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Feuilleton

"Macht den 8. Mai zum Feiertag!"

Nur so werden wir der Erinnerung an die befreiende Niederlage von 1945 und den rettenden Zusammenbruch gerecht. Ein Gastbeitrag.

Was der Zweite Weltkrieg aus Dresden machte, davon können sich Besucher ab Samstag wieder ein Bild in der aktuellen Panorama-Ausstellung im Panometer machen. Unser Gastautor findet, der Tag der Befreiung sollte ein Feiertag werden.
Was der Zweite Weltkrieg aus Dresden machte, davon können sich Besucher ab Samstag wieder ein Bild in der aktuellen Panorama-Ausstellung im Panometer machen. Unser Gastautor findet, der Tag der Befreiung sollte ein Feiertag werden. © Jürgen Lösel

Von Martin Sabrow

Der 8. Mai soll ein bundesweiter Feiertag werden: Mit dieser Forderung hat die Auschwitz-Überlebende Esther Bejarano eine Debatte angestoßen und viel Zustimmung geerntet. Tatsächlich begehen viele Länder Europas das Datum des Kriegsendes als Feiertag des Sieges über den deutschen Aggressor. Kein anderes Ereignis der deutschen Zeitgeschichte ist im Rückblick so anhaltend ambivalent betrachtet worden wie der Tag, an dem in Europa die Waffen des Zweiten Weltkriegs verstummten, der im Pazifik erst nach den Atombombenabwürfen von Hiroshima und Nagasaki sein Ende fand. Seine Vieldeutigkeit beginnt schon mit dem Datum. 

In den Niederlanden fällt der „Bevrijdingsag“ auf den 5. Mai, der als gesetzlicher Feiertag an die Befreiung von der deutschen Besatzung erinnert. Russland hingegen feiert den 9. Mai, weil die von den deutschen Befehlshabern des Heeres, der Kriegsmarine und der Luftwaffe unterzeichnete Kapitulation nach Moskauer Zeitrechnung erst in den frühen Stunden des 9. Mai erfolgte. Rechtswirksam wiederum war schon die vorherige Gesamtkapitulation, die Alfred Jodl gegenüber den Westmächten in der Nacht vom 6. auf den 7. Mai 1945 in Reims vereinbarte und die am 8. Mai um 23.01 mitteleuropäischer Zeit in Kraft trat. 

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Über dieser Datierungsunsicherheit wiederum schwebt die rechts- und geschichtswissenschaftlich jahrzehntelang viel erörterte Frage: Bedeutete diese Unterwerfung nur eine militärische oder zugleich auch eine staatsrechtliche Selbstaufgabe, mit der das Deutsche Reich selbst als Rechtssubjekt erlosch? Die „oberste Regierungsgewalt hinsichtlich Deutschlands“ übernahmen die vier Alliierten jedenfalls erst in einer eigenen Berliner Erklärung vom 5. Juni 1945.

Erinnerungsverweigerung der Deutschen

Doch nicht nur Zukunftsverlust kennzeichnete die Erfahrung der totalen Niederlage, sondern ebenso eine schockartige Abkehr von der Vergangenheit, die von den einen willentlich in den Hintergrund gedrängt und von den anderen als ohne eigenes Zutun ausgelöscht empfunden werden konnte. Zahllos sind die Zeugnisse, die in dieser Zeit das eigene Ich aus seinen historischen Bezügen gerissen wähnten und nicht nur gesellschaftlich, sondern auch zeitlich gleichsam atomisiert sahen. 

Dolf Sternberger, ein Urvater der modernen deutschen Politikwissenschaften, brachte im Sommer 1945 zum Ausdruck, wie eigentümlich unkenntlich ihm das Bild des Gewesenen geworden war: „Ich lebe im Augenblick, und weiß nicht, was mich eigentlich zusammenhält. Alle Dinge sind mir unbekannt – die Kraft, zu fassen und zu nennen, wie ausgesogen. Eine Burg steht lange in der blauen Ferne, mit den beiden großen Türmen, die ich ehedem gut kannte, als wir noch Ausflüge machten. Der Anblick zündet, ich bin voll Freude, etwas wiederzuerkennen, aber der Name fällt mir nicht ein, das Gedächtnis ist wie weggeschlagen.“

