieben Eltern ihre Kinder. Sie bereichern das Leben, geben ihm einen Sinn. Dennoch: Machen Kinder arm? Margit Winkler antwortet, ohne zu zögern: „Ja.“

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Nur wenige leisten sich drei Kinder

383.000 Familien gibt es in Sachsen. Die meisten, 202.000, bestehen aus Papa, Mama und einem Kind. 142.000 Paare haben zwei Kinder. Nur etwa jede zehnte Familie leistet sich drei oder mehr Kinder. Sich ein Kind leisten – was das konkret in Zahlen bedeutet, hat das Statistische Bundesamt anhand der Konsumausgaben von Familien analysiert. 2013 gab ein Paar in Ostdeutschland mit einem Kind im Monat durchschnittlich 615 Euro fürs Kind aus. Für zwei Kinder wendeten die Eltern durchschnittlich 1.102 Euro auf, für drei Kinder 1.591 Euro. Alleinerziehende bezahlten mit 578 Euro für ein Kind und 902 Euro für zwei Kinder kaum weniger. Eine aktuellere Auswertung, die die gestiegenen Lebenshaltungskosten berücksichtigt, gibt es nicht.

Doch die Hochrechnung täuscht. Sie enthält nur die laufenden Kosten: Nahrung, Kleidung, Möbel und Freizeitartikel wie Bücher, Fahrradhelme oder Skateboards. Betreuungskosten für Kita oder Hort sind genauso wenig berücksichtigt wie der Nachhilfelehrer oder der Beitrag für den Sportverein. Keine Rolle spielen auch die höheren Ausgaben für Miete, Nebenkosten und Mobilität – Familien brauchen mehr Platz zum Wohnen und schmeißen viel häufiger ihre Waschmaschine an. Ganz zu schweigen von den zusätzlichen Kosten für Urlaube, die für Familien mit Schulkindern per se nur in der Hauptsaison möglich sind. „Ein Flugurlaub mit drei Kindern ist fast nicht machbar“, sagt Margit Winkler. Selbst ein Nachmittag im Kino ist für viele ein Luxus: Eintritt, Popcorn, Limo für vier bis fünf Personen – 50 Euro reichen dafür bei Weitem nicht.

Von der Geburt bis zum Schuleintritt, so die Statistiker in Wiesbaden, zahlen Ostdeutsche durchschnittlich 5.688 Euro pro Jahr für das Kind. Ist der Nachwuchs sechs bis zwölf Jahre alt, sind es 6.816 Euro. Bis der Spross 18 ist, summieren sich die jährlichen Konsumausgaben auf 7.560 Euro. Hochgerechnet zahlen Eltern bis zum 18. Lebensjahr rund 120.000 Euro. Pro Kind.

Förderung könnte mehr sein - oder gerechter

„Die Summe ist realistisch“, sagt Winkler. Aber auch, wenn das Kind die Volljährigkeit erreicht hat, können Papa und Mama nicht die Geldbörse schließen. „Kinder werden immer später erwachsen. Es gibt immer mehr Abiturienten, die anschließend zum Studium gehen“, sagt Margit Winkler. Und die Eltern zahlen weiter. Sie sind bis zum Abschluss der ersten Berufsausbildung unterhaltspflichtig.

Sabine Richter ist ehrenamtliche Beraterin beim Verband der alleinerziehenden Mütter und Väter in Reichenbach im Vogtland. Sie hat an den Konsumzahlen so ihre Zweifel. „Wie soll das denn jemand aufbringen? Von den weniger Verdienenden hat ja keiner so viel Geld“, sagt sie.

Staat und Kommunen tun viel, um Familien zu unterstützen. Das geht mit der Zahlung des Mutterschutzgeldes schon los, bevor das Kind überhaupt geboren ist – und danach munter weiter: 204 Euro Kindergeld pro Kind und Monat, für Einkommensschwache der Kinderzuschlag bis maximal 185 Euro pro Monat und die Möglichkeiten des Bildungs- und Teilhabepaketes, das unter anderem die Teilnahme an Wandertagen und Klassenfahrten fördert. Besserverdienende haben einen Kinderfreibetrag bei der Steuer.

