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„Männer trauen Kindern mehr zu“

Karsten Müller arbeitet als Erzieher in der privaten Kita „Vogelnest“. Im Landkreis ist das noch eine Seltenheit.

Von Cornelia Riedel

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Karsten Müller ist eine Rarität. Zumindest in seinem Beruf. Der 37-Jährige ist seit anderthalb Jahren Erzieher in der privaten Neustädter Kindertagesstätte „Vogelnest“. Und damit einer der wenigen Männer in diesem Beruf. Landkreisweit sind nur fünf Prozent aller Kita-Erzieher Männer. Karsten Müller ist einer von ihnen. In der Neustädter Einrichtung, in der er arbeitet, werden 40 Kinder in fünf Gruppen betreut. Müller ist für sechs Zwei- und Dreijährige verantwortlich. Er spielt mit ihnen, tobt über den Hof, wechselt Windeln und hilft beim An- und Ausziehen.

Eigentlich ist Karsten Müller gelernter Beton- und Stahlbauer. Anschließend hat er eine Lehre zum Industriekaufmann absolviert. „Doch ich habe früh gemerkt, dass das nicht meine Berufung ist. Ich wollte den Umgang mit Menschen“, erzählt er. Als Hausmeister im Jugendhaus in Neukirch kam Müller das erste Mal mit jungen Menschen in Kontakt. Als er mit Anfang 30 die Chance für eine neue Ausbildung zum Erzieher erhält, greift er zu. „Junge Menschen auf ihrem Weg zu eigenständigen Persönlichkeiten begleiten, das ist mein Ding“, sagt Karsten Müller. Deshalb habe er sich für den Beruf des Erziehers entschieden. Eigene Kinder hat er. Sie sind 20, 13 und sieben Jahre alt. Zusammen mit seiner Familie wohnt er in Steinigtwolmsdorf.

Im „Vogelnest“-Team ist Karsten Müller derzeit nur von Frauen umgeben. Die Unterschiede zum Arbeitsstil seiner weiblichen Kollegen beschreibt er so: „Männer trauen den Kindern schon mal mehr zu, oder ermutigen eher, sich auszuprobieren – egal ob beim Bäumeklettern oder Fußballspielen.“ Wenn das Spiel mit dem runden Leder auf der Tagesordnung steht, dann ist er gefragt. Den kleinen Unterschied gibt es auch beim Basteln. Denn wenn Karsten Müller Dienst hat, werden weniger Strohsterne gebastelt, sondern eher Teelichthalter aus Holz gebaut oder hinter der Kita Hütten aus Ästen und Zweigen. Dieses Jahr will er mit seinen Kitakindern einen Schrotttag veranstalten. Die Kleinen können dann alte Elektrogeräte mitbringen, die auseinander und dann zu etwas Neuem zusammengebaut werden.

Was die Erziehung anbelangt – darauf legt Müller wert – ist er jedoch mit seinen Kolleginnen auf einer Linie. „Kinder brauchen einen strukturierten Tagesablauf mit Ritualen, Grenzen und Regeln. Ein konsequenter Erziehungsstil ist für die Gruppe unersetzlich“, erklärt er seine Prinzipien. Zwei Drittel Lob und ein Drittel Kritik, das ist sein Geheimrezept.

Sein Job als Erzieher ist für manches Kind noch ungewohnt. Als Mann in einer Kita arbeiten, das kennen viele nicht. Erst kürzlich wurde Karsten Müller von einem seiner Schützlinge gefragt, was er denn eigentlich arbeite. „Du bist doch immer hier?“, fragte ihn das Kind. Ein Elternteil hielt ihn sogar für den Hausmeister.

Nur fünf Prozent Männer in Kitas

Caroline Barthels Tochter Mathilda ist seit November in Karsten Müllers Gruppe. „Dass unsere Tochter einen Erzieher hat, das finden wir gut“, sagt die Mutter. Er gehe mit den Kindern in gewisser Weise offener und freier um, fordere sie auch mal, an ihre Grenzen zu gehen und traue ihnen mehr zu.

Dass er als männlicher Erzieher im Kindergarten eine Sonderrolle erfüllt, ist Müller klar. „Es gibt alleinerziehende Mütter oder Familien, in denen der Vater die Woche über auf Montage ist, da ist ein zusätzlicher Mann als Bezugsperson für die Kinder manchmal von Vorteil“, sagt er. Das bedeute jedoch nicht, dass die Elternrolle dadurch ersetzt wird. Gerade im Krippenbetrieb, bei der Betreuung von Kindern unter drei Jahren, seien Männer als Erzieher die absolute Ausnahme. Das bestätigen auch Zahlen des Landkreises. Dietmar Schneider, Abteilungsleiter der Kinder-, Jugend- und Familienhilfe beim Landratsamt, sagt: „2013 waren von 1 676 Kita-Fachkräften 66 Männer. Im letzten Jahr gab es unter den 1 783 Kita-Beschäftigten 92 Männer.“ Der Anteil liegt damit aktuell bei fünf Prozent.

Für die Eltern ist der männliche Erzieher kein Problem. „Da gab es nie Vorbehalte“, erzählt Karsten Müller. Alle Kinder gleichwertig zu behandeln und eine gesunde Distanz zu ihnen zu wahren, sei für ihn selbstverständlich. „Ich habe aber immer ein offenes Ohr für ihre Sorgen und Ängste, aber auch für die schönen Anekdoten der Kinder. Sich geborgen zu fühlen, das ist für Kinder immens wichtig. Egal, ob der Erzieher männlich oder weiblich ist“, betont Müller. Vor Kurzem traf er einige Erstklässler, die er bis zum Sommer betreut hatte. „Die haben mich gedrückt und die Eltern haben sich noch einmal bei mir bedankt“, erzählt er. „Das ist die beste Bestätigung.“

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