Die Mehrheit der geschlagenen Deutschen nahm die Abschneidung von Zukunft und Vergangenheit und damit den Sturz in die Zeitlosigkeit aus der Perspektive des erlittenen, aber nicht des zugefügten Verlustes wahr. Die Mitlebenden der „Stunde Null“ verstanden sich als deutsche Opfer; die Opfer der Deutschen befanden sich fast vollständig außerhalb ihrer Sinn- und Wahrnehmungswelt. Diese Perspektive drängte sich umso mehr Besuchern aus dem Ausland auf. Als „Abwehr der Wirklichkeit durch fieberhafte Geschäftigkeit“ deutete die im amerikanischen Exil heimisch gewordene Intellektuelle Hannah Arendt im Jahr 1950 diese Haltung, an der Besinnungsappelle ohnmächtig abprallten.

Zwanzig Jahre später brachten die Psychoanalytiker Alexander und Margarete Mitscherlich diese Erinnerungsverweigerung auf die eingängige Formel einer „vaterlosen Gesellschaft“, die mit Derealisierung auf die traumatisch erfahrene Entwertung des eigenen Ich-Ideals nach dem Erwachen aus dem Rausch der nationalsozialistischen Volksgemeinschaft reagiert habe. 

"Tragischste und fragwürdigste Paradoxie"

Während in der DDR der 8. Mai als „Tag der Befreiung des deutschen Volkes vom Hitlerfaschismus“ in die gesellschaftliche Erinnerung eingeschrieben und von 1950 bis 1966 und einmalig nochmals 1985 zum gesetzlichen Feiertag erklärt wurde, stand die westdeutsche Geschichtskultur dem historischen Jubiläum insgesamt und dem 8. Mai im Besonderen als Gedenktag lange Jahre fremd und distanziert gegenüber. 

Die runden Jahrestage des 20. Juli als Gedenktag des Widerstands gegen den Nationalsozialismus und der Novemberrevolution von 1918 fanden zwar schon in den fünfziger Jahren immerhin öffentliche Würdigung. Arbeitsfreie Feiertage mit historischem Bezug aber bildeten allein der 1. Mai, den schon das NS-Regime zum „nationalen Feiertag des deutschen Volkes“ bestimmt hatte, und seit 1954 auch der 17. Juni als „Tag der Deutschen Einheit“.

In diesen Rang schaffte der 8. Mai es in der Bonner Republik zu keiner Zeit. Als der Parlamentarische Rat auf Konrad Adenauers Drängen das Grundgesetz noch am späten Abend des 8. Mai 1949 beschlossen wissen wollte, tat er dies nicht, um an den 8. Mai 1945 zu erinnern, sondern um das Böse durch das Gute auszulöschen. „Es ist wohl in Wahrheit für uns Deutsche der erste frohe Tag seit dem Jahre 1933“, beendete Adenauer die Sitzung. „Wir wollen von da an rechnen und nicht erst von dem Zusammenbruch an, so schwer die Jahre des Zusammenbruchs auch waren.“ 

Vorher hatte Bundespräsident Theodor Heuss seine Skepsis auch gegenüber einer bloß überformenden Bezugnahme auf den 8. Mai mit dem Zwiespalt begründet, in dem die Erinnerung an das Kriegsende gefangen blieb: „Im Grund genommen bleibt dieser 8. Mai 1945 die tragischste und fragwürdigste Paradoxie der Geschichte für jeden von uns. Warum denn? Weil wir erlöst und vernichtet in einem gewesen sind.“

Zur historischen Paradoxie trat die politische Rivalität: Die westdeutsche Vergangenheitsverschweigung korrespondierte mit der ostdeutschen Vergangenheitsbetonung. Regierungssprecher Karl-Günther von Hase brachte das zum zwanzigsten Jahrestag des Kriegsendes für die Bundesregierung zum Ausdruck: Ich möchte dazu sagen, dass der Westen seine Verpflichtungen für eine friedliche Zukunft erneuert hat, während der Osten die Vergangenheit gefeiert hat, weil er offenbar nicht in der Lage ist, die Gegenwart und Zukunft konstruktiv zu bewältigen.

