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Maestros Erinnerungen

Obwohl er Schostakowitsch gut kannte, ahnte er nichts von Gohrisch. Nun bekam Gennadi Roschdestwenski hier einen Preis.

© Katja Frohberg

Von Heike Sabel

Gohrisch. Er war bei der Queen und bekam das Ehrenzeichen des Order of the British Empire. Das war vor zwei Jahren. Da wusste er noch nichts von Gohrisch und dass es hier ein Schostakowitsch-Festival und einen gleichnamigen Preis gibt. Nun kam Gennadi Roschdestwenski in den kleinen Ort und erhielt den Preis, der dem Komponisten und seinem Freund gewidmet ist. Erfahren hat er davon im Dezember 2015, per Brief und per Anruf seiner Agentur. Gennadi Roschdestwenski betritt den Raum in Annas Hof in Gohrisch, in dem die Preisverleihung am vergangenen Mittwoch stattfand. Mit ihm kommt ein Hauch der alten Zeit. Im Mai wird der Dirigent 85. Seine Frau Viktoria Postnikowa ist Pianistin, begleitet ihn und wird zwei Stücke spielen an diesem späten Nachmittag. Wenn sie über ihren Mann spricht, sagt sie „der Maestro“.

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Während sie Schostakowitschs erste Klaviersonate op. 12 spielt, kritzelt Gennadi Roschdestwenski immer wieder mit Filzstift etwas auf einen Zettel. Es sind die Worte für eine eigentlich fünfminütige Dankesrede, die dann zu einem halbstündig-kurzweiligen Einblick in seine persönlichen Begegnungen mit Schostakowitsch wird. Roschdestwenski, der 84-Jährige, spricht seinerseits von dem Komponisten, der dieses Jahr im September 110 würde, von einem Maestro. Er schwärmt vom sagenhaften Gehör Schostakowitschs, der sich jede Note eines zweieinhalbstündigen Konzertes merkte, von seiner Achtung ihm, dem Dirigenten, gegenüber, den er bei Proben nie unterbrach.

Jede Minute ist wertvoll

Zwischendurch erinnert sich Roschdestwenski, dass er ja nur fünf Minuten reden sollte und sagt: Ich hoffe, ich halte Sie nicht zu lange auf, aber es macht Spaß. Mit Schostakowitsch habe er übrigens immer schnell geredet, weil er dessen wertvolle Zeit nicht stehlen wollte. Darüber muss sich der Gast in Gohrisch allerdings keine Sorgen machen. Für die Schostakowitsch-Freunde ist jede Minute mit Roschdestwenski wertvoll. Für dieses Jahr ist der Kalender von Roschdestwenski schon voll. „Aber vielleicht kommen wir nächstes Jahr zur Eröffnung der Schostakowitsch-Tage“, sagt seine Frau. „Sie gehören einfach nach Gohrisch“, entgegnet Tobias Niederschlag, der die Laudatio hält und das Gohrischer Festival als künstlerischer Leiter begleitet. Roschdestwenski ist gerührt. Die Atmosphäre bringe ihn zum Schweigen, seine Gefühle könne er nicht mit Worten ausdrücken.

Roschdestwenski schaut immer wieder auf ein Foto, dass die Organisatoren der Preisverleihung vom Schostakowitsch-Verein aufgehängt haben. Es zeigt Roschestwenski mit Schostakowitsch bei Proben zur Oper „Die Nase“. Die Partitur dafür hatte Roschdestwenski beim Subbotnik, einem Arbeitseinsatz, am Moskauer Bolschoi-Theater gefunden. Er fragte seinen Chef, ob er sie behalten könne. Der war großzügig, man brauche sie nicht. „Immer schimpfen die Leute über den Subbotnik, aber er hatte auch manchmal was Gutes.“

So nah wie lange nicht

Der Schostakowitsch-Preis aus Sandstein und Edelstahl wird seit 2010 vergeben. Er trägt diesmal Roschdestwenskis Namen und wie immer die Initialen G und S, für Gohrisch und Schostakowitsch. Im Falle des diesjährigen Preisträgers könnte das G auch für Gennadi stehen. Der Preis ist klein, aber schwer. Per Post will ihn der 84-jährige Roschdestwenski trotzdem nicht geschickt bekommen. Er könnte ja verloren gehen. Zu Hause in Moskau will er ihn auf seinen Arbeitstisch stellen. Einen Platz dafür werde er finden.

In Gohrisch sei er Schostakowitsch wieder so nah gewesen wie lange nicht, erzählt Roschdestwenski. Bei der Queen war es königlich, in Gohrisch familiär.