merken
PLUS Weißwasser

Mahnende Worte an Weißwassers Stadträte

Pfarrer Martin Zinkernagel erinnert an die Wende – und die Pflicht, aus der Mitbestimmung einen Segen zu machen.

Pfarrer Martin Zinkernagel ist nicht gleichgültig, was in der Stadt geschieht. Deshalb wandte er sich jetzt eindrucksvoll. an die Räte.
Pfarrer Martin Zinkernagel ist nicht gleichgültig, was in der Stadt geschieht. Deshalb wandte er sich jetzt eindrucksvoll. an die Räte. © Foto: Constanze Knappe

Weißwasser. Zum ersten Mal im Stadtrat Weißwasser hatte Pfarrer Martin Zinkernagel am Montag sogar Rederecht im Rahmen der offiziellen Tagesordnung. Aus gutem Grund. Er erinnerte an die Wende vor 30 Jahren. „Wir beschäftigen uns nicht bloß mit Finanzen und Senioren. Als Kirchengemeinde ist es uns nicht egal, was in der Stadt passiert“, sagte er einleitend. 

Er verwies auf eine Plakette, welche die evangelische Kirche als einen Ort von Frieden und Gerechtigkeit ausweist. Ganz genau so, wie es seinerzeit Anliegen des Runden Tisches in Weißwasser war, den sein Vor-Vor-Vorgänger mit initiiert habe. „Dass heute ein frei gewählter Stadtrat über die Geschicke von Weißwasser entscheidet, hat sehr viel damit zu tun, dass Leute vor 30 Jahren gesagt haben: «Es ist genug, wir wollen mitbestimmen!»“, so Pfarrer Martin Zinkernagel.

Geld und Recht
Wer den Pfennig nicht ehrt
Wer den Pfennig nicht ehrt

und sich nicht im Paragrafendschungel zurechtfindet, ist schnell arm dran. Tipps und Tricks rund um Geld, Sparen und juristische Fallstricke gibt es hier zu finden.

Wohin die Mitbestimmung führt, sehe man daran, wie bunt der Stadtrat geworden ist. Allerdings habe der Gemeindekirchenrat seit Langem den Eindruck, dass der Stadtrat gelähmt sei. „Er beschäftigt sich nur mit sich selbst und immer sind die anderen schuld. So jedenfalls kommt es bei den Bürgern an“, sagte der Pfarrer. Es gehöre zur Demokratie dazu, verlieren zu können und miteinander auszukommen, auch wenn man nicht die gleiche Meinung teilt.

Am Friedenspfahl neben der evangelischen Kirche steht die Jahreslosung „Suchet Frieden und jaget ihm nach“. Dies sei an vielen Stellen nötig, egal ob jemand gläubig ist oder nicht. Frieden suchen, das sei eine Bewegung des Herzens, habe mit Vergeben und Neuanfangen zu tun. „Ich will kein zusätzlicher Meckerkopf sein, von denen wir viele in der Stadt haben“, erklärte der Pfarrer der evangelischen Kirchengemeinde. Er warb dafür, „aufeinander zuzugehen“, statt Leute immer auf früher Gesagtes festzulegen. „Indem wir dem Frieden nachjagen, entsteht Segen, und den brauchen wir für unsere Stadt.“ Mit Blick auf die Aufbruchstimmung der Wende appellierte er an die Räte, sie seien gewählt, Segen für die Stadt zu bringen. Es gebe Vieles zu tun, dabei wirke ein Stadtrat mit, indem er Kompromisse finde. Für seine mahnenden Worte erntete Pfarrer Martin Zinkernagel durchweg Zustimmung.

Im Ergebnis der Kommunalwahlen im Mai wurde die Zusammensetzung des Stadtrats in Weißwasser gehörig durcheinandergewirbelt. Ihm gehören jetzt die Fraktionen Klartext (7 Sitze) und AfD (5) sowie die CDU, Linke und SPD (jeweils 2), die Wählervereinigungen Kinder, Jugend und Familie (KJiK) und Für unser Weißwasser (FuW) mit jeweils einem Sitz an. Nach der konstituierenden Sitzung im September war in dieser ersten echten Arbeitsberatung an diesem Montag trotz durchaus strittiger Meinungen der Wille aller Beteiligten zur Sachlichkeit zu spüren. Das hatte der alte Rat zuletzt mehr und mehr vermissen lassen. Oberbürgermeister Torsten Pötzsch (Klartext) dankte Pfarrer Zinkernagel „für die andere Sichtweise“. Zu einem Neuanfang gehören „verbindende Werte und Respekt“, wie er sagte. Auch seien kleine Gesten wichtig. Mit einer ebensolchen – und noch dazu einer Neuerung – überraschte Karina Ott (FuW): Die neugewählte Rätin hatte für die Sitzung Kekse spendiert und dazu aufgefordert, dass sich nacheinander jedes Mitglied des Stadtrats in ähnlicher Weise beteilige.

Zu Beginn der Sitzung gedachten die Stadträte von Weißwasser mit einer Schweigeminute jener zwei Opfer, „die aufgrund der tragischen und erschreckenden Ereignisse in Halle an der Saale“ durch tödliche Schüsse starben, und der beiden Opfer, die schwer verletzt wurden.

Mehr zum Thema Weißwasser