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Macht Radeberg sachsenweit Schule?

An der Pestalozzi-Oberschule sind neue Unterricht-Ideen entwickelt worden. Davon könnten nun Schüler und Lehrer in ganz Sachsen profitieren.

© Willem Darrelmann

Von Jens Fritzsche

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Wie hält man eine Klasse von knapp 30 Oberschülern anderthalb Stunden lang bei Laune? So könnte man ein wenig flapsig zusammenfassen, vor welcher Frage die Lehrer der Radeberger Pestalozzischule damals standen.

Damals, das war 2011, und an der Pestalozzischule war auf sogenannten Blockunterricht umgestellt worden – also statt wie bisher üblich, eine 45-minütige Schulstunde auf die nächste folgen zu lassen, wurden nun zwei Stunden zu einem Block zusammengefasst. „Das hat den Vorteil, dass sich die Schüler intensiver mit Themen befassen können, statt sich nach 45 Minuten schon wieder mit etwas ganz anderem auseinandersetzen müssen“, sagt Eike Gäbler, Mathe- und Chemie-Lehrerin. Allerdings, auch das ist klar, fällt dadurch eben die kurze Pause zwischen den beiden Stunden weg – „und nun kommt es darauf an, Methoden und Tricks zu finden, die Aufmerksamkeit der Schüler trotzdem über die vollen jetzt anderthalb Stunden hochzuhalten, denn wir wollen mit dem Blockunterricht ja auch die Unterrichts-Qualität erhöhen.“ Und da das Thema Qualität ein Thema ist, das natürlich auch andere Schulen in Sachsen bewegt, füllte der Freistaat damals gemeinsam mit der EU einen Fördertopf, mit dessen Hilfe dann einige Schulen in Sachsen entsprechende Projekte entwickeln sollten.

Die Radeberger meldeten sich – und bekamen den Zuschlag für das über gut vier Jahre laufende Pilot-Projekt. Qualitätsmanagement, ist das Projekt an der Pestalozzischule nun umschrieben, und ein Lehrer-Team um Eike Gäbler nahm sich der Sache an. Und neben der Gestaltung des Blockunterrichts geht es auch noch um ein zweites wichtiges Thema: nämlich die Freiarbeit der Schüler der fünften Klassen neu zu gestalten. Quasi sollen die Schüler lernen, selbstständig zu lernen. Zu lernen, wie man lernt also – und zu lernen, welche Dinge ihnen schwerfallen, und gerade diese dann intensiver zu üben. Zudem sollen Schüler lernen, sich beim Lernen gegenseitig zu helfen. Und das alles ohne „gängelnde“ Lehrer… „Wir sind zwar in den Freiarbeitsstunden dabei, aber werden nur aktiv, wenn wir gefragt werden“, beschreibt Deutschlehrerin Karla Jantschke, die ebenfalls zum Projekt-Team gehört.

Die Radeberger Ideen stehen dabei nicht nur vor den eigenen Lehrern auf dem Prüfstand. „Es gibt ja im Projekt noch weitere sächsische Oberschulen, die so wie wir auch, eigene Ideen entwickeln – wir tauschen uns regelmäßig aus, zuletzt im November, und am Ende werden dabei nun Vorschläge herauskommen, die an allen Oberschulen so oder so ähnlich umgesetzt werden könnten“, so Eike Gäbler. Nicht jede Schule müsse ja das Rad neu erfinden. Wobei das Ganze kein Dogma sei. Denn so, wie auf die individuellen Stärken und Schwächen jedes Schülers eingegangen werden müsse, „müssen natürlich auch die Besonderheiten jeder Schule, jeder Region in die Umsetzung solcher Ideenvorschläge einfließen“, ist Eike Gäbler überzeugt.

Entwickelt hat das Qualitätsmanagement-Team an der Pestalozzischule während der vergangenen vier Jahre nun ein komplett neues Konzept für die Freiarbeit, das zunächst für die fünften Klassen getestet wurde und nun auch auf die sechsten Klassen erweitert werden soll. Die Schüler haben dabei kurz gesagt, auf die Unterrichtsfächer abgestimmte Pflichtinhalte abzuarbeiten – hinzu kommen dann aber eben auch freiwillige Angebote, mit denen die Schüler ihre ganz individuellen Schwächen in einzelnen Fächern abbauen können. „Dazu müssen sie natürlich lernen, sich selbst einschätzen zu können“, beschreibt Deutschlehrerin Karla Jantschke einen wichtigen Aspekt des Konzeptes. Selbsterarbeitet hat das Lehrer-Team dabei auch die zur Freiarbeit gehörenden Arbeitsmaterialien für die Schüler.

Zweites wichtiges Ergebnis des Projekts: Für die Gestaltung des Blockunterrichts ist eine sogenannte Methodenkiste für die Lehrer entwickelt worden. „Vorschläge und Methoden, diese anderthalb Stunden interessant gestalten zu können“, beschreibt Eike Gäbler.

Das Projekt der Radeberger Pestalozzischule könnte nun also sachsenweit Schule machen. „Aber natürlich ist es ein lebendiges Projekt, das auch immer weiterentwickelt werden muss“, ist Eike Gäbler überzeugt. Wie das künftig passiert, ist dabei offen. Denn im März läuft die Finanzierung des Projektes erst einmal aus. „Noch gibt es kein Nachfolgeprogramm“, bedauert die Team-Chefin. Denn so ganz ohne finanzielle Unterstützung dürfte es schwierig werden, den begonnenen Weg weiter zugehen. So verursacht ja beispielsweise allein die stetige Aktualisierung und Vervielfältigung der für die Freiarbeit entwickelten Arbeitsmaterialien für die Schüler nicht unerhebliche Kosten. „Wir suchen derzeit natürlich nach Wegen, denn das Wichtigste an diesem Projekt ist natürlich, dass wir weiter dran bleiben“, hofft Eike Gäbler.

Jedenfalls könnte dem Unterricht in ganz Sachsen demnächst durchaus ein Stück Stempel aus Radeberg aufgedrückt werden.

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