DDR-Bezeichnung nicht besonders glücklich

Der staatliche Schweigekonsens gegenüber dem ambivalenten Datum hielt über Jahrzehnte. Noch zum zwanzigsten Jahrestag 1965 betrachtete der nunmehrige Bundeskanzler Ludwig Erhard den 8. Mai lediglich als einen Tag, „so grau und trostlos wie so viele vor oder auch nach ihm“. Für die sozialdemokratische Opposition setzte auch Willy Brandt den zur selben Zeit in der DDR inszenierten Befreiungsfeiern ein entschiedenes Verzichtbekenntnis auf historische Antijubiläen entgegen: „Zwanzig Jahre sind genug – genug der Spaltung, genug der Resignation und genug des bloßen Zurückschauens.“

Es bedurfte der Herausbildung des Trauer- und Mahnjubiläums seit den 1960er-Jahren, um den 8. Mai in den bundesdeutschen Gedenkkalender aufzunehmen. Greifbar wird dieser Wandel in Richard von Weizsäckers berühmt gewordener Gedenkrede im Deutschen Bundestag zum 40. Jahrestag des Kriegsendes 1985, die den 8. Mai vom Tag der Kapitulation mit präsidialer Autorität zum Tag der Befreiung umwertete.

Der Bundespräsident formulierte einen über 1989/90 und bis heute fortbestehenden gesellschaftlichen Grundkonsens, der die andauernde Auseinandersetzung mit dem nationalsozialistischen Zivilisationsbruch nicht als bedrückende Last, sondern als befreiende Aufgabe begreift und deswegen den 8. Mai als einen Trauer und Feier verbindenden Gedenktag betrachtet. 

Die Akzentsetzung innerhalb dieses Rahmens verschiebt sich mit der weitgehend vollzogenen Ablösung von der Erfahrungsgeneration weiter. Von Jahr zu Jahr schwächer werden die Stimmen, die die Niederlage mit ihren katastrophalen Begleitumständen ins Gedächtnis rufen und an die Deutschen als Opfer der Kriegsfurie erinnern, die am Ende ihr eigenes Land in beispielloser Weise verheerte. Immer stärker dagegen artikuliert sich eine Sicht, die den Zusammenbruch als Aufbruch versteht und damit als Grundstein unserer demokratischen Wertordnung.

Der historischen Bedeutung des 8. Mai entspricht es, dieses Datum 75 Jahre nach Kriegsende endlich als gesetzlichen Feiertag dauerhaft im gesellschaftlichen Gedächtnis zu verankern. Der Vorschlag, das im ritualisierten DDR-Gedenken abgeschliffene Wort „Befreiung“ als alleinige Bezeichnung zu nehmen, ist allerdings nicht besonders glücklich. Es rechnet in unhistorischer Weise die Besiegten umstandslos den Siegern zu und vernachlässigt die berühmte US-Direktive vom 26. April 1945: „Deutschland wird nicht besetzt zum Zwecke seiner Befreiung, sondern als ein besiegter Feindstaat.“ Den 8. Mai allein als Tag der Befreiung zu feiern, überschreibt Ambivalenz durch Eindeutigkeit. Dies aber wird der dramatischen Differenz zwischen zeitgenössischer Erfahrung und nachzeitiger Betrachtung nicht gerecht. Ebensowenig trägt es der widersprüchlichen Vielschichtigkeit eines Datums Rechnung, das von den Mitlebenden als auswegloser Untergang ebenso erlebt werden konnte wie als ersehnte Rettung.

Die Bundesrepublik Deutschland würde der Entwicklung ihrer Erinnerungskultur angemessen Rechnung tragen, wenn sie den 8. Mai unter dieser Bezeichnung zum gesetzlichen Feiertag erheben würde. Und damit zum Ausdruck brächte, dass der 8. Mai 1945 ein die Zeiten überdauernder Tag der befreienden Niederlage und des rettenden Zusammenbruchs war.

Unser Autor:

Martin Sabrow ist Direktor des Leibniz-Zentrums für Zeithistorische Forschung in Potsdam und Professor für Neueste Geschichte an der Humboldt-Universität Berlin.

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