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"Ich gehe anders ran als ein Mann"

Seit 100 Tagen ist Madeleine Rentsch Bürgermeisterin in Radibor. Sie hat Spaß am Job - obwohl sie von mehreren Problemen überrollt wurde.

Die Freude an ihrer neuen Aufgabe sieht man Radibors Bürgermeisterin Madeleine Rentsch, die im Mai ihr Amt antrat, deutlich an. Trotz vieler aktueller Herausforderungen denkt sie schon weit in die Zukunft.
Die Freude an ihrer neuen Aufgabe sieht man Radibors Bürgermeisterin Madeleine Rentsch, die im Mai ihr Amt antrat, deutlich an. Trotz vieler aktueller Herausforderungen denkt sie schon weit in die Zukunft. © Steffen Unger

Radibor. Madeleine Rentsch (Wählervereinigung "Heimatfreunde Milkel") trat ihre Stelle als neue Bürgermeisterin von Radibor am 1. Mai dieses Jahres an. Fast 30 Jahre lang war vor ihr Vinzenz Baberschke (CDU) im Amt. Inmitten des Corona-Lockdowns öffnete die Deutsche das erste Mal die Tür zum Amtszimmer in der sorbischen Gemeinde. Seither sind 100 Tage vergangen. Sächsische.de wollte von ihr wissen, wie sie diese Zeit empfand und was sie jetzt vorhat.

Frau Rentsch, inmitten der Corona-Pandemie haben Sie Ihr Amt als neue Bürgermeisterin von Radibor angetreten. Hatten Sie sich Ihren Amtsantritt so vorgestellt?

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Ich glaube, niemand stellt sich seinen Amtsantritt so vor. Aber damit muss man natürlich umgehen. Ich habe diese Lage mit meinen Mitarbeitern zusammen gemeistert. Rückblickend denke ich, wir haben alle an einem Strang gezogen und das Beste aus der Corona-Krise gemacht. 

Ist Corona nur eine Herausforderung oder auch eine Chance?

Natürlich ist es eine Herausforderung. Aber solche Ereignisse können immer passieren - egal, in welchem Fachbereich und zu welchem Thema. Insofern ist Corona eine Chance, sich zu beweisen. Kurzfristig abzuwägen und Entscheidungen treffen zu müssen, war  herausfordernd für mich und meine Mitarbeiter. Wir mussten uns in kürzester Zeit finden, miteinander arbeiten und ein Vertrauensverhältnis aufbauen.

Gefallen Sie sich in der Rolle der Krisenmanagerin?

Ich würde sagen, Krisenmanagerin will ich auf Dauer ungern sein. Aber ja, man merkt, was man selber leisten kann.

Welche Herausforderungen haben neben Corona auf Sie gewartet?

Einige. Fast zeitgleich mit Corona mussten wir 14 zusätzliche Hortplätze schaffen. Das ist ein großes Thema, das uns in den kommenden Jahren begleiten wird. Wir haben innerhalb kürzester Zeit eine Lösung finden können, die funktioniert. Das alles ging nur, weil alle Beteiligten sehr gut miteinander kommuniziert haben. Die Betriebserlaubnis für den Hort-Raum in der Turnhalle ist auf fünf Jahre begrenzt. Das heißt zum einen, dass wir an einer langfristigen Lösung arbeiten müssen, zum anderen aber auch, dass der Raum dann wieder für die Vereine zur Verfügung stehen wird.

Ist das Finden einer schnellen Lösung für die Hortproblematik der größte Erfolg ihrer bisherigen Amtszeit?

Ja, vor allem auch, weil ich mit diesem Problem bei Amtsantritt nicht gerechnet habe. Ich hatte ganz andere Vorhaben und Wünsche auf meinem Zettel. Neben Corona war der Engpass an Betreuungsplätzen ein Problem, auf das zügig und besonnen reagiert werden musste. Ich bin froh, dass wir mit Schuljahresbeginn ausreichend Plätze anbieten können. Das ist aber nicht allein mein Verdienst. Als es schnell gehen musste, konnte ich auf die Aussagen von Akteuren und Ämtern voll vertrauen.

Kommunikation mit allen - ist das Ihre Strategie?

Ja, ich denke, das ist ganz wichtig. Man kann vieles auf technischem Weg machen. Das ersetzt aber nicht das Zusammensitzen an einem Tisch. Klar kann es da auch mal krachen. Aber genau das ist wichtig, um am Ende für die Sache zu arbeiten.

Das klingt nach harten Arbeitstagen...

Ja, klar! Die Arbeitstage sind lang, gerade am Anfang. Weil man ja auch erstmal die Verwaltungsstruktur anschauen und sich fragen muss, was man noch verbessern kann.

Als ehemalige Gemeinderätin kennen Sie das Prozedere einer Gemeinderatssitzung. War es dennoch seltsam, sie erstmals zu leiten?

Seltsam würde ich nicht sagen. Es hat mich gefreut, selber lenken und leiten zu können. Aber natürlich ist man aufgeregt, zumal wir aufgrund von Corona in die große Turnhalle ausweichen mussten. Dazu kam, dass wegen des Hortthemas etwa 30 Bürger anwesend waren. Auch das ist eher unüblich. Die Aufgabe, der Veranstaltungsort, die Probleme - alles war neu. Dennoch war ich, als die Sitzung halb zwölf beendet war, sehr zufrieden mit dem Verlauf. Sicher mache ich vieles anders als Vinzenz Baberschke. Aber ich habe noch nichts Negatives dazu gehört.

Wie ist es, als Frau in einer Männerdomäne das oberste Amt in der Gemeinde zu bekleiden?

Ich empfinde das als egal. Ich fühle mich wohl. Die Kollegen involvieren mich, wir kommen gut ins Gespräch. Dadurch, dass ich früher in der Bauverwaltung - einem ebenfalls männlich dominierten Arbeitsumfeld - gearbeitet habe, bin ich das gewohnt. Sicher gehe ich ganz anders an das Amt ran als ein Mann. Ich denke, als Frau hat man mehr Bewusstsein für Feinheiten. Sicher müssen sich auch die Bürger darauf einlassen. Aber diese Offenheit verspüre ich.

Welche Herausforderungen warten jetzt auf Sie?

Ich möchte, dass alles, was langfristig ansteht, in unserem nächsten Haushaltsplan berücksichtigt ist. Da sind Hort und Schule ein wichtiger Faktor. Außerdem müssen wir bis Ende des Jahres einen Brandschutzbedarfsplan erarbeiten. Auch die Verbesserung der Infrastruktur - auch für unsere Touristen - ist ein wichtiges Vorhaben, genau wie die Förderung der sorbischen Kultur. Außerdem wollen wir 22 Bauplätze in Radibor erschließen und erarbeiten dafür gerade den größten Bebauungsplan, den es hier jemals gab.

Wollen Sie wieder kandidieren, wenn Ihre erste Amtszeit zu Ende ist?

Bis ich mir diese Frage stellen muss, habe ich ja noch ein bisschen Zeit. Aber ja, es macht mir Spaß, und ich denke weiter als bis in sieben Jahren. Wenn ich überlege, wo ich die Gemeinde Radibor sehe und was bis dahin alles noch umzusetzen ist, muss ich sagen: Ja! Ich möchte noch einmal kandidieren.

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