Stark subventionierte Kindergarten- und Hortbetreuung sowie kostenlose Schulbildung in staatlichen Schulen gibt es für alle. Fahren die Kinder später selbst mit Bus und Bahn in die Schule, wird ein Teil des Fahrtgeldes erstattet. „Es gibt das Baukindergeld, später möglicherweise ein BAföG und, wenn es ganz schlimm kommt, eine Halbwaisenrente. Das ist alles sehr hilfreich“, sagt Winkler, die selbst verwitwet ist und drei Kinder hat.

Aber es könnte mehr sein. Oder gerechter, wünscht sich Sabine Richter. Es ärgert sie, dass das Kindergeld als Einkommen angerechnet wird, wenn die Eltern hilfebedürftig sind und Sozialleistungen beziehen. Oder, dass auf Kinderkleidung, Schulbedarf und Spielzeug 19 Prozent Mehrwertsteuer gezahlt werden müssen, auf Hundefutter, Kaffee und Pferde aber nur sieben Prozent. „Das kann doch nicht sein“, sagt sie.

Geburtenraten steigen wieder

Der Alleinerziehenden-Bundesverband fordert schon seit Langem, dass sich das ändern muss. Der Gesellschaft sollte jedes Kind gleich viel wert sein und der Staat jedem Kind, unabhängig vom Einkommen der Eltern, die gleichen Chancen gewähren. Am ehesten würde das über ein existenzsicherndes Grundeinkommen für jedes Kind gelingen, meint Richter. Das sollte dem Grundbedarf entsprechen, den das Bundesverfassungsgericht ermittelt hat: 637 Euro pro Kind und Monat. „Das wäre eine feine, sichere Sache“, sagt sie.

Unbenommen blieben die Einschränkungen, die Eltern neben den direkten Kosten auch auf sich nehmen und die – glaubt man Finanzberaterin Winkler, am Ende viel teurer sind. „Das sind Teilzeitarbeit und Karriereknick der meisten Mütter.“ Die finanziellen Einbußen wirken sich durch eine entsprechend niedrigere Rente bis zum Lebensende aus. Kinderlose können leichter Vermögen aufbauen, sie erleiden keinen Abbruch der Berufslaufbahn, bei ihnen ist alles kalkulierbarer. „Durch die hohe Erbschaftssteuer erbt der Staat aber am Ende mit!“, so Winkler.

Wer sich sein Leben nicht ohne Kind vorstellen kann, lässt sich davon nicht abbringen. Die Geburtenraten steigen wieder: 1,6 Kinder brachten die Sächsinnen 2018 durchschnittlich zur Welt. Nur in Sachsen-Anhalt, Brandenburg und Niedersachsen lagen die Zahlen etwas höher. Dass die meisten Familien trotzdem nur ein Kind haben, dürfte jedoch auch an rationalen Überlegungen liegen.

Tochter und Sohn kosten uns also mindestens 240.000 Euro. Die eine Hälfte unseres Reichtums hat die Schuhe in die Ecke geschmissen und sich ein Eis aus dem Tiefkühlfach geangelt. Wohin es diesen Sommer in den Urlaub geht, will sie wissen. Vielleicht bleiben wir ja mal zu Hause.

Fördermöglichkeiten für Familien finden Sie hier: www.sz-link.de/Leistungen_Familie

Familienkompass 2020:

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  • Was ist der Familienkompass? Der Familienkompass ist eine große sachsenweite Umfrage zur Kinder- und Familienfreundlichkeit im Freistaat. Er ist ein gemeinsames Projekt der Sächsischen Zeitung, der Freien Presse und der Leipziger Volkszeitung in Kooperation mit der Evangelischen Hochschule Dresden.

  • Wann? Die Befragung endet zum Beginn der Sommerferien.

  • Wo? Leser der Sächsischen Zeitung finden den Fragebogen unter www.sächsische.de/familienkompass

  • Warum mitmachen? Mit jedem beantworteten Fragebogen helfen Sie mit, die Familien- und Kinderfreundlichkeit in Ihrer Stadt/Gemeinde zu verbessern. Nach der Auswertung konfrontieren wir Politik und Verwaltung mit den Ergebnissen und berichten in allen Ausgaben detailliert zur Situation in den Kommunen.

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