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Magro-Mitarbeiter stellt Strafanzeige

Steffen Golbs hat die Großschönauer Maschinenfabrik als letzter verlassen. Wo der Geschäftsführer ist, weiß er nicht. Das vorläufige Ende eines Wirtschaftskrimis.

Steffen Golbs hat bei der Magro Maschinenfabrik in Großschönau das Licht ausgemacht. Der Maschinenbau-Ingenieur hat als letzter gekündigt.
Steffen Golbs hat bei der Magro Maschinenfabrik in Großschönau das Licht ausgemacht. Der Maschinenbau-Ingenieur hat als letzter gekündigt. © Rafael Sampedro/foto-sampedro.de

Am Ende ist Steffen Golbs alleine im Betrieb - und schließt zu. Alle Kollegen, die zuletzt noch in der Großschönauer Maschinenfabrik arbeiten, haben einer nach dem anderen gekündigt. "Eine völlig groteske Situation", sagt Golbs. "Wir haben den Geschäftsführer seit Anfang Januar nicht mehr gesehen. Wir waren uns in einer Art Selbstlauf vollkommen selber überlassen."

Dabei hätte es noch genügend Arbeit und Aufträge gegeben bei der Magro in Großschönau. Aber alleine hätte Steffen Golbs auch nichts mehr ausrichten können. Also schreibt auch der Maschinenbau-Ingenieur aus Ebersbach nach zehn Jahren in der Firma zum 31. März seine Kündigung. Er hat das ganze Jahr noch keinen Lohn bekommen.

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"Ich war der letzte", erzählt Steffen Golbs und schüttelt immer noch ungläubig den Kopf. "Ich bin dann noch mal durch den ganzen Betrieb gegangen, hab die Post aus dem Briefkasten genommen - und dann hab ich zugeschlossen." Und weil er nicht wusste, wohin mit dem Schlüssel, hat er ihn zum Vorbesitzer gebracht, zu Manfred Grützmacher, dem immer noch die Immobilie gehört. 

Ex-Mitarbeiter klagen ausstehenden Lohn ein

Ist das jetzt das definitive Ende des traditionsreichen Maschienenbau-Unternehmens an der Waltersdorfer Straße - wie es ehemalige Mitarbeiter schon länger vermuten? Diese Frage kann nur einer beantworten: Rudolf Keller, Diplomkaufmann aus Höchberg in Unterfranken und seit knapp zwei Jahren Geschäftsführer der Magro Maschinenfabrik in Großschönau.

Aber der Mann ist nicht zu erreichen - weder in Großschönau noch an seinem Firmenstandort im fränkischen Thiersheim. Weder für die ehemaligen Mitarbeiter noch für die SZ. Er sei gerade nicht zu sprechen, heißt es stets von einer freundlichen Sekretärin in Thiersheim. Auch auf E-Mails an seine persönliche und die Firmenadresse antwortet Rudolf Keller nicht.

Steffen Golbs und seine Kollegen sind vor das Arbeitsgericht in Bautzen gezogen, um die ausstehenden Lohnzahlungen einzuklagen. Den letzten Lohn, sagt der 57-Jährige, hätten sie im Dezember erhalten. Und den auch nur zur Hälfte. Das Arbeitsgericht spricht den Mitarbeitern Recht zu. Sie haben jetzt ein "Versäumnisurteil" in den Händen - und können ihren ausstehenden Lohn einklagen. Steffen Golbs macht sich keine große Hoffnung. "Jetzt haben wir zwar das Urteil in der Hand, aber längst noch kein Geld."

Verdacht der Insolvenzverschleppung

Am Montag hat Steffen Golbs bei der Polizeidirektion Görlitz eine Strafanzeige wegen des Verdachts der Insolvenzverschleppung gestellt. So könnten seine Kollegen und er vielleicht wenigstens auf Insolvenzgeld hoffen.  

"Sollte die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen aufnehmen, hätte sie sicher einiges zu tun", ist Steffen Golbs überzeugt. Auch im fränkischen Thiersheim ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen Keller. Hier kauft der Unternehmer am 31. Dezember 2016 die Günzel Maschinenbau GmbH mit 27 Mitarbeitern. Vorbesitzer Markus Günzel hat Rudolf Keller wegen Betrugs verklagt. Es geht um die Kaufsumme von 1,5 Millionen Euro.

Zudem hat Günzel ausstehende Mietzahlungen für die Thiersheimer Werkhallen eingeklagt, die ihm immer noch gehören. "Ich habe vom Gericht auch einen vollstreckbaren Titel in der Hand", sagt der 47-Jährige. "Am Montag habe ich einen Gerichtsvollzieher beauftragt. Ich kann jetzt nur hoffen, dass er das Geld für mich eintreibt." Aber viel Hoffnung hat auch er nicht. "Ich weiß, dass es hier in Thiersheim ebenfalls Zahlungsschwierigkeiten und Kündigungen gibt", sagt er.

Ist auch der Freistaat beteiligt?

Günzels ehemalige Firma in Thiersheim heißt jetzt Magro. Nach dem Kauf der Firma in Großschönau hatte Keller den Namen mit nach Bayern genommen. Warum er das gemacht hat, ist nicht das einzige Unerklärliche in diesem Wirtschaftskrimi. Viele Fragen sind offen: Warum lässt sich ein Unternehmer monatelang nicht in seiner Firma blicken? Warum überlässt er die bis dato gut laufende Produktion von Maschinenteilen in der Oberlausitz dem Selbstlauf?

Und hängt auch der Freistaat finanziell mit drin in Kellers Geschäften? Gibt es eine Beteiligung? Hat der Unternehmer Fördermittel bekommen? Von Beate Bartsch, der Sprecherin der Sächsischen Aufbaubank (SAB), gibt es auf diese Fragen keine ausreichenden Antworten. Sie erklärt lediglich, dass der Freistaat an Kellers Firma in Großschönau nicht beteiligt sei. Darüberhinaus sei die SAB aber nicht auskunftsberechtigt. Alles weitere unterliege dem Bank- und Verwaltungsgeheimnis.

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